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      Auf der Flucht im Libanon

      December 7, 2012

      Von Mitchell Prothero

      Fotos von Sam Tarling/Executive Magazine


      Mitglieder des Maghawir-Kommandos der Freien Syrischen Armee und der Nahr al-Asi Brigaden (Freiheit für den Asi-Fluss) kehren nach einer Schlacht nahe der libanesischen Grenze nach al-Qusayr bei Homs zurück. (Die Fotos in diesem Beitrag entstanden unabhängig von der Reportage, bevor der Autor die Region besuchte. Die hier interviewten libanesischen Rebellen-Unterstützer und Hisbollah-Mitglieder wollten aus naheliegenden Gründen nicht fotografiert werden.)  

      Es dämmert, als die Rebellen nördlich des öden und staubigen Dorfes al-Qaa inmitten eines Hains aus Zitronen- und Olivenbäumen in Position gehen, etwa 100 Meter von einem syrischen Grenzposten entfernt. Ich beobachte die Operation hinter den Linien aus sicherem Abstand gemeinsam mit ihrem Kommandanten, einem Libanesen, den ich „Hussein“ nenne und dem in dieser Region 200 Rebellenkämpfer unterstehen. „Wir wollen ein paar Männer nach al-Qusayr einschleusen und müssen Assads Truppen ablenken“, erklärt Hussein mir. Seine Brigade ist damit beauftragt, den stetigen Transportfluss von Waffen, Geld und Kämpfern zwischen dem Libanon und Syrien aufrechtzuerhalten. Er unterbricht unser Gespräch, um über sein Funkgerät einen Befehl auszugeben, kurz und knackig, was die Gefahr, dass ein Funkspruch abgefangen wird, verringert. „OK“, befiehlt Hussein. „Geht rein!“ Seine Soldaten verteilen sich über den Olivenhain. Der Angriff auf die von Sandsäcken umgebenen Betongebäude soll die Aufmerksamkeit der Grenzposten fesseln, während in etwa 10 km Entfernung eine weitere Kampfeinheit unbemerkt über die Grenze huscht. Ein klassisches Ablenkungsmanöver. Der idyllische Hain wird zum Kriegsschauplatz. Drei raketengetriebene Granaten fliegen Richtung Grenzposten. Ein Dutzend Sturm- und Maschinengewehre lassen es Munition regnen; Mündungsfeuer erleuchten den Abendhimmel. „Das machen wir alle paar Tage“, lacht Hussein. „Aber die auch“, fügt er hinzu, während er auf Assads Truppen zeigt. Die syrische Armee erwidert das Feuer mit eigenen Maschinengewehren und AK-47-Schnellfeuergewehren, ihre Kugeln zischen durch das Gehölz auf die Rebellen vor uns. Hussein und ich stehen ein paar Reihen weiter hinten, aber nicht ganz außerhalb der Schusslinie. Mir wird bewusst, wie nah ich mich an der Front befinde, selbst wenn ich nicht ganz vorn mit dabei bin. Die Kugeln, die die nahegelegenen Bäume treffen, waren nicht für uns gemeint, aber Treffsicherheit scheint mir ein schwaches Argument, wenn man tot ist. Einen Augenblick später ziehen sich Husseins Truppen zurück. Sie haben Assads Grenzsoldaten lang genug abgelenkt, damit die andere Einheit unbemerkt nach al-Qusayr vordringen konnte. „Gehen wir“, befiehlt Hussein. „Die [syrischen] Hubschrauber werden bald hier sein.“ Während unseres Rückzuges fliegen die Kugeln weiter in unsere Richtung. Die Bäume des Hains, die kaum Schutz bieten, sind unsere einzige Deckung.

      Dieses Gefecht ist Teil der fast allnächtlichen Zusammenstöße entlang der syrisch-libanesischen Grenze, die den Eindruck verstärken, dass der Bürgerkrieg gerade dabei ist, sich in einen regionalen Flächenbrand zu verwandeln. Eine Woche nach meinem Besuch bei Hussein explodierte in Beirut eine Autobombe. Sie tötete einen wichtigen, für die Rebellen tätigen libanesischen Geheimdienstagenten und löste Straßenschlachten in der Hauptstadt und in Tripoli aus, die mindestens sieben Todesopfer forderten. Das benachbarte Jordanien und der Irak nehmen Flüchtlinge auf und versuchen damit die Ausbreitung weiterer Unruhen zu vermeiden, scheuen aber gleichzeitig jede direkte Einmischung. Im Libanon ist es nicht so einfach, neutral zu bleiben. Die zutiefst gespaltene Bevölkerung und eine schwache Zentralregierung machen das Land extrem anfällig für ein Überschwappen des nahegelegenen Konfliktes. Während der Großteil der Welt sich auf die Gemetzel in Aleppo und die wachsenden Spannungen zwischen Syrien und der Türkei konzentriert, bricht nebenan ein weiterer potenziell verheerender Konflikt aus.
       

      Die Schicksale des Libanon und Syriens sind schon lang eng miteinander verbunden. Das syrische Militär hielt den Libanon von 1976 bis 2005 besetzt. Trotz ihrer Brutalität und Korruption stellten die syrischen Sicherheitskräfte eine zentrale Autorität dar, der es nach 15 Jahren Bürgerkrieg und zwischenzeitlicher israelischer Besatzung gelang, die 17 verschiedenen religiösen Sekten und unübersichtlichen politischen Splittergruppen zu einer Art friedlichem Zusammenleben zu zwingen. Im Laufe der Jahre wurde Baschar al-Assads Regime für die schiitischen Befürworter der Hisbollah sowohl Hüter des Status quo als auch ein unschätzbarer Verbündeter im nicht endenden Krieg gegen Israel. Die syrische Herrschaft über den Libanon endete, als 2005 mit Rafik Hariri Libanons wichtigster sunnitischer Politiker ermordet wurde—angeblich von einem schiitischen Kämpfer. Zunächst machte man Regierungsbeamte für das Attentat verantwortlich, doch dann wurde eine Verbindung zwischen Syrien und der Hisbollah vermutet. Wer Rafik umgebracht hat, konnte nie endgültig geklärt werden, doch beendete der Vorfall die syrische Besatzung des Libanon—durch den Druck einheimischer und internationaler Kräfte. Dieser Rückzug führte schließlich auch zu den Straßenkämpfen zwischen libanesischen Sunniten und pro-syrischen Gruppierungen, wobei letztere für gewöhnlich die ungeheuer effektive und mächtige Hisbollah hinter sich hatten. Ihren Höhepunkt erreichten die Spannungen im Mai 2008, als die Hisbollah öffentlich ihr Versprechen an das libanesische Volk brach, ihre schweren Waffen nur gegen Israel einzusetzen, und in Beirut einfiel, um die sunnitischen Oppositionellen der Stadt zu beseitigen. Auf den schallenden Sieg der Hisbollah folgte eine ungeheure Bitterkeit auf Seiten der Sunniten. Als die Revolution in Syrien begann, verliefen die Trennungslinien klar: Die Hisbollah unterstütze Assad und sein Regime im Kampf gegen die weitgehend von Sunniten geführte FSA, und die libanesischen Sunniten ergriffen die Gelegenheit, gegen das Regime vorzugehen, das sie als ihren nationalen Widersacher im Kampf um die Macht ansahen. Beide Lager davon zu überzeugen, sich zurückzuhalten, war praktisch unmöglich.

      Seit fünf Jahren ist Husseins Leben von diesem gewissermaßen doppelten Bewusstsein bestimmt. Auf den ersten Blick ist Hussein ein kleiner, dunkelhäutiger Mann Anfang 40 mit dem hageren, sehnigen Körper eines Arbeiters. Doch seine gestählten Muskeln verraten bald, dass er ein voll ausgebildeter Soldat ist. Er stammt aus dem verarmten ländlichen Nordosten des Libanon, aber wie so viele Libanesen zog es ihn aus beruflichen Gründen vor ein paar Jahrzehnten nach Beirut. Als nicht praktizierender Sunnit lebte und arbeitete er in einem der von Schiiten dominierten südlichen Vororte von Beirut. In seiner Freizeit unterstützte er die Syrische Soziale Nationalistische Partei, eine säkulare Gruppierung mit mehr als 100.000 Mitgliedern, die für die Vereinigung aller arabischen Länder unter dem Banner „Großsyriens“ eintritt. Die SSNP ist verantwortlich für Selbstmordattentate gegen israelische Truppen und verbündete sich im Kampf gegen Israel auch schon mal mit der Hisbollah. Hussein war nie ein Dschihadist, doch durch seine Mitgliedschaft in der SSNP seit den frühen 1980ern bis ins Jahr 2008 hat er sich einen Namen als Kämpfer gemacht. „Ich wollte mein Land von den Zionisten befreien“, erzählte Hussein mir. „Ich habe an das Programm des syrischen Widerstands geglaubt und die Hisbollah und ihre Mitglieder aufrichtig geliebt. Ich habe als Patriot und Bruder 20 Jahre lang an ihrer Seite gekämpft. Ich war ein Finger ihrer Faust.“ Auch jetzt, wo er Sunniten—libanesische und syrische—im blutigen Kampf gegen das Assad-Regime anführt, profitiert er von den Fähigkeiten, die er in den mehr als zwei Jahrzehnten erworben hat, in denen er an der Seite der Hisbollah als Angestellter des syrischen Staates gegen Israel gekämpft hat. Er verkörpert geradezu die wahnsinnig komplexe und oft widersprüchliche Spannungslage, die die völlig zerrüttete Beziehung zwischen beiden Staaten bestimmt. Obwohl Sunnit, nahm Hussein im Mai 2008 an der Übernahme Westbeiruts durch die Hisbollah und die SSNP teil. Er koordinierte die Kämpfer, die durch die Straßen zogen, um sunnitische Politiker abzusetzen, die der Hisbollah die Kontrolle entziehen wollten. „Sein Mut ist legendär“, erzählt mir ein Hisbollah-Kämpfer. „Aber wir haben ihn verloren.“

      Für die Hisbollah-Mitglieder, mit denen ich sprach, spielen die Ereignisse, die sein Überlaufen bewirkten, keine Rolle. Obwohl er Sunnit war und in einem vorwiegend schiitischen Viertel lebte, war Hussein nie in den Sinn gekommen, dass irgendjemand ihn für einen Gegner der Hisbollah halten könnte. Doch während er den Kampf gegen seine sunnitischen Mitbrüder anführte, die damals die libanesische Regierung kontrollierten, beschloss jemand aus seinem Viertel, einen Molotowcocktail durch sein Fenster zu werfen. Seine Frau und seine zwölfjährige Tochter entkamen den Flammen. Drei seiner Kinder—zwei sehr kleine Söhne und eine Tochter—verbrannten in dem Feuer. Hussein erzählt mir die Geschichte eines Tages, als wir bei ihm zu Hause sitzen, besser gesagt dort, wo er im Moment übernachtet und überlebende Familienmitglieder trifft, wenn er nicht gerade Truppenbewegungen an der Grenze koordiniert. Er sitzt unter drei großformatigen Fotos seiner verstorbenen Kinder, umringt von seinen übriggebliebenen Familienmitgliedern und seiner Frau. Als Hussein spricht, bleiben seine Augen gespenstig emotionslos: „Ich weiß, wer es getan hat. Aber es wäre damals nicht klug gewesen, Rache zu üben. Also verließ ich die SSNP und brachte meine Familie hierher.“ Er hält inne. „Die Männer, die es getan haben, sehe ich immer noch, und jetzt kann ich mich rächen.“ Ich fragte einen Kontaktmann in der Hisbollah, ob er von Husseins Verlust gehört hätte. „Die Hisbollah verbrennt keine Kinder“, erwiderte er. „Das waren irgendwelche Gangster aus seinem Viertel. Aber wir wissen, dass Hussein jederzeit einen Schiiten für das Geschehene zur Verantwortung ziehen kann. Ich würde das Gleiche tun, und wir wissen, wie hart er ist; das ist für uns alle ein Problem.“ Anstatt Selbstjustiz zu üben, wartete Hussein und plante seine Vergeltung. Der syrische Bürgerkrieg lieferte ihm die Gelegenheit zu einem Gegenschlag, obwohl er abstreitet, dass die Bestrafung der Hisbollah für das, was sie seiner Familie angetan hat, seine alleinige Motivation ist. Stattdessen führt er eine pan-syrisch-libanesische brüderliche Verantwortung als Grund für seine Unterstützung der Freien Syrischen Armee an. Er glaubt, die Hisbollah habe sich aus rein egoistischen Gründen für eine Unterstützung Assads ausgesprochen und nicht aus Gründen der Gerechtigkeit. „Wie kann ich meinen Bruder gegen einen Unterdrücker wie dieses miese Regime in Damaskus kämpfen sehen und ihm nicht helfen“, fragt Hussein. „Wie kann ich den Libanon nicht von einer Miliz wie der Hisbollah befreien wollen? Ich sehe dies als meine Pflicht an, für mein Volk und meine Religion.“ Nun bildet er kleine Gruppen syrischer und libanesischer Soldaten im Kampf gegen das Assad-Regime aus, und zunehmend auch gegen die Hisbollah, die weiterhin abstreitet, Kräfte in Syrien stationiert zu haben, und das trotz all der taktischen Manöver, die viele in der Region für Vorboten einer größeren Aktion halten.

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      Themen: Gewalt, Syrien, Flüchtlinge, Libanon

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