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Auf LSD Am Christkindlmarkt

von Markus Lust

img_3782-custom1 Glitzernder Kitschschmuck, aufrichtiges Kunsthandwerk, dampfende Käsebrote und überall der Geruch von Obstdurchfall und Alkoholikeratem: Das ist der Mythos, den wir in Österreich Christkindlmarkt nennen. Allein dieser Institution ist es zu verdanken, dass wir ehrbaren Bürger ohne schlechtes Gewissen mit einem leichten Dauerdusel durch die Adventszeit wanken und das empfindliche Besinnlichkeitsgefüge nicht vor dem 27. 12. in sich zusammenfällt wie die Twin Towers bei 9/11. Und weil das alles so schön ist, beziehungsweise weil sich eine so sinnstiftende Einrichtung endlich mal einen gebührenden Tribut verdient hat, haben wir zum Jahresausklang ein bisschen LSD eingeworfen und sind am legendären Markt direkt auf dem Wiener Rathausplatz spazierengegangen.img_3688-custom1 Eine alte Bauernregel besagt: "Liegt zum Christkind noch kein Schnee, nimm nur das halbe LSD." Eine andere lautet glaube ich: "Wenn sie Fotos machen, Junge, putz dir vorher mal die Zunge", aber was bitteschön wissen tote Bauern schon von meinem Leben im urbanen Jetset, duh. Jedenfalls habe ich zuerst nur den halben Trip geschmissen, was wahrscheinlich auch ein bisschen damit zusammenhing, dass es da immer noch hell war und man bei Licht einfach mehr auffällt, wenn man nicht wie alle anderen mit gottesfürchtigem Punsch gefüllt ist. img_3708-custom1 Als mich dann die ersten Wonnewellen überkamen, war es glücklicherweise schon dunkel. Sicherheitshalber tranken wir aber trotzdem auch Punsch und Glühwein, als wollten wir für das Amt des Bürgermeisters kandidieren, und fuhren eine Runde im reudigen Bummelzug, zu dem sie mit einer Porno-Version von "Stille Nacht" gelockt hatten. img_3713-custom1 Wenn man so mit 5 km/h neben Joggerinnen dahinrollt, fühlt sich selbst der nüchternste Patient irgendwann wie der Papst. Also fragt gar nicht erst, was für pseudotranszendentale Scheiße in mir abging, als ich an all diesen Gestalten vorbei glitt und die ganze Zeit über einen riesigen Luftballon in Hubschrauberform und das dazugehörige Mutter-Kind-Paar anstarren musste. Die Mutter war von meinem Mangel an Contenance alles andere als begeistert und sagte mit ihren Augen: "Danke, dass du mit deinem beeindruckend bildlichen Sexgerede meinem Kleinen Weihnachten am Rathausplatz für immer versaut und ihn zu einem zukünftigen Finanzbeamten gemacht hast." img_3727-custom1 Weil ich die Anklage der Hubschrauber-Mama nicht länger aushielt, holten wir uns schnell noch einen Downer-Glühwein und stürzten uns wieder in den schützenden Trubel der Ramschstände und Kitschhütten, wo ich dann diesen Plüschhund im Plastikgras entdeckte. img_3728-custom1 Und weil er mir in dem Moment wie das Süßeste vorkam, das jemals aus den Innereien der menschlichen Fantasie auf diese Erde gespuckt worden war, musste ich ihn natürlich gleich küssen. Aber eh nur ohne Zunge, also keine Sorge. Wer wird denn wegen dem bisschen Acid gleich seinen Anstand vergessen! img_3734-custom1 Wie das aber auf LSD nun mal so ist, hat jede schnuckelige Stofftier-Story auch ihre Schattenseiten. Nur ein paar Augenblicke nach dem fluffigen Knutscher fiel mein Blick auf ... DAS HIER – und ganz plötzlich fühlte es sich an, als hätte jemand den Stöpsel aus meinem Hirn gezogen und seinen Penis in die Öffnung gesteckt. Was nicht unbedingt ein schlechtes Gefühl sein muss, img_3732-custom1 Dieses traurige Bild von (zirka) tausend geschlachteten Kuscheltierchen ätzte sich prompt in meinen Frontallappen. Ich wüsste nicht, wie ich die Szenerie anders beschreiben sollte, als mit "Plüschholocaust". Es war an der Zeit, einen anderen Gang einzulegen. img_3781-custom1 Glücklicherweise hatte mein Broski Josef die grandiose Idee, mir diese Krampusmaske aufzusetzen, mit der ich mir irgendwas zwischen sehr komisch und ziemlich unbesiegbar vorkam. Für die punschsaufenden Passanten war mein Auftritt wohl nicht so der Burner, zumal der Gruselfaktor meiner Erscheinung durchaus noch einen Feinschliff vertragen hätte. img_3778-custom1 Das wirklich Schockierende war wohl eher, dass jemand, der in einer alten, höchstwahrscheinlich mehrmals angewichsten Pfadfinder-Krampusmaske steckte, an der Hand über den Weihnachtsmarkt geführt werden musste, während er debil vor sich hin kicherte und kleinen Kindern mit dem Zeigefinger auf die Nase zu greifen versuchte. Ich habe also mit meiner Aktion das alteingesessene Bild instituitionalisierter Brauchtums-Macht performativ dekonstruiert. Würde ich aus heutiger Sicht vielleicht sagen. Damals am Christkindlmarkt sagte ich nur "Esmeralda!" und humpelte wie Igor durch die Fleischberge an Touristen. The times they are a-changing.

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