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      Berliner Straßennamen glorifizieren den deutschen Sklavenhandel

      February 26, 2013

      Von Kira Ayyadi

      Berlin war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs der Dreh- und Angelpunkt für die Waren des deutschen Kolonialismus. Hier trafen nicht bloß Kunstschätze, sondern auch Menschen ein, die den Deutschen als Zwangsarbeiter oder „Zoo-Attraktionen“ dienten. Allein in Berlin gibt es noch 70 Straßennamen mit kolonialem Bezug, eine davon ist beispielsweise die Swakopmunder Straße. Sie erinnert an einen Ort in Namibia, der Standort des ersten deutschen Konzentrationslagers war, in dem Tausende Herero und Nama ermordet wurden. Joshua Kwesi Aikins, Mitbegründer der „Straßeninitiative“, setzt sich ein für eine kritische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und will ihre Präsenz im Berliner Stadtbild bewusst machen.

      VICE: Was ist deine Motivation, dass du dich so energisch um die Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit bemühst?
      Joshua Kwesi Aikins:
      Deutsche Geschichte und mit ihr auch die Nazi-Vergangenheit kann nicht ohne die Geschichte des Kolonialismus verstanden werden. Da ich afrikanische Wurzeln habe, fühle ich mich bei diesem Thema besonders betroffen. Eine kritische Auseinandersetzung ist wichtig für die Identität schwarzer Deutscher. Die Kolonialzeit und die damit einhergegangenen Verbrechen dürfen nicht verschwiegen und noch weniger dürfen sie glorifiziert werden. Ich beschloss, etwas gegen die Verherrlichung der Kolonialzeit zu unternehmen, als ich von der Begriffsbedeutung der Supermarktkette EDEKA erfuhr. Seit ihrer Gründung heißt sie immer noch „Einkaufsgenossenschaft deutscher Kolonialwarenhändler“, kurz E.d.K. Wenn der Täter gedacht wird, statt der Opfer, ist das einfach nicht richtig. In einigen gravierenden Fällen fordern wir eine Umbenennung.

      Und wann genau?
      Wir plädieren bloß für eine Umbenennung, wenn ein eindeutig rassistischer Bezug besteht oder wenn schwere Verbrechen geehrt werden. Ich möchte es uns schwarzen Deutschen ermöglichen, ein Teil der deutschen Geschichte zu sein und das nicht bloß als kleine Fußnote. Der koloniale Bezug soll bei der Umbenennung keines Falls getilgt werden, es soll bloß ein Perspektivenwechsel stattfinden. Statt den Tätern zu gedenken, soll an die Opfer erinnert werden. So hat die „Straßeninitiative“ es geschafft, das Gröbenufer in May-Ayim-Ufer umzubenennen. Otto Friedrich von der Groeben hat im 17. Jahrhundert dem brandenburgischen Sklavenhandel im heutigen Ghana die Grundlagen geschaffen. May Ayim hingegen war eine afrodeutsche Schriftstellerin, die sich mit dem Thema Rassismus und Kolonialismus beschäftigte. 

      Warum ist es dir so wichtig, dass der Bezug erhalten bleibt?
      Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch Deutsche an dem blutigen Geschäft des Sklavenhandels beteiligt waren. Ich möchte, dass meine Tochter durch Straßen läuft, die nicht länger die Kolonialverbrecher verherrlichen, sondern jene, die Widerstand geleistet haben.
       

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