©2014 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      Das Super-Bowl-Presse-Event ... auf LSD

      February 4, 2013

      Von Hank A. Knightly

      Der Super Bowl fand Sonntag Nacht statt. Er ist so etwas wie das Silvester des American Footballs. 180 Millionen Menschen schauen zu, Alicia Keys singt die Nationalhymne und Beyoncé tritt in der Halbzeit auf. Es gibt Feuerwerk und alle drehen am Rad. Sogar die Werbespots, die dort laufen, werden wie Kurzfilme analysiert und gefeiert. Es ist das Endspiel der laufenden Football-Saison, nach dem eine Mannschaft behaupten darf, dass sie das beste Team der Saison ist und die andere nur das zweitbeste. Dieses Jahr haben es die San Francisco 49ers und die Baltimore Ravens ins Finale geschafft. Und Hank A. Knightly war für uns auf dem dazugehörigen Presse-Event. Auf LSD.

      Zuerst musste ich mich entscheiden, ob ich die fünfer Dosis LSD vor oder nach meiner Ankunft am Superdome nehme. Ich entschied mich für danach und das war, wie sich herausstellen sollte, die richtige Wahl. Die Schlange für die Presseleute bestand aus Hunderten von Menschen und zog sich kreuz und quer durch das ganze Superdome-Parkhaus. Es war unmöglich einzuschätzen, wie lang sie wirklich war und was hinter der nächsten Ecke wartete. Und dann liefen da auch noch Bombenspürhunde und bewaffnete Soldaten rum. Meinem Redakteur habe ich später erzählt, dass mein Ausflug beim Anblick der Hunde zu Ende gewesen wäre, wenn ich das LSD vorher genommen hätte. Ich wäre auf der Stelle—wahrscheinlich schreiend—weggerannt und diese bösartigen Biester hätten mich aufgefressen.

      Ich habe früher schon als Sportjournalist gearbeitet, aber das war mein erstes Mal beim Super-Bowl-Pressetag. Ich suchte mir eine abgelegene Ecke, um die Drogen zu nehmen. Ich sah auf die Uhr: halb zehn. Die San Francisco 49ers werden in einer halben Stunde mit den Journalisten reden.

      Das Acid begann langsam zu wirken, als ich in der Nähe von Colin Kaepernick, dem Quarterback der 49ers, stand. Jemand fragte ihn, ob er ein „Steak und Kartoffeln”-Typ war und ich wiederholte ein paar Mal „Steak und Kartoffeln” und sprach es auf meinen iPod. Ich glaube, ich fiel nicht weiter auf. Aber dann war ich kurz vorm Ausrasten, als ich sah, wie Kaepernick gottgleich auf den Superdome-Riesenbildschirm hochgebeamt wurde. Und ich stand fast neben ihm!

      Mittlerweile war der Trip schon ganz schön intensiv und er kam in beständigeren und stärkeren Wellen. Zum Glück hatte ich viel Spielzeug dabei (meine Kamera, meinen iPod, mein Smartphone); an den Geräten rumzufummeln, beruhigte mich irgendwie. Vielleicht hat das auf Außenstehende seltsam gewirkt—ich habe schließlich gefühlte Stunden auf meine Kamera gestarrt, ohne etwas damit zu tun.

      Tatsächlich kann es gar nicht so lange gewesen sein, weil ich auf meinem nächsten Memo bemerkte—das war 10:42 Uhr—, dass die 49ers in wenigen Minuten das Spielfeld verlassen würden und ich noch keine Fragen gestellt hatte. Plötzlich musste ich unbedingt etwas tun. Um mich herum hatten alle ein klares Ziel, während ich ziellos umherwanderte und dann ein Stück Rasen anstarrte, das unheimlich glühte. Vergeblich wollte ich dem Runningback der 49ers Frank Gore eine Frage stellen, wurde aber von einem Radio-DJ aus dem Spiel gedrängt. Ich machte mir ein Sprachmemo, in dem ich mich fragte, ob ich mir das alles nur einbilde.

      Dann sah ich diesen Typen:

      Jeder, der sich ein bisschen mit der NFL auskennt, weiß, dass der Super-Bowl-Pressetag eher eine Show ist und kaum die Möglichkeit bietet, Neues über die spielenden Teams zu erfahren. Da sollte ich mich wirklich nicht wundern, dem „Super Bowl Samurai” (so nennt er sich selber) zu begegnen. Trotzdem war es verstörend. Aber ich überlegte: Hatte ich zu viel Angst, entdeckt zu werden? Vielleicht hätte ich ja schreien sollen: „Ich bin hier auf einem verfickten Trip!”, und es hätte niemanden interessiert. Ich dachte so darüber nach, als ich einen Journalisten mit einer mexikanischen Wrestling-Maske entdeckte. Aus Gründen, die ich hier jetzt nicht weiter erläutern werde, hatte mir meine eigene mexikanische Wrestling-Maske von zu Hause mitgebracht. Und so sah das dann aus:

      Zu diesem Zeitpunkt sprach ich aufs Band, dass mein Herz zu rasen begann und das LSD jetzt wirklich einsetzte. Mir wurde bewusst, dass die 49ers weg waren und ich nichts hinbekommen hatte. In mir stieg Panik auf. Was würde mein Redakteur dazu sagen? „Oh richtig“, fiel mir ein, „ich bin ja hier gar kein Journalist, ich spiele nur einen.“ Das beruhigte mich ein wenig. Ich ging zum Mittagessen. Und als ich im Speisesaal ankam, saß da der legendäre Runningback Marshall Faulk.


      Man kann es nicht erkennen, aber da ist Marshall Faulk.

      LSD hin oder her, die Gelegenheit, mit einem der größten NFL-Spieler aller Zeiten zu sprechen, konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ich schlich um Faulks Tisch und sah, wie seriöse Sportjournalisten versuchten, ein Interview mit ihm zu bekommen. Wie würde ich da reinkommen? Die folgenden Minuten sind verschwommen, aber irgendwann fand ich mich neben Faulk wieder. Er erzählte Super-Bowl-Geschichten, wie er in New Orleans aufgewachsen war und was sein Lieblingsessen in der Heimat war.

      15 Minuten lang stand oder saß ich bei ihm. Er bemerkte wohl nicht, dass ich auf einem Trip war.

      Als ich ging, wurde mir klar, dass mein Frühstück schon vier Stunden her war. Jeder, der schon mal Acid genommen hat, kann das bestätigen: Du musst dich immer wieder daran erinnern, etwas zu essen, auch wenn du keinen Hunger hast. Aber das Angebot am Buffet war einfach zu groß und auch zu verwirrend. Ich verschwendete die Zeit damit, auf all die Sachen zu starren, anstatt sie einfach in mich reinzuschaufeln. Am Ende nahm ich mir Melone und zwei Muffins, aber nichts davon konnte ich genießen, weil ich neben ein paar alten Kollegen saß. Ich hatte Angst, sie würden meinen Zustand bemerken. Ich zog mir meine Mütze ins Gesicht, inhalierte mein Essen und ging zurück auf das Spielfeld. Es fühlte sich an, als wäre ich einer Kugel ausgewichen.

      Auf meinem Weg zurück zum Geschehen sprach ich aufs Band: „Ich fühle diesen großen Druck, jetzt noch jemanden zu interviewen oder etwas zu schreiben oder irgendwas. Aber ich muss das alles gar nicht. Ich bin auf einem Trip und das fühlt sich super an.” Trotzdem wollte ich wenigstens einen kleinen Versuch wagen, meiner Pflicht als Journalist nachzukommen und mit ein paar Leuten zu sprechen.

      Das war gar nicht so einfach. Bei den Ravens war viel mehr Presse als vorher bei den 49ers und das LSD feuerte aus allen Rohren. Zum Glück begegnete ich einem befreundeten Fotografen. Er bemerkte nicht, was mit mir los war, konnte mich aber mit ein paar Witzen wieder etwas beruhigen. Da hatte ich die Spitzenidee, dass er mich bei meinen Interviews fotografieren sollte.

      Er war einverstanden und fing an zu knipsen, während ich mir meinen Weg durchs Gedränge bahnte, bis zum Safety Ed Reed und Trainer John Harbaugh.

      Ich gebe offen zu, dass die Gespräche ganz fürchterlich liefen. Vielleicht wisst ihr das schon, aber ein Trip umringt von Journalisten, die direkt neben deinem Ohr rumbrüllen, ist der neunte Kreis der Hölle. Gerade als ich wieder da raus wollte, sah ich einen Mann, der ein Superheldenkostüm anhatte. Ich hatte jetzt komplett den Verstand verloren. Er fragte Harbaugh über seine Familie aus und wen seine Eltern mehr geliebt hätten—ihn oder seinen Bruder (der Trainer der 49ers, Jim Harbaugh). Das war zu viel für mich, ich musste da weg. Mein Fotografenfreund (der immer noch meine Kamera hatte) hinter mir her.

      Nach einem kurzen Interview mit Artie Lange, nach dem ich mich besser fühlte, holte ich mir meine Kamera und ging zurück zur Journalistenhorde. Ich griff in meine Tasche, aber anstatt meines iPods hielt ich plötzlich ein Funkgerät in der Hand. Das hatte ich am Eingang bekommen und damit konnte ich mich in jedes andere Interview einklinken. Das hatte ich ja ganz vergessen! Als wäre mir plötzliche eine—ziemlich beschissene—Superheldenfähigkeit verliehen worden. Ich hatte eine Idee: Ich würde an den Platz von Ravens-Quarterback Joe Flacco gehen und Fragen stellen und das Funkgerät währenddessen laufen lassen. Der Funk sendete mit Verzögerung und das führte zu einem Echo, das mich wegkippen ließ. Ich musste lachen. Keine Ahnung, wie lange das so ging, aber irgendwann blickte mich Flacco von der Seite an. Ich bekam Angst und ging lieber wieder.

      So langsam verließen auch die Ravens den Platz und ich merkte, dass ich unbedingt was tun musste. Mit jemandem sprechen. Wenn du einen Journalisten spielst, dann verhältst du dich wohl auch wie einer. Auch, wenn du nur so tust. Ich rannte schnell zurück zu Reeds Platz und schrie ihn an, was sein Lieblingsmusiker aus New Orleans wäre (ich wusste, dass Reed aus Lousiana stammte).

      „Ich bin mit Cash Money Records aufgewachsen, aber es gibt so viele, Mann”, war seine Antwort. „Ich mag Ma$e. Er ist nicht von hier, aber wir haben ihn ins Herz geschlossen.”

      „Mission erfüllt“, war mein Gedanke. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, war das kein Pulitzer-Preis würdiges Zitat. Aber dort kam es mir so vor und außerdem beruhigte es mich ein wenig. Genau in dem Moment kam die Durchsage, dass die Ravens fertig seien und es Zeit für ihr Gruppenfoto wurde. Mittlerweile schien sich jedes Objekt in meinem Blick zu verbiegen. Ich packte meine Sachen zusammen und verließ das Stadion.

      Mir wurde klar, dass ich noch ein paar Stunden an meinem Trip gut hatte, und ich dachte, es sei eine tolle Idee, eine Runde um den Superdome zu drehen, um ein paar Fotos zu machen. Dummerweise war die Sicherheitslage schlimmer als in der entmilitarisierten Zone zwischen den Koreas. Wenn jemand etwas rief, dachte ich immer, ich sei gemeint. Lange hielt ich das nicht aus und so ging es zurück zu meinem Fahrrad. Doch ein Foto konnte ich noch machen—von einem deutschen Journalisten, der wirklich verloren aussah:

      Obwohl ich wegen de ganzen Security um mich herum sehr nervös war, ging es mir besser, als ich diesen Deutschen in Lederhosen sah. Zwischen ihm und seinem Zuhause lag ein ganzer Ozean, aber ich konnte mich einfach auf mein Rad schwingen, nach Hause fahren, duschen und meinen Trip zu Ende genießen.

      Hank A. Knightly ist nur ein Pseudonym eines Journalisten, der sich wegen Drogen nicht seinen Ruf und den Rest seiner Karriere versauen will.

       


      EMPFOHLENE ARTIKEL

       

      Eine Pornomesse ... auf LSD! Auf Video!
      Auf LSD ist alles unglaublich, oder? Besonders auf der Erotikmesse Venus und erst recht auf Video!
      Bei einer Hundeshow … auf LSD
      Hunderte Hunde und ein Typ auf Acid.
      Stand-up-Comedy … auf LSD
      Für Josh war dies eine sehr dumme und verdammt erschreckende Sache. Also genieß bitte einfach das Video, aber versuch das niemals selbst.

       

      -

      Themen: LSD, Drogen, football, super bowl, Sport

      Kommentare