Refugees im Orbit

Das Ute Bock Interview

von Markus Lust


Foto: Kramar für fischka.com

Seit vergangenem Dienstag bringen wir euch hier unseren großen Sonderbericht über das Refugee Protest Camp Vienna, bei dem Flüchtlinge seit 24. November gegen Missstände im österreichischen Asylsystem protestieren: „Refugees im Orbit“ ist die Geschichte dieser Hilfesuchenden, die in ihrer Votivkirchen-Kapsel um den Planeten Wien kreisen und im (politischen und menschlichen) Vakuum langsam vor die Hunde gehen.

Ute Bock ist nicht nur irgendeine Flüchtlingshelferin — sie ist diejenige, ohne die das Flüchtlingsthema heute in Österreich nach wie vor keines wäre. Ihr Einsatz für Personen, die man nicht kennt, die einem nicht immer dankbar sind und die man nicht mal besonders mögen muss, schlichtweg aus dem Grund, weil man ganz pragmatisch ihre Situation menschenwürdiger machen und ihnen faire Startbedingungen in unserer Gesellschaft zu ermöglichen, ist ein so gutes und selbstloses Unterfangen, das gar nicht genug Anerkennung finden kann. Ich sprach mit dem "guten Gewissen Österreichs" über das Lager Traiskirchen, die Situation in der Votivkirche und über alles, was sich daraus an neuen Fragen und ungelösten Problemen ergibt.

 

Liebe Frau Bock, was denkt man sich, wenn man so wie Sie die Debatte um die Flüchtlingsproteste so hautnah mitbekommt? Verstehen Sie alle beteiligten Seiten?

Ich verstehe beide Seiten, auf der einen Seite müssen die Flüchtlinge aus welchem Grund auch immer ihre Heimat verlassen, kommen her und bekommen nicht einmal was zu essen. Auf der anderen Seite befürchten die Menschen, wenn man zu nett ist, leben die Flüchtlinge von den Steuergeldern und nehmen uns die Arbeitsplätze weg.

 

Was wäre eine realistische Lösung für die Problematik?

Man sollte europaweit dieselben Bedingungen schaffen, sodass sich die Flüchtlingsströme aufteilen und nicht auf einige wenige Länder konzentrieren. Man darf sich halt auch nicht wundern wenn man sagt, dass hier alles gut ist, wenn dann alle herkommen.

 

Vergangenen Sonntag waren Sie in der ORF-Sendung IM ZENTRUM zu Gast, um gemeinsam mit anderen Personen des öffentlichen Lebens über die Lage der Flüchtlinge in Österreich und das Protestcamp in der Votivkirche zu diskutieren. Wie stehen Sie persönlich dazu, dass kein Vertreter der Protestierenden eingeladen wurde?

Es ist ja keiner zu Wort gekommen, Hr. Taucher vom Innenministerium war da eigentlich der einzige – er ist übrigens auch ein ehemaliger Mitarbeiter der Caritas und hat Erfahrung in der Flüchtlingsberatung. Es darf keine Ausrede sein, dass es in einem anderen Land noch schlechter zugeht als bei uns und deswegen kann man national nichts verbessern.

 

Noch mal zu IM ZENTRUM: Mit dabei war unter anderem FPÖ-GeneralsekretärHarald Vilimsky, der den Protest mit „So etwas macht man nicht“ und die Forderungen als „unverschämt“ abgetan hat. Außerdem wies er darauf hin, dass es geradezu fahrlässig und egoistisch wäre, wenn die Asylwerber ihre Familien und ihr Heimatland im Stich lassen. Deuten solche Aussagen Ihrer Meinung nach nicht darauf hin, dass die Asylwerber mit ihrem Protest von der Opfer- direkt in die Täterrolle gedrängt werden?

Natürlich, ich finde die ganze Situation, die gesamte Votivkirchen-Affäre, suspekt. Es kommen extra Leute aus Deutschland, um hier im Auftrag von irgendwem zu protestieren. Sobald sie das getan haben, gehen sie wieder nach Hause und lassen es sich gut gehen. Die Menschen, die wirklich leiden, bleiben auf der Strecke zurück und kämpfen mit dem Hungertod. Ich weiß allerdings nicht, wie man es besser machen könnte. Man muss bei uns das Bewusstsein schaffen, damit man die Situation verbessern kann.

 

Sie haben das Protestcamp besucht, als es noch im Sigmund-Freud-Park vor der Kirche aufgeschlagen war. Können Sie uns Ihren Gesamteindruck des Asylprotests Vorort schildern?

Das Protestcamp habe ich am zweiten Tag gemeinsam mit Josef Hader besucht, weil ich eingeladen wurde. Der Zustand der Lager und die Lebensbedingungen für Flüchtlinge sind nach wie vor eine Schande für Österreich. Eigentlich sollten wir uns als Gesellschaft dagegen wehren und das nicht auf die AsylwerberInnen die gerade nach Österreich gekommen sind abwälzen. Auf der anderen Seite ist Traiskirchen schlichtweg überfordert, man kann von heute auf morgen nicht alles herbei schaffen.

 

Können Sie uns aus der Praxis Beispiele für die Zustände in den Flüchtlingslagern geben?     

Ich kann es nur aus Erzählungen sagen. Der Zustand für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Lagern ist kein leichter. Die Vorurteile sind sehr stark, wie auch hier bei uns im Haus. Mir ist sogar zu Ohren gekommen, dass in einem Flüchtlingslager die Essensausgabe an die AsylwerberInnen getrennt stattfindet. Die Flüchtlinge werden nach Ländern aufgerufen, nur damit sie sich untereinander dann nicht in die Haare kriegen. Generell wird unter den AsylwerberInnen um alles gestritten, weil meistens zu wenig da ist.

 

Auffällig finde ich, dass der Begriff „Aktivist“ immer mehr zum neuen Äquivalent von „Gutmensch“ mutiert. Dabei schwingt immer auch mit, dass Asylsuchende ihre Ziele ausschließlich aus eigenem Antrieb und nicht mit unserer Hilfe erreichen dürfen. Woher kommt diese Ansicht?

Das ist leider unsere rechtsextreme Seite. Alles wird gegen jeden benützt. Es ist schon absurd, dass man ein Wort, das „Gut“ enthält zu einem Schimpfwort machen kann … das sagt mehr über die Kritiker aus als sonst was.

 

NÄCHSTE WOCHE: GASTBEITRÄGE UND GEGENSTIMMEN

Markus Lust auf Twitter: @wurstzombie

 


ZUVOR BEI REFUGEES IM ORBIT:

2: Das Protestcamp als Bestandsprobe für die Medien
Teil 2 der Sonderreihe über das Votivkirchen-Protestlager widmet sich der Frage, was die Krise der Flüchtlinge vielleicht auch über die Medien aussagt.
3: Die Forderungen und die Vorgeschichte
In Teil 3 der Sonderreihe geht es um etwas, worum es eigentlich IMMER gehen sollte: nämlich etwas mehr Einsicht und Hintergrundinformation in die tatsächlichen Motivationsgründe der Flüchtlinge.
4: Die Aktivisten, das sind die anderen!
In Teil 4 der Sonderreihe stellen wir uns die Frage, warum manche eigentlich so ein Problem damit haben, sich die Flüchtlinge als eigenständige, mündige Wesen vorzustellen.

 

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