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      Das Steak der Zukunft hat Fühler Das Steak der Zukunft hat Fühler Das Steak der Zukunft hat Fühler

      Das Steak der Zukunft hat Fühler

      November 7, 2013

      Von Hanna Herbst

      Editor

      Foto von Ana C. Day

      Dass Kebap, Käsekrainer und Chicken McNuggets nicht nur ungesund sind, sondern eigentlich auch noch unter extrem widerlichen Umständen produziert werden, weiß zwar jeder, aber wenn man (noch) betrunken oder (schon) verkatert durch die frühen Morgenstunden stapft, ist die artgerechte Haltung der Tiere, die da zwischen Zwiebeln und viel Scharf schwimmen, das Letzte, an das man denkt. Weil es einfach saugut schmeckt. Aber wir werden weltweit immer mehr, essen auch immer mehr Fleisch und dass es so auf Dauer nicht funktionieren kann, ignoriert der Westen gekonnt und ganz nach österreichischem Motto: „Schauma mal“.

      Dieses moralische Dilemma, in dem man sich also befindet—wenn man es kurz zulässt—, ließe sich zu einem Teil dadurch lösen, dass anstatt Kuh, Huhn und Pferd doch besser Ameise oder Larve aus dem Kebap winken. Dass es uns aber im Allgemeinen mehr davor ekelt, Insekten zu essen, als Schweine, die ein elendiges Leben hatten, liegt daran, dass wir es einfach nur so kennen. Weil mir das zwar bewusst ist, ich aber lieber meinen Hund als eine Made essen würde, habe ich mit Christopher Münke von der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) über das Essen von Insekten gesprochen.


      Foto von Afton Holloran

      VICE: Was würde der Konsum von Insekten in westlichen Ländern weltweit verändern?
      Christopher Münke: Als erstes wäre es ein kultureller Wandel, indem Länder, in denen Insekten noch nicht im größeren Ausmaß gegegessen werden, eine traditionelle Nahrung aus anderen Ländern übernehmen. Es wäre nicht das erste Mal: die Kartoffel—ursprünglich aus Südamerika—ist ein gutes Beispiel, oder vor ein paar Jahren der Sushi Trend aus Japan. Die Akzeptanz von Insekten in der Nahrungskette könnte den Konsum in Schwellen- und Entwicklungsländern erhalten und ausbauen, da auch hier viele Traditionen und das Wissen über Lebensmittel verloren gehen. Immerhin essen circa 2 Milliarden Menschen weltweit Insekten.

      Welche Insekten werden gewöhnlich gegessen? Welche schmecken am besten?
      Die am häufigsten verzehrten Insektenarten sind mit 31 % diverse Käferarten, 18 % Raupen, 14 % Bienen und Ameisen, 13 % Grashüpfer, Heuschrecken und Grillen. Der Verzehr richtet sich stark nach persönlichen und kulturellen Präferenzen und saisonellem Angebot und ist daher auf den Kontinenten und in verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich.


      Foto von Annie Monard

      Welche Insekten sollte man nicht unbedingt essen?
      Bekannt sind zurzeit circa 1900-2000 Insektenarten, die weltweit verzehrt werden. Die Anzahl kann aber weitaus höher liegen, da viele Insektenarten noch gar nicht identifiziert wurden. Beim Verzehr von Insekten sollte, wie bei jedem andern Lebensmittel, beachtet werden, dass Lebensmittelstandards in der Aufzucht und Verarbeitung eingehalten werden. Außerdem können auch Insekten Allergene enthalten, auf die manche Menschen reagieren. Daher ist es wichtig über Ursprung und Art des Insektes Bescheid zu wissen.

      Hast du jemals Insekten gegessen?
      Ja, in Laos, Kambodscha, Thailand, Malaysia auf Straßenmärkten und aus niederländischer Aufzucht stammende Insekten, zuberereitet zu Hause.

      Welche hast du gegessen und wie haben sie geschmeckt?
      Bisher Grashüpfer, Grillen, Weberameisen, Wasserkäfer, Seidenraupen, Wasserwanzen, Bambuswürmer, Larven vom Rüsselkäfer, Larven vom Mehlkäfer und Taranteln. Es kommt wie bei allen Lebensmitteln vor allem auf drei wesentliche Dinge an: Frische, Gebrauch von Gewürzen und Zubereitungsmethode. Da unterscheiden sich Insekten nicht von anderen Lebensmitteln.


      Foto von Arnold van Huis

      Jetzt esse ich zwar kein Fleisch mehr, aber ich liebe es immer noch und war nie heikel, also ich hab auch Innereien gegessen. Aber wenn ich daran denke Insekten zu essen, ekelt es mich extrem. Und ich meine sagen zu können, dass das für die meisten Menschen in Europa und den USA so ist. Warum?
      Der Ekelfaktor beim Verzehr von Insekten ist besonders in „westlichen“ Ländern sehr ausgeprägt. Er ist nicht rational begründet und zum einen tief in der Kultur verankert—viele Insekten sind hier vollkommen unbekannt, da sie nicht in unserem Klima vorkommen und das Wissen über Insekten als ein Nahrungsmittel sich daher nicht entwickeln konnte.

      In den letzten Jahren wurde der Ekel vor dem Verzehr außerdem in den Medien durch diverse TV Formate gefördert, bei denen Insekten häufig in sogenannten Prüfungen als etwas Negatives und Ekeleregendes dargestellt wurden. Dabei muss man bedenken, dass hierbei immer Insekten als Ganzes präsentiert werden und nicht in einer verarbeiteten Form oder als Zutat. Dies geschieht natürlich wegen des Sensationseffektes. Man muss aber dran denken, dass zum Beispiel Kaninchen auch nicht als Ganzes gegessen werden, sondern nur bestimmte Teile. Allgemein werden Insekten häufig als negativ wahrgenommen, auch wenn sie für die Umwelt viele wertvolle Aufgaben übernehmen.


      Foto von Chris Tonnesen

      Sagen wir mal, eines Tages wird jeder gerne Insekten essen. Wie wird diese Welt aussehen? Weniger Kühe, Schweine, Hühner in Massentierhaltung? Dafür aber Bauernhöfe mit Maden, Ameisen und Grashüpfern? Ist das ethisch weniger fragwürdig oder mehr akzeptiert bei Menschen?
      Die Frage geht viel weiter und man muss sich anschauen wie unser jetziges Lebensmittelsystem funktioniert. Insekten können eine Rolle spielen, das derzeitige lineare Produktionssystem zu verändern und es ein Stück weiter zur Kreislaufwirtschaft zu entwickeln, das heißt Produkte wiederzuverwerten anstatt wegzuwerfen. Besonders die Verwertung von biologischen Abfällen— zum Beispiel verschwendete Lebensmittel—durch Insekten und die Verarbeitung von Insekten in der Futtermittelproduktion —als Ergänzung zu Fischmehl, Soja, Mais—ist ein Anfang.

      Studien haben herausgefunden, dass Insekten viel effizienter in der Umwandlung von Futter zu Fleisch sind—also wie viel Futter benötigt wird, um 1 Kilo Gewichtszunahme zu erlangen—das bedeutet, sie brauchen weniger Ressourcen um zu wachsen. Weniger Wasser, Futter und Land, drei Ressourcen, die in der Zukunft immer wichtiger werden. Wir sagen nicht, dass es die Lösung ist, aber wir sollten darüber nachdenken, wie wir Insekten am besten integrieren.

      In Thailand gibt es schon ungefähr 20.000 Insektenfarmen, allerdings bedeutet es nicht, dass keine anderen Tiere mehr gehalten werden. Es ist ein weiterer Lebensmittelsektor, der zur Ernährungssicherung und Vielfalt beiträgt und darum geht es uns. Ethische Grundsätze in der Aufzucht und Verarbeitung von Insekten ist ein interessantes Thema und ein Bereich, in dem es noch viele offene Fragen gibt. Die Diskussion beginnt gerade erst und wird sicher von Region zu Region anders beurteilt werden.

      Denkst du, dass Vegetarier Insekten essen würden, weil sie anders als Rind- oder Schweinefleisch sind?
      Ob Vegetarier Insekten als Teil ihres Ernährungsplans aufnehmen ist eine individuelle Entscheidung, die jedem selbst überlassen ist. Ich habe Freunde, die Vegetarier sind und Insekten probiert haben, meist aus Neugier, da Insekten noch nicht wie andere Tiere eingeordnet werden.

      Im Endeffekt könnte sich auch eine neue Gruppe in der Ernährungslandschaft bilden neben Veganern, Lacto-, Ovo- und Ovo-Lacto-Vegetariern gibt es ja nun auch Gruppen, die aus bestimmten Gründen vermindert Fleisch konsumieren, so genannte Demitarier und Flexitarier. Die Praxis des Menschen, Insekten zu essen, wird als Entomophagie bezeichnet es wird sicher auch hier eine Weiterentwicklung des Konzeptes geben. Die Hauptsache ist, dass Leute eine ausgewogene und nahrhafte Ernährung haben.
       

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      Themen: FAO, Christopher Muenke, Insekten, Massentierhaltung, Nahrungsmittel

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