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      Berauscht in Chitral

      March 23, 2013

      Von Oscar Rickett


      Ein Blick auf Afghanistan vom höchsten Punkt des Bumboret, des größten der drei Kalasha-Täler.

      Rudyard Kiplings Der Mann, der König sein wollte ist eine Novelle aus dem 19. Jahrhundert über das Empire, Größenwahn und Götzenverehrung. Sie erzählt von zwei schlitzohrigen britischen Soldaten und ihrer gefahrvollen Reise in die feindlichen Berge Kafiristans, eine Region bevölkert von raubenden und mordenden Heiden, die jeden ins Jenseits befördern, der dumm genug ist, sich in ihr Territorium zu wagen. Der Name Kafiristan ist vom arabischen Wort kafir abgeleitet, was „Nicht-Gläubiger“ oder „Ungläubiger“ bedeutet. Die Region erstreckt sich über Gebiete des heutigen Afghanistans und Pakistans. Kein schöner Ort zum Leben, aber, wie ich herausfand, großartig zum Feiern. Fast 70 Jahre lang bis etwa 1896 zahlte der Emir von Afghanistan den Einwohnern Kafiristans Schmiergelder, um sie daran zu hindern, Fremde auszurauben und ihre Leichen die Berge hinabzuwerfen. Die Kafiren nahmen das Geld, weigerten sich aber, ihre räuberische Lebensweise aufzugeben. Abdur Rahman Khan, auch bekannt als der „Eiserne Emir“, geriet angesichts dieses offenkundigen Mangels an Respekt gegenüber seiner Autorität derart in Wut, dass er Truppen in den von Afghanen kontrollierten Teil Kafiristans entsandte, um die lokale Bevölkerung zu maßregeln. Die Kafiren wurden zusammengetrieben und vor eine einfache Wahl gestellt: Islam oder Tod. Natürlich wählten die meisten den Islam, und der afghanische Teil Kafiristans wurde bald unter dem Euphemismus Nuristan oder „Land des Lichts“ bekannt. Die erzwungene Konversion samt neuem Namen änderte am Verhalten der Einwohner allerdings kaum etwas. In seinem Buch Ein Spaziergang im Hindukusch von 1958 katalogisierte Eric Newby einige der damals geläufigen Phrasen in der Sprache Nuristans: „Ich habe heute Morgen eine Leiche im Feld gesehen“; „Ich habe neun Finger, du hast zehn“ und „Ich werde dich töten“. Letztendlich hatte der „Eiserne Emir“ nur Erfolg bei der Konversion der Bevölkerung auf der afghanischen Seite. Jenseits des Hindukusch, in Pakistan, existierte der raue, heidnische Animismus weiter.


      Der Autor mit seinem Team, ihr Sicherheits-kommando und ihr Kalasha-Gastgeber Wali Khan (in nicht-militärischer Kleidung und traditionellem Chitrali-Hut)—der Direktor der lokalen Grundschule und der selbst ernannte „schönste Mann“ der Kalasha-Region.

      Heute leben die Nachkommen dieser Heiden in den sogenannten Kalasha-Tälern: Bumboret, Birir und Rumbur. Sie sind der letzte animistische Stamm Zentralasiens—ein Eiland der Naturverehrer im Ozean des sich immer weiter verbreitenden Islam. Die Kalasha missachten die islamischen Gebote durch Alkohol- und Drogenkonsum und indem sie exzessiv feiern. Seit Jahrzehnten wagen sich vergnügungshungrige Muslime in diese Täler vor, um sich mit Kalasha-Wein (schmeckt wie Sherry) und dem lokalen schwarzgebrannten Tara (schmeckt wie Schnaps) zu betrinken. Doch die bevorzugte Droge ist afghanisches Opium oder der noch beliebtere Nazar, ein Kautabak auf Opiatbasis, der den Konsumenten manchmal Übelkeit und Schwindel bereitet. Genau wie amerikanische Jugendliche, die nach Florida oder Las Vegas fahren, um Dampf abzulassen, reisen fromme Pakistaner von Zeit zu Zeit in die Berge, um das ausschweifende, heidnische Leben zu genießen. Im Unterschied zum Spring Break und anderen Vorwänden für wochenlanges Abfeiern in westlichen Ländern sind die Ausflüge in diese Täler fast ausschließlich Männersache. Neben dem Bedürfnis, sich gehen zu lassen, ohne dass Allah ihnen dabei über die Schulter sieht, sind junge Pakistaner von der Hoffnung erfüllt, mit einer der unverschleierten, für ihre Schönheit berühmten Kalasha-Frauen anbändeln zu können. Einer zweifelhaften, aber dennoch hartnäckigen Legende zufolge sind die Kalasha eigentlich Nachkommen einer abtrünnigen Einheit aus der Armee Alexanders des Großen, die ihren Kriegskönig im Stich gelassen hatte, um mit den hinreißenden Frauen dieser Täler in wilder Ehe zu leben. Im Winter 2011 verließ ich London, um einen Dokumentarfilm über das Leben der Kalasha zu drehen. Ein Mitglied unseres Teams hatte erfahren, dass ihr Sport Chikik Gal—eine Variante des Extremgolfens unter Bergvölkern—nie zuvor gefilmt worden war. Wir erfuhren ebenfalls, dass die Kalasha um das Fortbestehen ihrer einzigartigen Identität kämpfen. Es leben nur noch etwa 3.000 Kalasha-Animisten in den Tälern, in denen die Muslime nun in der Überzahl sind. Jahrzehntelang führten die örtlichen Imame einen Kreuzzug, um die Seelen der Ungläubigen zu retten. Trotz staatlicher Bemühungen, ihr Glaubenssystem zu schützen, befürchten doch viele, dass die Religion der Kalasha bald der Vergangenheit angehören wird.

      Unsere Fahrt von Islamabad nach Chitral, der größten Stadt in der Nähe der Kalasha-Täler, dauerte mit dem Jeep 22 Stunden. Wir kurvten steile Straßen hinauf und durch den Lowari-Tunnel hindurch, eigentlich eine lang gestreckte, bessere Höhle, die die Flanke des Berges durchschneidet und bis auf vereinzelte Laternen komplett unbeleuchtet ist. Die Straßen Chitrals waren von schmutzigem Schneematsch überzogen und von Marktständen flankiert, an denen alles, vom Fernseher über einheimische gesponnene Wolle bis zu Kalaschnikows, feilgeboten wurde. Jahrzehntelang galten Chitral und die Kalasha-Täler als Oasen des Friedens. Doch 2009 entführten die Taliban einen griechischen NGO-Mitarbeiter und Philanthropen, den sie sieben Monate in Nuristan gefangen hielten. Die Entführung sowie andere Talibanaktivitäten in der Gegend haben dazu geführt, dass Ausländern in Chitral nun ein aus einheimischen Soldaten und Polizisten bestehendes Sicherheitskommando zur Seite gestellt wird, das fest entschlossen ist, den Ruf der Stadt als sicheres und wunderschönes Reiseziel wiederherzustellen.

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      Themen: Pakistan, Muslim, party, Islam, Spring Breakers

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