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      Bei den Oscars hagelte es ganz unamerikanisch Nazi- und Sexwitze

      February 26, 2013

      Von Gawain Mallinkrodt

      Wie oft ein Film für einen Oscar nominiert ist, oder gar wieviele er gewinnt, hat nicht immer etwas mit seiner absoluten Qualität zu tun. 

      Vergleichbar ungefähr mit dem Auftritt von John Travoltas Double aus Wachs gestern Abend (oder war es wirklich Travolta in Fleisch und Blut? Egal.) und seinen tatsächlichen Qualitäten. Genauso wenig wie seine verhunzte Aussprache des französischen Titels Les Misérables mit der echten Aussprache (wenn wir eins über diese Sprache wissen, dann zumindest, dass man nie den letzten Buchstaben mitsprechen darf!).

      Beides ist nur jeweils eine Andeutung und macht neugierig, was wirklich dahinter stecken könnte. Meistens ist man aber von dem, was dabei rauskommt, enttäuscht. Und beides ist eben aus einer oft sehr amerikanischen Sicht. Alleine unsere persönliche Enttäuschung nach der Verkündung der Gewinner zeigt, dass es auch hier keine absolute Wahrheit gibt. Die Juryentscheidungen der Academy sind häufig politisch gefärbt, das amerikanische Augenmerk soll mal auf die Schwulen- und Lesbenbewgung, mal auf Afro-Amerikaner, mal die US-Truppen in der Geschichte und im Ausland, mal auf die Dritte Welt, mal auf Tiere in Not, mal auf Schauspieler in Not etc. gelenkt werden. Aus diesem Grund ist das Favoriten-Feld oft recht überschaubar, wenn es sich an diese Grundregeln hält. 

      Diesmal war die Entscheidung ein bisschen schwieriger, weil gleich mehrere Filmproduzenten die geniale Idee hatten, auf solche gewinnversprechende Zutaten mit Politgeschmack zu setzen. Diesmal: Einmal Iran-Konflikt, zweimal Sklaverei, einmal Terrorismus und Folterung—letzteres war der Academy dann aber politisch doch eine Nummer zu brisant, wie sich zeigen sollte. (Trumpf ist übrigens, wenn der Film zusätzlich eine Liebeserklärung an das Kino selbst ist—siehe Argo, The Artist.) 

      Jetzt zum wichtigeren Teil: In diesem Jahr präsentierte der hemmungslose Seth McFarlane (für uns der Erfinder und die Stimme von Familiy Guy) die Show. Tolle Wahl, weil er es verstand, die Liberal-Apostel der Gilde eiskalt auf die Schippe zu nehmen (erntet aber bei US-Bloggern heftigst Kritik, weil die Show für ihren Geschmack zu sexistisch war). „You made inspiring movies. I made Ted.“ Ha, genial, Selbstironie. Hallo, Till Schweiger! Wohl auch eines der Beispiele, was die da drüben besser können als hier der Bambi. „Deine Witze sind geschmacklos und unangemessen, am Ende wird man dich dafür hassen“, rüffelte Captain Kirk ihn von der Leinwand aus. Stimmt, da wäre der rassistische Witz, als er Denzel Wahington mit Eddie Murphy „verwechselte“. Witze über Hautfarben—mittlerweile der salonfähigste Humor. Obligatorische Anspielungen auf den beachtenswerten Kokainverbrauch in der Branche. Dann mit Mark Wahlberg und dem wunderbar primitiven Teddy Ted noch ein paar Witze über Juden und Christen. Der herrlich bekloppte Nonsense-Auftritt eines Nazidarstellers. Es gibt diese schlechten Gags, die muss man einfach machen, fiel nicht weiter auf. Pikierter geraunt wird beim Gag, Abraham Lincolns Attentäter hätte ihn immer noch am besten „getroffen". Wohl nicht so salonfähig in den USA wie Nazijokes.

      Schwieriger finde ich dann schon die Ankündigung von Medleys aus allerlei Musical-Verfilmungen. Um Gottes Willen, sind diese Arien triefend kitschig. Was nur durch den Anblick entschärft werden konnte, wie Russel Crowes hochrote Birne vor Anstrengung fast geplatzt wäre. Außerdem fiel dabei ein neues Phänomen auf: Nennen wir's mal „Versapplaus“. Bedeutet, alle klatschen anerkennend mitten ins Lied laut hinein, weil der auf Sänger umgeschulte Schauspieler seine Strophe geschafft hat. Warum das alles? „Because we decided that the show wasn't gay enough“, kommentierte Seth.

      Bei den Gewinnern gab es übrigens wenige Überraschungen: Christoph Waltz bekam schon seinen zweiten Oscar. Von Polizeiruf 110 über Roy Black bis dorthin, wow! Seine Siegfried-Dankesrede sollte ihm ernsthaft ein Bundesverdienstkreuz für deutsche Sprache einbringen. Soviel haben wohl noch nie die Nibelungen gegoogelt. Tarantino ist wohl der coolste Typ auf dem Treppchen. Du weißt, dass du in Hollywood wichtig bist, wenn du mit einem einzigen kurzen Einwand den musikalischen Aufruf zum Beenden deiner Rede selbst beenden kannst.  

      Ich bin immer etwas erstaunt, dass nicht pauschal allen Crew-Mitgliedern gedankt wird, sondern nur denen, die ja eh jeder kennt. Hat sich Ang Lee auch gedacht und dankt einfach pauschal allen 3000 Teammitgliedern, die beim Dreh geholfen haben, sicherheitshalber auch seinen beiden Anwälten, und der ganze Familie sowieso—so geht das. 

      Weitere Randerscheinungen: George Clooney möchte wohl endgültig so wie Sean Connery ausschauen und lässt sich ebenfalls einen Weihnachtsbart wachsen. Jack Nicholson, bei dem die anschließende Sexparty stieg (verriet Teddy), hat leider niemand, der nicht selbst einen im Tee hat, verstanden. Daraufhin hat auch gleich Michelle Obama für ihn übernommen. Zusammenfassend, hier ihre Worte: „Hope, ... children dream, ... yes we can, ... Oscar goes to Argo f*** yourself.“

      Was ich als Rat mitnehme von der Verleihung? Falls ich mal irgendeinen Preis entgegen nehmen sollte, bei dem es sich nicht um den für Lifetime Achievement handelt, also bei dem es so oder so Standing Ovations gibt, dann: Stolpere auf der Treppe und fall hin! So hat's die geniale Jennifer Lawrence gemacht und alle standen bei ihrer Rede. Grandiose Leistung! Vermute, das waren die aus der ersten Reihe, die damit angefangen haben, weil zum Helfen keiner aufgesprungen ist, außer Hugh Jackman. Da hatten die wohl ein schlechtes Gewissen.

      „Its Sunday, everybody is well dressed—it's like in church, only with more people praying.“ Da hat Family Guy recht.

       


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      Themen: Oscar

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