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      Die kleine Geschichte vom großen Aufstand

      January 29, 2013

      Von Markus Lust

      Managing Editor VICE Alps

      Aus der Kolumne 'Refugees im Orbit'


      Foto: Louis Reumann

      Seit 24. November protestieren Flüchtlinge zuerst vor und mittlerweile in der Votivkirche gegen Missstände im österreichischen Asylsystem. Einen Monat später wurde daraus ein Hungerstreik — doch sowohl Politik als auch Medien sind ratlos, wie sie der Lage am besten begegnen. Statt sich ernsthaft mit dem europäischen Asylrecht auseinanderzusetzen und Schritte zur Beseitigung der Missstände zu unternehmen, beschränkt man sich auf kosmetische Korrekturen der Einzelfälle oder — wie im rechten Eck üblich — billigen Populismus. Weil das Thema aber definitiv mehr als das verdient hat, bringen wir euch in den nächsten Tagen unseren großen Sonderbericht rund um die „Refugees im Orbit“, die um den Planeten Wien kreisen und in der (politischen und menschlichen) Leere langsam aber sicher vor die Hunde gehen. Den Anfang macht heute ein kleiner Rückblick auf die bisherigen Ereignisse.

       

      DAS ÜBLICHE ÜBEL

      Vergangenen Sonntag lud die ORF-Sendung IM ZENTRUM zur Diskussion über den Protest in der Votivkirche ein. Das Ganze lief unter dem Motto „Aufstand der Asylwerber“ und sollte uns über die wahre Situation dieser Menschen aufklären, die gerade für 10 Tage ihren Hungerstreik unterbrochen haben, weil sonst laut Notarzt ernsthafte Lebensgefahr bestehe.

      Die Gesprächsrunde war, wie das bei unserem Demokratie- und Diskussionsverständnis üblich ist, geprägt vom linken und rechten Polit-Rand, die sich in der Form von FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky und Grünen-Integrationssprecherin Alev Korun gegenseitig anstänkerten. Die weniger politischen und eher pragmatischen Gäste, nämlich Flüchtlingshelferin Ute Bock und Bundesasylamt-Leiter Wolfgang Taucher, die als einzige zumindest ansatzweise selbst mit der Sache zu tun hatten, wurden währenddessen immer leiser, was — leider — genauso üblich ist. Das fünfte Rad am kaputten Panzerwagen verkörperte der Schriftsteller Franzobel, der vermutlich nur da war, weil er auch eine Meinung hat und eine ORF-Redakteurin seine Bücher signiert haben wollte. Wer hingegen gar nichts zu sagen hatte, weil sie vom ORF in erster Linie nicht mal eingeladen wurden, waren die Flüchtlinge selbst. Und das ist nicht nur das Üblichste, sondern auch das Übelste an der ganzen aktuellen Lage. Eine zentrale Frage der Sendung lautete „Werden die Flüchtlinge von Aktivisten instrumentalisiert?“ — nur wurden weder die Flüchtlinge noch die Aktivisten dazu befragt.

      Stattdessen ließ man Vilimsky, den meine Freundin während der Sendung recht treffend als „unangenehmen Igel“ bezeichnete, seinen Stammtisch-Jargon auspacken und ein paar Allgemeinplätze über den Protest wettern, die traurigerweise den Ton der gesamten Situation treffen: So etwas wie Kirchenbesetzen mache man nicht und die Art, wie die Flüchtlinge ihre Anliegen hier vortragen, sei gelinde gesagt "unverschämt". Vilimsky spielt damit auf die Liste mit 16 Appellen der Flüchtlinge aus Traiskirchen an, in der sie unter anderem Anspruch auf freies Internet, Fernsehen, gesünderes Essen, Zugang zu einem Friseur und Tickets für den öffentlichen Verkehr erheben. Vielen wird es beim Durchgehen der Liste schwerfallen, nicht dem Aufschrei des kleinen Kronen Zeitungs-Lesers in sich zu folgen, der trotz allem geistigen Gegengewicht nicht anders kann, als im definitiven Ton der Aufzählung mindestens Dreistigkeit zu verorten. Im Zuge der frühen Recherche erging es mir selbst jedenfalls ähnlich. Als die ersten Artikel zum Thema in die Tageszeitungen tröpfelten wie homöopathische Infusionen, ging die Resonanz im Kommentarbereich der Redaktions-Websites in eine ähnliche Richtung: „Das ist leider die beste Wahlwerbung für die FPÖ“ wurde vielerorts mit obligatorischem Sadface konstatiert. Es dauerte nicht lange, bis beinahe alle Tagesmedien die Online-Kommentarfunktion unter Artikeln rund um das Protestcamp wegen „massiver Verstöße“ schlossen. Zuletzt twitterte selbst der Pop-Rechte Stefan Petzner eine ähnliche Meldung in Bezug auf IM ZENTRUM (wohl nicht ganz ohne Neid, weil seine Partei, das BZÖ, nicht eingeladen war):

      Anstatt nun die gedankliche Abkürzung zum Kommentar-Bereich in meinem eigenen Kopf zu nehmen, wollte ich mich durch das Dickicht der Tagesmeldungen schneiden und den Blick für das eigentliche Problem freischlagen: Denn die Punkte klingen vor allem deshalb nach unverschämten Wohlstandssorgen, weil niemand die wahre Situation dieser Menschen kennt — weder im konkreten Lager von Traiskirchen, noch im Kampf mit Flucht, Vertreibung und dem Asylsystem allgemein.

      Mit diesem Fingerzeig der Ernsthaftigkeit im Genick und meinen ignoranten First World Problems im Gepäck habe ich mich deshalb aufgemacht, das Thema von Grund auf aufzurollen, unzählige Artikel durchforstet, dutzende Gespräche geführt, eine Hand voll Interviews zusammengetragen und mindestens genau so viele Meinungen wie Netzkommentare zu dem Thema nachgelesen, um meinen inneren Vilimsky zu überwinden. Warum, weiß ich auch nicht so genau, wo ich sonst vorrangig Wrestling-, Web- und Wrong Boner-Zeug schreibe. Vielleicht, weil es mir ein Anliegen war, nicht nur den inneren, sondern auch den äußeren Vilimsky hinter uns zu bringen. Und vermutlich auch ein bisschen, weil die offensichtlichste Frage von allen sonst einfach niemand stellen wollte: Nämlich die nach den Hintergründen und den Ursprüngen des Protestes — und was es mit unserem Asylsystem in der Praxis eigentlich auf sich hat. Mehr dazu morgen.

       

      MORGEN: DIE CHRONIK DES CAMPS UND DIE KOLIK DER MEDIEN

      Markus Lust auf Twitter: @wurstzombie

       

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      Themen: refugees, Flüchtlinge, asyl, votivkirche, fpö, im zentrum, ORF, ute bock

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