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      Der Mann, der den Schatten scheuerte

      November 21, 2012

      Von Dr. Franz Rottensteiner

      Intro von Tom Littlewood
      Fotos mit freundlicher Genehmigung von DR. Franz Rottensteiner sowie Barbara und Tomasz Lem

      In den 70er Jahren veröffentlichte Dr. Franz Rottensteiner in seiner Buchreihe Science Fiction der Welt im Insel Verlag Autoren wie Philip K. Dick, Kobo Abe oder Cordwainer Smith, oft zum ersten Mal auf Deutsch. Später veröffentlichte er in New York die Anthologie View from Another Shore, die dem amerikanischen Publikum europäische Science-Fiction näherbringen sollte und Autoren wie Stanislaw Lem überhaupt erst in den USA einführte. Dr. Rottensteiner agierte lange Zeit als Lems Agent, und beide führten eine enge, wenn auch nicht immer freundschaftliche Beziehung, die 1995 auf unharmonische Weise endete, als Lem Dr. Rottensteiner vor dem österreichischen Gericht auf 100.000 DM verklagte. Für diese Ausgabe haben wir Dr. Rottensteiner gebeten, über seine Zusammenarbeit mit Lem zu schreiben und seine doch sehr persönlichen Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt eines der kontroversesten Philosophen und Autoren unserer Zeit zu schildern. Dies ist sein Zeugnis.

      Wie man seit zumindest Lukians Vera Historia weiß, ist die Betonung der eigenen Wahrhaftigkeit ein beliebter literarischer Kunstgriff beim Erzählen von Lügengeschichten, und dass Amicus Plato, sed magis amica veritas zu den Lieblingssentenzen des polnischen Science-Fiction-Autors Stanisław Lem gehörte, hätte mich misstrauisch machen sollen, aber ich war damals wohl doch, wie Lem es in einem Brief an seinen amerikanischen Übersetzer Michael Kandel ausdrückte, ein „fürchterlicher Einfaltspinsel“, der ihn für einen wahrheitsliebenden Menschen hielt, obwohl er die Phrase gerne dann gebrauchte, wenn er Bosheiten über andere Menschen von sich geben wollte. Bekanntlich wird nirgends so viel gelogen wie in der Liebe, im Krieg—und vor Gericht, wie ich herausfand, als mich Lem gegen Ende unserer Beziehung vor dem Handelsgericht Wien verklagte.

      Als ich mit Lem in Kontakt kam, war ich ein begeisterter Leser von Science-Fiction, vorwiegend der amerikanischen, aber mit einem großen Interesse an fantastischer Literatur aus aller Welt. Ich hatte Lem in verschiedenen DDR-Ausgaben gelesen, und als Der Unbesiegbare erstmals in deutscher Sprache erschien, sandte ich ihm eine Rezension. Lem schrieb mir daraufhin einen Leserbrief, und daraus entwickelte sich ein lebhafter Briefwechsel. Lem wollte damals ein Buch über die westliche Science-Fiction schreiben, hatte aber keinen Zugang zu den Quellen. In mir sah er wohl einen willkommenen Lieferanten, denn ich sandte ihm Unmengen von Science-Fiction, die er nicht zurücksandte, weil das damals, wie er sagte, verboten war, denn der polnische Staat ging von der Annahme aus, dass für den Kauf wertvolle Devisen aufgewendet worden waren. Diese Bücher und andere, die ihm zugesandt wurden, verkaufte Lem dann in polnischen Antiquariaten. Um 1970 erhielt ich dann die Gelegenheit, im Insel Verlag, später dann bei Suhrkamp, Science-Fiction herauszubringen, und publizierte Lem als den Autor, der meinem Ideal von Science-Fiction am nächsten kam. Die Bücher waren von Anfang an sehr erfolgreich. Irgendwann kam mir dann der Gedanke, dass ich mehr für Lem tun konnte, wenn ich sein literarischer Agent würde, und arrangierte in der Folge bis etwa 1995 alle seine Ausgaben im westlichen Ausland, an die 300 Verträge, mit Ausnahme Deutschlands, wo ich nie sein Agent war. Suhrkamp war für Lem ein Glücksfall, zwar wäre seine Science-Fiction auch so erschienen, aber schwerlich—in Anbetracht der enormen Übersetzungskosten—die umfangreichen essayistischen Schriften wie Phantastik und Futurologie oder Philosophie des Zufalls und andere, die kaum Resonanz hatten. Dass er von Insel/Suhrkamp verlegt wurde, hat zum Ausmaß der Beachtung beigetragen, die er im deutschen Sprachraum fand.

      Der deutsche Erfolg hatte auch seine Schattenseiten, weil Lem sich einbildete, er müsste überall in der Welt so erfolgreich sein, was aber beileibe nicht der Fall war. In Deutschland hat er mehr verdient als in allen übrigen westlichen Ländern zusammen. Es gab zwar viele Lem-Ausgaben, vor allem im Gefolge seiner amerikanischen Bücher, aber die Verkaufsziffern waren mäßig und die Tantiemen überschritten kaum die geringen Garantiehonorare. Nur Solaris war, vor allem dank der Tarkowski-Verfilmung, ein bescheidener Erfolg. Zuweilen haben mich polnische Fans zum „Bestsellerstatus“ von Lem in den USA befragt; aber dort war der Absatz so gering, dass sein Verlag Harcourt in Anbetracht der hohen Übersetzungskosten mit ihm nie Geld verdient haben kann. 3.000 bis 4.000 Stück für gebundene Ausgaben scheinen das Limit gewesen zu sein, und die Taschenbücher verkauften sich kaum besser.

      Als es schließlich zum Bruch zwischen uns kam, weil er einen Agenten an Ort und Stelle haben wollte (aber nach meiner Zeit erschien kein einziges neues amerikanisches Lem-Buch mehr), sagte Lem auch, er wünsche sich einen „dynamischeren“ Verlag. Allerdings ist es in den USA selten, dass ein erfolgloser Autor lieferbar gehalten wird, und die meisten Verlage hätten seine Bücher schon längst makuliert. Er trennte sich von Harcourt nach einer Serie immer beleidigenderer Briefe an den Verlag, weil er die Rechte an einer Kurzgeschichtensammlung zurückhaben wollte. Er stellte sich wohl vor, die schon übersetzten Geschichten gleich an einen anderen Verlag verkaufen zu können, aber sie sind bis heute nicht erschienen.

      Ich habe Lem im Lauf der Jahre mehrmals besucht und getroffen. In Krakau bewohnte er ein bescheidenes Einfamilienhaus, er war ein überaus aufmerksamer und liebenswürdiger Gastgeber. Der einzige Luxus, den er sich leistete, war ein Mercedes und der Schinken, den ihm eine Bäuerin regelmäßig heimlich über die Felder von hinten ins Haus brachte. Später baute er sich von seinen ausländischen Einkünften eine riesige Villa, die zum bestaunten Objekt für die lokale Bevölkerung wurde, die zur Besichtigung hinpilgerte. Für Dollar, die heimliche polnische Währung im Kommunismus, bekam man alles, was es in Polen eigentlich nicht gab. Die Badezimmer waren aus italienischem Marmor, weil gerade die Wawel-Burg renoviert wurde, das Blech für das Dach kam vom Überschuss einer ländlichen Genossenschaft und die Bauarbeiter, die das alles anfertigten, nahmen eben manchmal „Urlaub“ von ihren offiziellen Baustellen und rückten mitsamt ihren Baumaschinen an, um am Haus Lems zu schaffen.

      Ich schlief in dem Häuschen im Keller zwischen Stößen von Lems Belegexemplaren.

      In Krakau erlebte ich ihn auch zum ersten Mal richtig wütend. Irgendein Funktionär rief an, und er brüllte nur „Nein, nein!“. Seine Frau suchte die Leute dann immer zu besänftigen. Vor seinen Wiener Jahren machte Lem mehrmals Urlaub in Österreich, obwohl er es nicht liebte zu reisen und sich gerne als „Immobilie“ bezeichnete. Er war auch in Österreich, als der polnische Papst zum ersten Mal seine Heimat besuchte, und da Lems Frau eine gläubige Christin ist, kaufte ich eigens einen Fernsehapparat, damit sie sich den Papstbesuch in Wien ansehen konnte.

      Mein größter Fehler war wohl, dass ich Lem, als er Polen nach Ausrufung des Kriegszustandes verließ, einlud, nach Österreich zu übersiedeln. In der Öffentlichkeit gab er sich gerne den Anschein eines überlegenen, allein an wissenschaftlicher Erkenntnis interessierten Geistes. In einem frühen Spiegel-Essay gerierte er sich als „Sklave der Logik“, der nicht anders konnte, als logisch zu denken. Er konnte, wenn er es darauf anlegte, äußerst charmant sein. Aber im alltäglichen Umgang, als er in den 80er Jahren mehrere Jahre lang in Wien lebte, ich ihn fast jede Woche sah und aus nächster Nähe studieren konnte, entdeckte ich keinen großen Mann, sondern einen Menschen, der höchst unsicher war, von Zweifeln und Ängsten geplagt, die er durch forsches Auftreten zu übertünchen suchte, voller Launen und Vorurteile. Seine repetitive Konversation bestand aus Monologen, und wenn man ihm widersprach, verstieg er sich zu immer absurderen Argumenten.

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      Themen: Rottensteiner, Tom Littlewood, Sci-Fi, Sci-Fi-Literatur

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