Der Ur-DJ

von Felix Nicklas

Klaus Quirini war wahrscheinlich der erste DJ der Welt. Es ist immer etwas schwierig, von sich zu behaupten, dass man der Erste sei, der eine Idee hatte, wenn man das nicht untermauern kann. Bei kompletten Musikrichtungen wird es dann natürlich erst richtig heikel. Aber da Klaus Quirini noch niemand widersprochen hat, kaufen wir ihm das so ab. Durch Zufall stolperte er hinter die Plattenteller, blieb daran hängen, nannte sich auf Rat seines Vaters DJ Heinrich und begründete eine Ära. Da wir keine Ahnung haben, wie Unterhaltung in den fünfziger Jahren, kurz nach dem Krieg, aussah und wie ein 67-Jähriger heute zu seinem frühen Ruhm als DJ steht, haben wir uns mit ihm getroffen, um über die guten alten Zeiten zu quatschen.

Vice: Wie war Ihr erster Abend als DJ? Wie fing alles an?
Quirini:
Das war 1953, ich war damals als Journalist tätig. Gerade mal 18 Jahre alt und besuchte mit zwei Kollegen ein Tanzlokal—die Bezeichnung Disko gab es noch nicht. Jedenfalls war ich nach damaligen Recht noch minderjährig und hatte ein Glas Whiskey getrunken. Da der Herr von der Kölner Oper, der an diesem Abend für das Musikprogramm zuständig war, zu langweilig war, wurden meine beiden Kollegen und ich eben etwas lauter. Der Chef des Lokals kam also auf mich zu und meinte, ich könne gerne übernehmen, wenn ich meinen würde, ich könnte das besser. Also tat ich das.

Was passierte dann?
Ich begann den Auftritt mit der Ansage „Meine Damen und Herren, wir werden das Lokal jetzt fluten“, und spielte Ein Schiff wird kommen. Jedenfalls kam das gut bei den Gästen an und die Leute klatschten bei jedem Lied, das ich auflegte, frenetisch. Am Ende des Abends bot mir dann der Inhaber des Ladens an, das Ganze regelmäßig zu machen und zahlte mir dafür 800 DM pro Monat. Ein Haufen Geld für die Zeit kurz nach dem Krieg. Nur mein Vater meinte, dass ich mir ein Pseudonym zulegen sollte, da er Mitgründer der Deutschen Bank war und dementsprechend den Namen Quirini nicht damit in Verbindung sehen wollte. Also nannte ich mich DJ Heinrich.

Wie lange hat es gedauert, bis die ersten Nachahmer auftauchten?
Ungefähr ein Jahr. In einem Betrieb gleich um die Ecke. Wir befanden uns in diesem Dreiländereck Holland-Belgien-Deutschland. Da schwappte es dann auch schnell über die Grenze. Plötzlich gab es dann 42 Diskos in Aachen, wobei der Name „Disko“ erst durch die Gäste eingeführt wurde, jedenfalls waren es recht viele Diskos für eine Stadt mit einer viertel Million Einwohner. Heute gibt es nur noch vier Diskos, zu Ihrer Information.

Hatten Sie diese Coolness-Aura, die heute typisch ist für DJs?
Ja, bestimmt. Ich war ja auch exponiert für die Leute sichtbar und tanzte zu jedem Stück mit, auch inmitten des Publikums. Deswegen hatte ich an meinem Platz auch immer zwei Handtücher liegen, denn Sie können sich vorstellen, dass es einem in Anzug und Krawatte doch recht warm wird. Der Dresscode war damals sehr wichtig, wichtiger als heute. An unserer Tür arbeiteten damals der noch unbekannte Udo Lindenberg und Frank Elstner. Etwas, das mir heutzutage auffällt, ist, dass junge Herren heutzutage viel schlechter angezogen sind als damals. Würden Sie mehr auf ihr Äußeres achtgeben, dann kann ich Ihnen versprechen, dass Sie auch mehr Chancen bei den Frauen haben!

Kamen Sie besser bei Mädchen an?
Ha, das war eine andere Zeit. Ich war damals gebunden und mit 22 Jahren bereits verheiratet. Um vier Uhr morgens war man froh, dass es vorbei und man zuhause war. Außerdem war die Mentalität damals eine andere. Ich sah mich auch eher als Ersatzkünstler und Dienstleister, der den Gästen gegenüber Verantwortung hatte. Wie ein Kellner, der eine Flasche Champagner serviert.

Was denken Sie über DJs von heute?
Das hat sich alles verändert. Aber trotzdem gibt es da Ähnlichkeiten. Ich habe erst kürzlich mit einem jungen Mann gesprochen, der als DJ aktiv ist. Was gleich geblieben ist, ist die Auffassung, dass es ein Beruf ist, eine Dienstleistung für die Leute. Trotzdem hat sich die Technik natürlich vollkommen geändert. Vom Produzieren bis hin zu der Art, wie man Samples und so etwas nutzt.



Haben Sie sich irgendwann mit modernem DJ-ing befasst? Mixen und Scratchen?
Nein. Das kam erst später auf. Sowas überlasse ich Sven Väth und diesen Leuten. Womit ich mich aber beschäftigte, war das Aufkommen von Lichteffekten während der Diskozeit in den Siebzigern. Von Platte gespielte Musik war ja immer etwas Totes, Lebloses, dem man wieder Leben einhauchen musste als DJ. In den 70ern ging dann aber die Entwicklung vom gesprochenen Wort hin zu Effekten, Licht und technischer Finesse. Das mit dem Scratchen kam dann ja erst in den 80ern auf und ist eben eine Entwicklung des Ganzen.

Was für ein Equipment hatten Sie?
Ich hatte eine hervorragende Ausstattung. Im Scotch Club hatte ich ein Schweizer Studiomischpult, das damals das Beste war, das man bekommen konnte und die Verstärker waren Röhrenverstärker, das waren riesige Dinger, aber der Klang war dafür ausgezeichnet. Ich würde sogar sagen, besser als heute in diesem digitalen Zeitalter. Röhren geben im Gegensatz zu dem digitalen Bereich ein ganz anderes, wärmeres Gefühl, würde ich mal sagen.

Wie sind ihre Musikgewohnheiten heute?
Man wächst ja mit der Musik mit, aber ich höre nach wie vor die Klassiker, Beatles, die Stones, Musik aus meiner Jugend eben. Ich bekomme auch immer noch einen Haufen Platten zugeschickt, aber das meiste höre ich mir nicht mehr an. Vor kurzem erst habe ich einem jungen Musiker, dessen Namen ich aber vergessen habe, gesagt, „Junger Mann, ihre Musik ist grässlich“, ein paar Monate später hatte er mehrfach Platin. Die Zeiten ändern sich eben.

Gehen Sie selbst auch noch immer in die Disko?
Ja, aber nicht dorthin, wo jüngere Menschen sind.

Was ist der größte Hit aller Zeiten?
„Yesterday“ von den Beatles.

Was war der irrsinnigste Spruch oder Wunsch, der Ihnen jemals entgegengebracht wurde?
Da habe ich nie etwas hören müssen. Auch ein Nebeneffekt der Zeit, die Leute sind mir immer mit Respekt begegnet und waren nett zu mir, so wie ich nett zu ihnen war und niemandem einen Musikwunsch abgeschlagen habe. Ich war eben der Ersatzkünstler.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Helga & Klaus Quirini

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