Die Untiefen des Darknet

Drogen im Darknet: Was ist das Darknet? (Teil 1)

von Dominik Schönleben

Tief in den unendlichen Weiten des Informationssuperhighways versteckt sich eine kleine, dunkle Gasse, in der es nach Urin stinkt, Hundekadaver in einer Ecke verrotten und zwielichtige Gestalten im Schatten Dinge feil bieten, von denen du nicht einmal geahnt hast, dass es sie überhaupt gibt, geschweige denn, dass man sie kaufen kann.

Wenn ich von illegalen Seiten im Netz spreche, dann denkst du wahrscheinlich an kinox.to oder thepiratebay.se. Doch solche Seiten als illegal zu bezeichnen, wäre ungefähr so, wie dich als kriminell zu bezeichnen, weil du mal ein Handtuch im Hotel hast mitgehen lassen. Auf den Seiten des Darknets kriegst du Drogen, Waffen oder einen Auftragskiller, falls du das nötige Kleingeld hast. Man tauscht sich dort über Kannibalismus aus, diskutiert Nekrophilie und alles andere, was dein krankes Hirn sonst noch in Rage versetzt.

Dieser dunkle Auswuchs des Internets wird in den Medien gerne als „Silk Road“ bezeichnet, doch das ist ähnlich uninformiertes Gebrabbel, wie Google mit dem Internet gleichzusetzen. Die Silk Road ist nur eine Adresse unter vielen, die du im Deep beziehungsweise Darknet findest. Die Portale und Marktplätze sind zahllos. Einige Adressen sind öffentlich bekannt und können ganz einfach ergoogelt werden—wie etwa die „Silk Road “—, die richtig harten Sachen sind geheim und werden dir nur im Vertrauen weitergegeben. „Das Deep Web ist ziemlich tief, und nicht alles ist so, wie es scheint“, erzählte mir einer der Drogendealer, mit denen ich dort Kontakt hatte. Er machte mir eindrücklich klar, dass du auch abseits des Gesetzes ziemliche Probleme kriegen kannst, wenn du die falschen Seiten anklickst. Sein Rat war: „Haltet euch von Kinderpornografie fern. Ich kenn Leute, die haben Fake-Seiten, um Pädophile zu jagen.“ Es gäbe genug Dienstleistungen im Deep Web, mit denen man Leute, die Kindern oder Tieren etwas antun, verschwinden lassen könne, sagt er. 

Auch im Darknet scheint es einen Moralkodex zu geben. Natürlich erreichst du diese Welt nicht einfach, indem du silkroad.com in dein Browserfenster tippst. Wie du dorthin kommst, was dort so abgeht und was mir die Dealer sonst noch erzählt haben, will ich dir im Folgenden erzählen.

TOR – The Onion Browser

 

Damit du auf Adressen im Deep Web zugreifen kannst, brauchst du einen speziellen Browser: TOR (The Onion Browser). Den bekommst du auf torproject.org und er ist vollkommen legal. Er ermöglicht es dir, anonym im Internet zu surfen. Zusätzlich ermöglicht das TOR-Netzwerk, anonym Internetseiten ins Netz zu stellen. Das ist vor allem praktisch für Journalisten, die nicht ins Gefängnis wollen oder es ablehnen, gefoltert zu werden, weil sie unglücklicherweise in einem Verbrecherstaat leben. TOR ermöglicht es dir zum Beispiel, Dokumente zu leaken, ohne dass man das zurückverfolgen kann. Der Nebeneffekt von den meisten, guten Erfindungen ist, dass sie auch für illegale Zwecke genutzt werden. „Das wäre, wie wenn man Vint Cerf (der „Vater des Internets“) fragt, was er davon hält, dass das Internet für Schlechtes genutzt wird. Wir forschen und schreiben Software. Wie Menschen sie verwenden, müssen sie selbst wissen“, kommentierte Andrew Lewman, Executive Director von Tor Project, den Missnutzen von TOR.

Das TOR-Netzwerk ist ein autonomes Netzwerk, das von Freiwilligen zur Verfügung gestellt wird. Es ist quasi ein alternatives Internet, das von ein paar verrückten Spinnern am Laufen gehalten wird. Da alle Daten, die über den Tor Browser geschickt werden, verschlüsselt sind, bleibst du dabei normalerweise anonym. Nach Aussage von Lewman ist es „praktisch unmöglich“, dich zu identifizieren. Normalerweise, wenn du etwas im Internet verschickst, beziehungsweise Daten anforderst, kann der Inhalt entschlüsselt werden. Das Großartige an moderner Verschlüsselungstechnik ist, dass sie zwar nicht unknackbar ist, aber auch ein Hochleistungscomputer zwischen fünf und zehn Jahren braucht, um auch nur den Inhalt einer E-Mail zu entschlüsseln. Wenn du genau wissen willst, warum das so ist, dann empfehle ich dir dieses Buch: Geheime Botschaften. Die Kunst der Verschlüsselung von der Antike bis in die Zeiten des Internet. Diese Methode benutzt man heute für Internetbanking. Trotz Verschlüsselung ist aber durch den Datenkopf bekannt, von wo und wohin die Daten gesendet wurden. Deshalb können Datenströme zurückverfolgt werden. 

Im Tor-Netzwerk werden Daten aber nicht direkt zum Ziel geschickt, sondern zufällig über drei weitere, von anderen Nutzern zur Verfügung gestellte Server geschickt. Irgendein Computer-Hokus-Pokus, den ich selbst nicht verstehe, führt dazu, dass es dadurch nahezu unmöglich wird, den Verkehr zu verfolgen. Als Nebeneffekt wird gleichzeitig deine Internetverbindung unsäglich langsam.

Das Hidden Wiki

Hast du Tor installiert, nützt dir das relativ wenig, außer dass du jetzt anonym das normale Internet aufrufen kannst. Um ins Deep Web zu kommen, brauchst du eine Adresse. Diese besteht aus einer langen Zahlen- und Buchstabenkombination. Eine Adresse, die du ziemlich schnell finden kannst, ist die des Hidden Wiki: kpvz7ki2v5agwt35.onion

Das Hidden Wiki ist dein Eingang in die Welt des Deep Webs. Es ist eine Sammlung von Links, die, ähnlich wie Wikipedia, von jedem bearbeitet werden kann. Dort tragen User Links zu Angeboten ein, von denen sie möchten, dass du sie findest. Das Hidden Wiki ist der Knotenpunkt, der dich immer tiefer ins Deep Web reinführt. Hier gibt es Links zu Marktplätzen, auf denen du illegale Güter fast so einfach wie bei Amazons one-click-buy kaufen kannst. Andere führen dich zu den Homepages mit dubiosen Angeboten oder in Foren und Chatrooms. Die weltberühmte Silk Road ist nur eine Seite unter vielen.

Als erster Eintrag im Hidden Wiki erwartet dich ein philosophischer Artikel über die Matrix, in der ein Autor wild über die Bedeutung der gesellschaftlichen Kontrolle spekuliert: „Die Matrix ist faschistisch, die Matrix ist betrügerisch und die Matrix ist Bürokratie. Die Matrix ist die Ausübung von Kontrolle an Individuen durch Institutionen.“ Es ist also, wie auf einer verrückten Verschwörungstheorien-Website gelandet zu sein. Hier am Zugang zur Unterwelt wirst auch du dich wie Neo fühlen, dem die Wahl zwischen der roten und der blauen Pille geboten wird. Einen Klick weiter und es gibt kein Zurück mehr. Dann führt es dich in die tatsächlichen Abgründe hinein. Du hast die eiternde Wunde der Menschheit gefunden, die nur darauf wartet, dass jemand sie mit einem Messer aufschneidet, um den gelben, infizierten Eiter hervorschießen zu lassen.

Untergrundmarktplätze

Den meisten Dealern war es lieber, dass ich nicht erzähle, auf welchen Seiten ich sie getroffen habe. Deshalb möchte ich hier nur einige zeigen, die du durch das Hidden Wiki finden kannst:

 

 

Einer der Verkäufer, mit dem gesprochen habe, bezeichnete die Auswahl auf diesen Seiten als „Window-Shopping“. Keiner bräuchte sich mehr auf dubiose Leute einzulassen oder ein gefährliches Viertel aufzusuchen, und jeder könne auch mal obskure Drogen ausprobieren, erläuterte er die Vorteile dieser Plattformen. Wenn du so weit gekommen bist, dann kannst du zwar eine Bestellung aufgeben, die dir direkt per Post nach Hause geliefert wird, aber ein Problem bleibt: Wie bezahle ich meinen Dealer anonym?

Bitcoin

Die Antwort heißt Bitcoin. Bitcoin ist eine digitale Währung, die von einem Programmierer mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto entwickelt wurde. Von ihm ist nur bekannt, dass er aus Japan stammt, und auch das ist nur eine Vermutung. Er hat einen Client programmiert, mit dem es, ähnlich wie bei Internettauschbörsen, möglich ist, ein Netzwerk von Computern zu bilden, die Daten austauschen. Im Falle von Bitcoin bilden die Computer ein Netzwerk, in dem eine digitale Währung erschaffen wird. Bitcoins, die du besitzt, werden in einer verschlüsselten Datei auf deinem Computer gespeichert. Es gibt keinen zentralen Server oder eine Firma, die Bitcoins kontrolliert—das ganze ist Open Source. Durch das Netzwerk wird festgestellt, wer gerade wie viele Bitcoins besitzt und wie viele sich derzeit im Umlauf befinden, denn es können niemals mehr als 21 Millionen Bitcoins existieren. Neue Bitcoins entstehen dadurch, dass du Rechenleistungen deines PCs für Transaktionen anderer Nutzer zur Verfügung stellst oder durch Mining: Das heißt, deine Grafikkarte wird dafür benutzt, um extrem aufwendige Rechnungen durchzuführen, um Bitcoins aus dem Nichts zu erschaffen. Desto mehr Bitcoins im Umlauf sind, desto schwieriger und damit langwieriger werden diese Rechnungen. Sollten die 21 Millionen erreicht sein, können keine neuen Bitcoins erschaffen werden (was circa bis 2140 dauern wird). Da aber das Geld auf deinem Computer gespeichert wird, kann es gestohlen werden oder verloren gehen, wenn zum Beispiel dein Computer kaputt geht.

Der einzige Grund, warum Bitcoins funktionieren, ist, wie bei allen anderen Währungen auch, dass Menschen in ihren Wert vertrauen. Bitcoins werden mittlerweile, wie es mit Dollar und Euro geschieht, auf verschiedenen vollkommen legalen Plattformen gehandelt. Dort kannst du dir Bitcoins kaufen oder sie verkaufen, um an Echtgeld zu kommen. Bitcoins sind vollkommen legal und haben mit dem Darknet überhaupt nichts zu tun. Sie werden aber von den Leuten dort für Geldtransaktionen genutzt, da sie anonym übertragen werden. Danach können sie auf legalen Plattformen einfach verkauft werden und werden so in Echtgeld umgewandelt. Einer der Dealer erzählte mir, dass er glaube, dass Bitcoins in Zukunft immer mehr an Wert gewinnen würden: „Die Bitcoins, die wir verdienen, tauschen wir nicht in echtes Geld. Wir sparen es und in ungefähr drei Jahren, wenn der Bitcoin-Kurs extrem gut ist, dann werden wir sie abstoßen.“ Eine richtige Bitcoin-Börse hat sich im Netz gebildet, an der die Leute anfangen zu spekulieren. Es ist ein Finanzmarkt, in den keine Regierung der Welt eingreifen kann.

Die meisten Dealer, die ich im Darknet traf, waren erfreut, mir bei meinem Artikel behilflich zu sein. Einige waren sogar Fans von VICE. Was genau sie mir alles im Interview erzählt haben, erfahrt ihr morgen in Teil 2.

 


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