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      Die Chronik des Refugee Protest Camps ist eine Bestandsprobe für die Medien

      January 30, 2013
      Markus Lust

      Von Markus Lust

      Managing Editor VICE Alps

      Aus der Kolumne 'Refugees im Orbit'


      Foto: Louis Reumann

      Wir bringen euch in den kommenden Tagen unseren großen Sonderbericht über das Refugee Protest Camp Vienna, bei dem Flüchtlinge in Wien seit 24. November gegen Missstände im österreichischen Asylsystem protestieren: „Refugees im Orbit“ ist die Geschichte dieser Hilfesuchenden, die in ihrer Votivkirchen-Kapsel um den Planeten Wien kreisen und im (politischen und menschlichen) Vakuum langsam vor die Hunde gehen.

       

      SCHIRCH GESCHÖNBORNT

      Gestern widmete die Zeit im Bild 2 der Flüchtlingsthematik einen insgesamt 11-minütigen Bericht und ging dabei — ähnlich wie schon die Sonntagssendung IM ZENTRUM — hauptsächlich der Frage nach, ob die Asylsuchenden willenlose Opfer von linksextremem Aktivismus sind oder vielleicht doch mündige Individuen, die den oftmals über 6.000 Kilometer langen Weg nach Österreich nicht auf sich genommen haben, um als lobotomisierte Affen ein bisschen Riesenrad zu fahren und sich bereitwillig vor autonome Agenden spannen zu lassen. Anlass war eine Predigt von Christoph Kardinal Schönborn, der vergangenen Sonntag auf denselben Zug wie schon Caritas-Direktor Landau und Bürgermeister Häupl aufsprang und die Behauptung von der aktivistischen Fernsteuerung damit auch in Kirchenkreisen salonfähig machte. Bis dahin war von der katholischen Kirche nur Gutes über die Menschen in Bedrängnis gesagt worden und auch, wenn man sich über eine Duldung in den Räumlichkeiten der Votivkirche hinaus nicht viel in politische Debatten um das Asylsystem einmischte, war Schönborn seit der Nachweihnachtszeit immer deklarierter Unterstützer des Protestes gewesen.


      Foto: Thomas Schmidinger

      Jetzt plötzlich hatte sich das alles geändert — oder so lautete zumindest die Schlagzeile, die sich den immer aktualitätssüchtigen Medien als nächster Schuss anbot, um die atrophierten Nachrichten-Venen schön weiter mit Stoff zu versorgen und den Sensationsmetabolismus am Leben zu halten. Was war geschehen? Hatte Schönborn letztes Wochenende die Verwandlung von Anakin Skywalker zu Darth Vader vollzogen? Im ZIB 2-Interview zeigte sich der Kardinal wieder als populismusbereinigter Vertreter der Mitte: in bekannt versöhnlicher, besonnener Art betonte Schönborn, dass nicht die FPÖ, sondern immer noch er entscheide, ob die Asylsuchenden in der Votivkirche bleiben — und es keine Anstrengungen gebe, sie des Hauses zu verweisen (obwohl man sie schon umzusiedeln versuche).

       

      MEDIALES "GUTTENBERGEN"

      Anscheinend war im News-Rummel aus einer Fußnote eine Schlagzeile und diese wiederum mit Leuchtstift hervorgehoben worden: Und zwar die, dass Schönborn sich auf Dr. Landau berief, der wiederum als Caritas-Direktor seit Ende letzten Jahres fast exklusiv mit einer einzigen Aussage in der Öffentlichkeit steht — und diese lautet: Flüchtlinge werden von Aktivisten missbraucht, egal was die anderen sagen. Aber das größte Problem ist noch nicht einmal, dass Landau in den Unterstützern Extremisten verortet, die den Flüchtlingen alle nur ihre eigene Suppe einflößen wollen. Das wahre Problem ist, dass selbst im 21. Jahrhundert die dutzenden Social Media-Kanäle und Tagesblätter allesamt nur genau dieses eine, monolithische Landau-Zitat als Rechtfertigung für die sowieso längst festgefahrene Skepsis am Protest heranziehen.

      Landaus Aktivismus-Vorwurf ist das Sinnbild und die Monoquelle des gesamten Scheindiskurses, um den alle neuen öffentlichen Statements kreisen und der sich dadurch auszeichnet, dass man ohnehin nur nach Untermauerung seiner bestehenden Meinungen sucht aber abgesehen von dem einen Wort-Artefakt bezeichnenderweise keine validen Bezugspunkte findet.

      Die Medien und ihre Futtergeber guttenbergen sich bequem durch die Welt, was praktischerweise auch von der Lage der Flüchtlinge ablenkt. Auf ihre Forderungen will nämlich immer noch niemand eingehen. Man habe ihnen aber Unterkünfte angeboten, heißt es von allen Seiten. Auch Kardinal Schönborn drängt, ohne zu drängen, auf die Umsiedlungsoption in "ordentliche Quartiere", die laut Refugee Protest Camp Vienna aber keine sind. Es werde zwar kein Einschreiten geben. Was es aber schon gibt, ist das Anliegen einer Ausquartierung. Im weiteren Verlauf wird auf österreichische Art schön schleichend die langsame Umsiedelung in reguläre Quartiere — und damit die Erstickung des Protests — angestrebt. Das alte Prinzip lautet Tabuisierung durch Abnutzung: Was nicht mehr neu und Aufschrei genug ist, verliert schnell an Unterstützern und Akzeptanz. Grund genug, den Protest wieder in den Blickpunkt zu rücken. Auf Seite 2 findet ihr einen Abriss davon, was bisher geschah und warum der Umgang damit die Medien selbst in Schwierigkeiten bringt.

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      Themen: refugees, Flüchtlinge, votivkirche, schönborn, ZIB 2

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