Auch auf der Pariser Fashion Week haben wir Modeopfer gesichtet

von Anissa Radina

Im Januar präsentierten die Haute-Couture-Häuser ihre Frühjahr/Sommer-Kollektionen 2013 in Paris. Blogger aus der ganzen Welt, neue Designer und Neugierige strömten in die eleganten Viertel der Stadt, um sich die Modenschauen anzusehen. Die Haute-Couture-Shows sind immer lustig: Das ist so, als ob jemand eine private Party in seiner Wohnung schmeißt, auf der viele Leute einfach auftauchen, die nicht eingeladen wurden und brav draußen anstehen, ohne sich zu beschweren.

Auf dieser Art von Veranstaltungen ist derjenige der Gewinner, der am meisten fotografiert wird; im Gegensatz zu so mancher Demo, bei der wir schon waren, hatte ich diesmal überhaupt keine Probleme damit, mich mit Leuten zu unterhalten, da ich ja selber mit einem Fotoapparat ausgestattet war. Da ich außerdem davon überzeugt war, dass bei Twitter und Facebook die Fakten und Gesten jeder noch so kleinen Persönlichkeit oder jedes noch so unbedeutenden Gasts, der sich auf der kurzlebigen Hochburg der Pariser Fashion Week blicken ließ, zu sehen sein werden, zog ich vor, gerade die Leute anzusprechen, über die keiner redet: die Ruhigen und Resignierten, die prädestiniert dafür sind, an den Türen der Shows abgewiesen zu werden.

Im Grand Palais auf der Rue Saint-Martin habe ich Leute getroffen, die vor der Chanel-, Elie-Saab- und Jean-Paul-Gautier-Show gewartet haben. Ich habe ihre besten Tipps, wie man reinkommt, sammelte und sie nebenbei gefragt, warum sie sich für eine Party so aufbrezeln, zu der sie nicht eingeladen wurden.


Antoine, freier Journalist, 23

Antoine ist klar, dass er auf indirekte Weise schuld an der Tierquälerei ist. Vor allem aber weiß er, dass echter Pelz warm hält und demnach unentbehrlich ist, wenn man bedenkt, dass der pünktliche Beginn einer Modenschau so unwahrscheinlich ist, wie ein kostenloses Frühstück zu ergattern. Bevor ich euch nerve und vorschlage, dass ihr euch auch in Tierfell hüllen sollt, solltet ihr wissen, dass Antoine es nicht geschafft hat, in die Show rein zu kommen. Das sollte Strafe genug sein. 


Julien, 27, Journalist

Ich treffe diesen Typen auf jeder Modenschau. Seine Vorliebe, im Hintergrund all meiner Fotos zu erscheinen, nervt mich—und dabei vermittelt er auch noch den Eindruck, als interessiere ihn das alles überhaupt nicht. Dann kam mir eine Idee: Ich habe ihm ein paar Modefragen gestellt, um sein Interesse zu wecken. Er versuchte, mich zu verarschen, und sagte, er würde für ein italienisches Modemagazin schreiben. Er meinte auch—man kann es kaum glauben—, dass er Schwarz liebt.


Vika, Unternehmerin

Bevor ich Vika Gazynskaya ansprach, wusste ich nicht, wer Vika Gazynskaya ist. Als ich sie nach ihrem Vornamen und noch schlimmer, nach ihrem Job fragte, las ich in den Augen dieser Frau, die Rosa auf Rosa mit Blau auf Rosa trägt, eine gewisse Verachtung für mich. Sie war nämlich eine russische Modedesignerin, die aber nur bedingt en vogue war. 


Göttlicher Penner, arbeitslos

Der Typ mit dem Chanel-Zeichen auf der Mütze war gerade dabei, sich davon zu machen. Gleichzeitig wies er darauf hin, woher er diese schlecht gefälschte Mütze hatte—nämlich aus einem Laden bei der Metrostation Château Rouge. Die Gegend ist berühmt für ihre schlechten Fakes. Das ist pure Ironie. Die Chancen, dass er nicht auf die Fashion Week kommt, sind gerade um ein Zehnfaches gestiegen und es ist noch sicherer, dass er sich bei den restlichen Fashion-Leuten unbeliebt macht.

P.S.: Seht her, auf diesem Bild hat sich schon wieder Julien eingeschlichen. Obwohl er diesmal versucht hat, sich mit einem Hut zu tarnen, erkenne ich ihn trotzdem im Hintergrund. 


Louis, Blogger

Wenn du eher der Typ mit stattlicher Statur bist, der Tüllrock, hohe Sneaker, einen Mantel aus weißem Pelz und eine Handtasche aus Krokodilleder trägst, dir aber nicht ganz sicher bist, ob du so genug auffällst, setz dir einfach eine leuchtend grüne Baumwollmütze auf. So kommst du zwar nicht in die Elie-Saab-Show rein, aber die Chancen, dass Unbekannte ein Foto von dir machen und es auf ihrer Speicherkarte verschimmeln lassen, bevor sie es irgendwann gleichgültig löschen, steigert sich enorm.


Peter, Blogger

Für die Chanel-Modenschau hat sich Peter für den 50 Shades of Blue-Look entschieden. Aber er will unterstreichen, dass er nicht einfach irgendjemand ist; für ihn ist es wichtig, sich aufgrund seiner Klamotten klar von den anderen abzugrenzen. Seine Schuhe sind aus einer Kollaboration zwischen Jeremy Scott und einem chinesischen Sänger entstanden. Der Rest muss das Ergebnis eines LSD-Trips und Farbenblindheit gewesen sein.


Elena, It-Girl, Bloggerin, Model

Elena Perminova erklärt sich selbst zur sogenannten „gemeinen kleinen Stoffente“. Ganz einfach, weil sie aus dem Ghetto kommt, sich in einen russischen Multimillionär verliebt hat und seit ihr Name in einem Modeblog, einer Internetzeitschrift für Frauen und einem Modeforum erwähnt wurde, den Neid aller Internetuser auf sich gezogen hat. Warum sollte sie also nicht so weit gehen, gekonnt einen taillierten, elektrisch-metallisierten, blauen Trenchcoat zu tragen?


Mary, Bloggerin, 20

Mary hat den weiten Weg aus Dänemark gemacht, um sich die Modenschauen anzusehen. Leider haben das Pelzoutfit und der futuristische blaue Lippenstift nicht ausgereicht, um das Personal des Sicherheitsdienstes vom Hause Chanel zu bezaubern. Wegen ihrer unschuldigen Miene und ihres gebrochenen Französisch hatten wir dennoch das Bedürfnis, zu allem, was sie erzählte, „Ja“ zu sagen. Sie versuchte, sich zu trösten, indem sie erklärte, dass der Streetstyle in irgendeiner Weise eine Modenschau ansich sei. Da kann ich ihr nur recht geben: Der Streetstyle ist die Modenschau der Internet-Modedesigner geworden.

 


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