Boah, Alter, sind wir jetzt etwa im Inneren eines Computers?

von Ben Makuch


Nr. 43 der Serie Natural Peace von Julian Garcia, Illustration von Julian Garcia

Vor zwei Jahren war Rich Terrile zu Gast bei Through the Wormhole, eine Sendung auf dem Wissenschaftskanal über die Geheimnisse des Lebens und des Universums. Er war eingeladen worden, um über die Theorie zu sprechen, nach der menschliche Erfahrung sich auf etwas wie eine unglaublich fortschrittliche metaphysische Version von Die Sims reduzieren lässt. Diese Idee ist wohl jedem Studenten mithilfe einer Bong und einer Matrix-DVD schon mal gekommen, aber Rich ist ein hoch angesehener Wissenschaftler, der Direktor des Center for Evolutionary Computation and Automated Design im Jet Propulsion Laboratory der NASA, und schreibt über das Thema zurzeit ein Buch—also nehmen wir ihn ernst. Richs Theorie besteht im Wesentlichen darin, dass ein „Programmierer“ aus der Zukunft unsere Realität gestaltet hat, um den Verlauf dessen zu simulieren, was der Programmierer als altertümliche Geschichte ansieht—aus welchem Grund auch immer, vielleicht aus Langeweile. Legt man das mooresche Gesetz zugrunde, welches besagt, dass sich die Rechenleistung ungefähr alle zwei Jahre verdoppelt, könnte all das in der Zukunft theoretisch möglich sein. Früher oder später kommen wir an einen Punkt, wo die Simulation von ein paar Milliarden Menschen—denen man weismachen kann, dass sie empfindende Wesen sind, die ihr eigenes Schicksal in der Hand haben—so einfach sein wird, wie einem Fremden per Handy ein Bild deiner Genitalien zu schicken. Auf diese Hypothese—von der seit Jahrhunderten unterschiedliche Versionen herumschwirren—fahren Philosophen auf einmal tierisch ab, und Leute wie Nick Bostrom, Leiter des Future of Humanity Institute an der Oxford University, denken über diese Prämisse ernsthaft nach. Bis vor Kurzem haben sich traditionelle Forscher im Grunde nicht für die Simulationsdiskussion interessiert. Was nicht heißen soll, dass Rich der erste Wissenschaftler wäre, der unsere Fähigkeit voraussieht, realistische Simulationen zu schaffen (das tat unter anderem schon Ray Kurzweil 1999 in seinem Buch Homo S@piens). Aber er ist einer der Ersten, der behauptet, dass wir vielleicht schon in einer solchen leben. Rich ist mit dem Versuch, seine Theorie mithilfe der Physik zu beweisen, sogar noch einen Schritt weitergegangen. Er führt Dinge an wie die feststellbare Pixelierung der winzigsten Materie und die unheimlichen Ähnlichkeiten zwischen der Quantenmechanik, den mathematischen Grundsätzen, die unser Universum steuern, und der Generierung von Umgebungen für Videospiele. Überleg doch mal: Wann immer du versagst, schreit vielleicht der übergewichtige 13-jährige koreanische Junge, der dich steuert, „Scheiße!“ in sein Xbox-Headset. Ist doch irgendwie auch eine Erleichterung.

VICE: Wann hast du zum ersten Mal gemutmaßt, unsere Realität könnte eine Computersimulation sein?
Rich Terrile:
Wenn du nicht glaubst, dass Bewusstsein etwas Magisches ist—was ich nicht tue, ich glaube, es ist das Produkt einer sehr ausgeklügelten Struktur innerhalb des menschlichen Gehirns—dann musst du davon ausgehen, dass es an irgendeinem Punkt von einem Computer simuliert, oder anders gesagt, repliziert werden kann. Es gibt zwei Möglichkeiten, um in der Zukunft ein menschliches Gehirn zu erzeugen. Eine wäre, es nachzukonstruieren, aber ich halte es für sehr viel einfacher, eine Schaltung oder eine Konstruktion zu entwickeln, die zu Bewusstsein kommt. Womöglich werden wir in den nächsten 10 bis 30 Jahren in der Lage sein, künstliches Bewusstsein in unsere Maschinen einzubauen.

So bald?
Im Moment starten die schnellsten Supercomputer der NASA mit einer Geschwindigkeit durch, die doppelt so schnell ist wie das menschliche Gehirn. Stellt man mithilfe des mooreschen Gesetzes eine einfache Rechnung auf, kommt man zu dem Ergebnis, dass diese Supercomputer innerhalb eines Jahrzehnts die Fähigkeit haben werden, innerhalb eines Monats ein ganzes, 80 Jahre umfassendes Leben zu berechnen—inklusive jedes einzelnen Gedankens, der in diesem Leben gefasst wurde.

Wie deprimierend.
Mach dich auf Einiges gefasst: Wir rechnen damit, dass eine PlayStation in 30 Jahren—da alle sieben bis acht Jahre eine neue PlayStation rauskommt, wäre das die PlayStation 7—in der Lage sein wird, um die 10.000 menschliche Leben gleichzeitig und in Echtzeit zu berechnen, d. h. etwa ein Leben pro Stunde. Wie viele PlayStations gibt es auf der Welt? Sicher mehr als eine Million. Stell dir also 100 Millionen Konsolen vor, von denen jede 10.000 Menschenleben beinhaltet. Das bedeutet, dass dann, rein gedanklich, schon mehr Menschen in PlayStations leben könnten als heute auf der Erde.

Es besteht also die Möglichkeit, dass wir jetzt gerade als Teil eines mega hochentwickelten Spiels in der PlayStation irgendeiner tauben Nuss mit blutunterlaufenen Augen leben?
Genau. Die Supposition lautet: Woher weißt du, dass wir uns nicht 30 Jahre in der Zukunft befinden und du eine dieser Simulationen bist? Machen wir noch mal einen Schritt zurück. Als Wissenschaftler setzen wir physikalische Prozesse in einen mathematischen Rahmen oder in eine Gleichung. Das Universum verhält sich so eigentümlich, weil es sich an die Mathematik hält. Einstein hat gesagt: „Das Unverständlichste am Universum ist, dass es unverständlich ist.“ Das Universum muss nicht so funktionieren. Es muss nicht so einfach abzukürzen sein, dass ich im Grunde ein paar Seiten mit Gleichungen vollschreiben kann, die genügend Informationen enthalten, um es zu simulieren. Interessant ist auch, dass die natürliche Welt sich genauso verhält wie die Umgebung von Grand Theft Auto IV. In dem Spiel kann man Liberty City im kleinsten Detail völlig übergangslos erkunden. Ich habe mal ausgerechnet, wie groß diese Stadt ist und festgestellt, dass sie eine Million Mal größer ist als meine PlayStation 3. Man sieht von Liberty City immer genau das, was man sehen muss, und reduziert so das gesamte Spieleuniversum auf diese Konsole. Das Universum verhält sich ganz genauso. In der Quantenmechanik haben Partikel keinen bestimmten Zustand, es sei denn, sie werden betrachtet. Viele Wissenschaftler haben sehr viel Zeit darauf verwendet, herauszufinden, wie man das erklären könnte. Eine Erklärung lautet, dass wir in einer Simulation leben und immer das sehen, was wir sehen müssen.

Was erklären würde, warum es Berichte von Wissenschaftlern gibt, die in den winzigsten mikroskopischen Bildern Pixel beobachtet haben.
Genau. Das Universum ist ebenfalls pixelig—in Zeit, Raum, Umfang und Energie. Es gibt eine Einheit, die man nicht mehr in irgendetwas Kleineres hinunterbrechen kann, was bedeutet, dass das Universum aus einer endlichen Zahl dieser Einheiten besteht. Das bedeutet auch, dass das Universum nur eine endliche Zahl von Dingen sein kann; es ist nicht unendlich, also ist es berechenbar. Und wenn es sich nur endlich verhält, wenn es betrachtet wird, dann stellt sich die Frage: Wird es berechnet? Und dann gibt es eine mathematische Parallele. Wenn zwei Dinge mathematisch gleichwertig sind, sind sie dasselbe. Das Universum ist also mathematisch gleichwertig mit der Simulation des Universums.

Spielst du Videospiele?
Das tue ich. Und ich habe auch schon mal Die Sims gespielt. Aber zu dieser Theorie bin ich durch eine Kombination verschiedener Dinge gekommen. Ich bin Planetologe, von daher denke ich viel über die Zukunft der Technik nach und wo sie uns hinführen wird. Ich beschäftige mich auch viel mit evolutionären Algorithmen und künstlicher Intelligenz, insbesondere mit dem Wesen des Bewusstseins. Und ich habe angefangen, über Religion nachzudenken bzw. darüber, an was man in Bezug auf das Universum glaubt, wenn man Atheist ist und an eine alternative Entstehungsgeschichte unabhängig von einem Schöpfer glaubt. Und da gibt es eine ziemlich gute Alternative: den Urknall. Man muss aber auch über die Technik nachdenken und darüber, ob ein Schöpfer in unserem derzeitigen Universum existieren könnte. Und wenn ja, was sind die Voraussetzungen für den besagten Schöpfer? Nachdem ich darüber nachgedacht hatte, wurde mir klar, dass der Schöpfer des Universums in der Lage ist, die Gesetze der Physik zu verändern und alles zu erschaffen, was dieses Universum ist, was ich auch in einer Computersimulation tun kann. Und in der Tat werde ich das bald sogar mit bewussten Wesen tun können.

Wesen, mit denen du interagieren kannst?
Vielleicht, vielleicht lass ich sie auch einfach machen. Sie würden ihr Leben in einer unglaublich kurzen Zeitspanne verbringen. Vielleicht könnte ich die Gesetze der Physik ändern. Ich könnte es so einrichten, dass sie sowohl an gastlichen als auch an ungastlichen Orten leben können. Ich könnte dafür sorgen, dass sie komplett allein sind—vielleicht ist das eine unserer Randbedingungen und erklärt, warum es keine Außerirdischen gibt.

Du scheinst mit dieser Vorstellung deinen Frieden gemacht zu haben. Als ich zum ersten Mal von dieser Theorie gehört habe, hat sie mich zuerst extrem entmutigt, aber dann natürlich auch fasziniert.
Ich finde sie sehr inspirierend, und ich sage dir auch warum. Sie sagt mir, dass wir an der Schwelle zur Schaffung eines Universums stehen—einer Simulation—und dass wir umgekehrt genauso gut in einer Simulation leben könnten, die auch wieder eine andere Simulation sein könnte. Und unsere simulierten Wesen könnten ebenfalls Simulationen schaffen. Was mich daran fasziniert, ist die Idee, dass, wenn es einen Schöpfer gibt und es in der Zukunft einen Schöpfer geben wird und wir dieser Schöpfer sein werden, das im Grunde bedeutet: Wenn es für unsere Welt hier einen Schöpfer gibt, sind wir das auch. Das heißt, wir sind Gott und Diener Gottes zugleich, und wir haben alles erschaffen. Was ich inspirierend finde, ist, dass selbst wenn wir uns in einer Simulation oder in der Simulation unendlich vieler Simulationen befinden, dann ist im Laufe dieser Entwicklung dem primordialen Schlamm irgendwann einmal etwas entsprungen und zu uns geworden, was dann zu den Simulationen geführt hat, die uns gemacht haben. Und das finde ich cool.
 

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