Das fantastische, besinnliche, gruselige, lyncheske Barbara-Rosenkranz-Weihnachtsspezial

von Markus Lust

Heute möchte ich mal wie euer typischer jüdischer Stand-up-Comedian beginnen: Was soll eigentlich diese Sache mit Schauspielern und Saufköpfen? Ich meine, ist euch schon mal aufgefallen, dass Besoffene von Schauspielern immer als die geistreichsten, gewitztesten, selbstreflexivsten Geschöpfe unseres Planeten verkörpert werden? Egal, wie viele Flaschen Sliwowitz eine Figur in den Venen zirkulieren haben mag, sie macht dabei immer noch so gute Beobachtungen über die Gesellschaft, dass man sie direkt mit Jägermeister-Tampons bewerfen möchte. Das macht jungen, aufstrebenden Feingeistern natürlich Lust auf Trinken und beschwört das verzerrte Bild herauf, man könne sich durch einen alkoholischen Abend in der Roten Bar oder drei gepflegte Marillenschnaps-Shots vor dem Tanzquartier in den perfekten Hofnarren verwandeln, der pointierte Meldungen über das Leben verströmt wie andere nur den Geruch von Missgunst bei einem dreitägigen Method Acting-Workshop.

In Wahrheit ist aber das Gegenteil der Fall und niemand, der schon mal nach 22 Uhr außer Haus war, wird je folgendes Phänomen beobachtet haben: Eine eloquente junge Frau, die sich nach sieben gepflegten Dosenbieren mit ihrem Tutor über Heinz von Försters Kybernetik zweiter Ordnung unterhält. Oder meinetwegen auch dieses: Ein charismatischer älterer Mann, der den zweiten Doppler mit einer scharfzüngigen Bemerkung über den Lacan'schen Geist in Terry Richardsons Foto-Oeuvre hinunterspült.

Kurz, Säufer sind nicht schlau, auch wenn zu Weihnachten viel getrunken wird und die Leute im Winter alle ein bisschen gescheiter wirken als sonst, weil sie sich gegenseitig hin und wieder einzelne Euros schenken und ab und zu mal ein bisschen still sind. Das ist ein reiner Zufall und die Wirklichkeit eines Säufers sieht zu Weihnachten eher so aus:

"Aber was hat das alles bitte mit Barbara Rosenkranz zu tun?", höre ich euch eierlikörgurgelnd fragen. Ganz einfach: Ihre ganz persönlich gehaltene — und von der frommen völkischen FPÖ als Lynch-Hommage inszenierte — Weihnachtsbotschaft zeigt, wenn schon sonst nichts, dann doch zumindest, wie König Alkohol aus gottesfürchtigen, ehrbaren Bürgern im Handumdrehen zitternde Wutbauern macht, die in ihrem Delirium glauben, sie wären Kaiser Franz Josef. Film ab:

Zum Glück habe ich nicht umsonst einen Abschluss in Theater-, Film- und Medienwissenschaft und weiß dank Bordwell und Thompson ziemlich genau, wie dieses Machwerk zu verstehen ist. Ihr braucht aber nicht gleich Pulp Fiction in Endlosschleife schauen und TFM inskribieren gehen, sondern könnt euch einfach auf die folgende Analyse stützen:

1. AKT: FRIEDE UND FALL

Die Idylle ist bezeichnenderweise vor dem Ausgang aus der Unschuld zu verorten und liegt filmisch natürlich im Stummfilm — der Urform der Kunstform, die heute durch ein Babylon der "fremden Klänge" verunreinigt ist. Am Anfang sehen wir deshalb das Glück als Momentaufnahme ohne O-Ton. Der Protagonist wird dabei als Schalmei spielender Schausteller eingeführt: Er  ist der Erzähler, der Akteur, der gezwirbelte, gewichste Mittelpunkt. Keine Ahnung, was der Rest für Leute sind. Mit dem Glockenschlag — dem ersten bildsynchronen Ton des Films — beginnt der Fall und der Niedergang ins anti-utopische Gegenwärtige.

2. AKT: HERRSCHAFT UND HALLUZINATION

Kaum ist die seltsame Brut verschwunden, die unser Hauptdarsteller mit ungehörten Klängen unterhalten musste, ohne von ihnen auch nur die geringste Anerkennung zu erfahren, ist er auch schon als neue Herrschaftsperson im Filmraum etabliert — und hier kommt auch der Alkohol ins Spiel, an dem er sich in seinem Alleinsein verlustiert und uns damit gleichzeitig die Normalität des österreichischen Trinkertums und die Abnormität tremensartiger Hoheitshalluzinationen veranschaulicht.

In seinem isolierten Franz Josefs-Dasein ereilt ihn das schlechte Gewissen als traumdeuterische Reminiszenz auf die Log Lady aus Twin Peaks, die in Gestalt seines Sohnes den Tannenzweig schweigend — und mahnend — vor ihm niederlegt. Auch der zweite Sohn spricht mit seiner Anklage in Form eines Weihnachtsbriefs aus der Ferne Bände. Die Verantwortung des Vaters ist im Grenzgebiet zwischen Traum und FPÖ-Wähler-Wirklichkeit auf DIE ANDEREN ausgelagert. Archetypisch: Das Schrecken, das den Kaiser heimsucht, als er davon liest, wie die Welt ringsum seinen Lieben das Fest versaut.

3. AKT: FUCK-A-LUCK-A-DING-DONG UND DIE VIERTE WAND

Der Kollaps des Herrschaftskomplexes, der als das System des Gutbürgerlichen gedeutet werden kann, geht ab hier wie von selbst: Der männliche Nachwuchs desertiert und wendet sich gegen seine Wurzeln — der weibliche Sprössling wendet sich in einem impressionistischen Moment natürlich an seine Mutter, sodass sich hier künftige und gegenwärtige Gebärmaschine miteinander in Trauer vereinen.

Die Sippe wird mit langsamen Schwarzblenden qualvoll aus der filmischen Existenz radiert. Direkt auf das gruselige Kind, das von hinten aussieht wie der Zwerg aus Wenn die Gondeln Trauer tragen, folgt ihr erwachsener und nicht minder gruseliger Konterpart. Barbara Rosenkranz bricht die Erzählwelt auf, bohrt sich mit ihren Volks-Laser-Augen ein Loch durch die Vierte Wand, die uns gerade noch vom Stübchen des Bauernkönigs trennten, und hält ihre ehrliche, berührende, freundliche Rede gegen alles, was nicht Lagerfeuer und Mensurfechten ist.

Mit diesem semi-orgiastischen Bild endet die Analyse und mit ihr der gesunde Menschenverstand. Danach wird zwar noch ein Hund vor die Kamera gequält, aber da ist es mit der wissenden Distanz ohnehin längst vorbei. Ab hier heißt es wieder Rührseligkeiten und Ressentiments beschwören. Passend zum Geist der Weihnacht sind alle Dinge entweder niedlich oder fremd — und damit auch feindlich. Ich sehe mir einfach noch ein paar Minuten lang Barbara Rosenkranz in der empfangenden Erstarrung an und hoffe, dass diese niemals endet. Mahalo!


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