The Bored And The Beautiful – Erinnerungen eines Skinny-Male-Models

von Sepp Schenkenberger

Illustration: Amata Wagner

Hey, mein Name ist Sepp und es gab eine Zeit, da jettete ich durch die Welt und verdiente meine Brötchen als Model. Das waren nicht übermäßig viele Brötchen, denn um ehrlich zu sein, habe ich es nie in die Riege der Branchen-Cash-Cows geschafft. Ich war schlicht einer unter unzähligen, austauschbaren Post-Hedi-Slimane-Jungs, die Mitte der Nullerjahre aus dem Boden schossen wie Pilze an einem regnerischen Septembertag und mit Skinny-Jeans und der Maske der Gleichgültigkeit bewaffnet die Modemetropolen dieser Welt auf der Suche nach Jobs stürmten. Ich lief bei ein paar Shows mit, mein Gesicht und Körper erschienen in ein paar Magazinen, und ich ergatterte ein paar Showroom-Jobs.
Alles in allem habe ich nicht schlecht verdient, reich bin ich aber nicht geworden.
Mittlerweile bin ich 23, habe damit sozusagen das Palliativstadium meiner Schiene erreicht und deshalb auch bereits vor über einem Jahr die Röhre an den Nagel gehängt. Trotzdem begegne ich fast täglich Menschen, deren falsche Vorstellung vom „Traumjob Model“ mich dazu bewegt haben, meine Erinnerungen an die Zeit als menschliche Anziehpuppe niederzuschreiben. Ach ja, Sepp Schenkenberger ist natürlich nicht mein richtiger Name und ich werde euch auch kein Foto von mir zeigen—die Modeindustrie ist nämlich mindestens so nachtragend wie seinerzeit O.J. Simpson. Kann also durchaus sein, dass es sich bei mir um einen hässlichen Fettsack handelt, der Zeit seines Lebens bei Burger King arbeitet und sich das alles nur ausdenkt. Wer weiß?


Wenn Leute erfahren, dass ich früher als Model gearbeitet habe, sagen sie meistens Sachen wie „Oh mein Gott, das muss so aufregend gewesen sein!“ oder sie beneiden mich lautstark um „all die beeindruckenden Menschen“, die ich traf oder die „tollen Modestädte“, in die ich reisen durfte oder—am allerbesten—um „das viele Geld!“ Schuld daran sind, denke ich, diverse TV-Formate wie GNTM oder Das Perfekte Model, die der breiten Masse eine aus schillernden Partys, Schöner-Wohnen-Modellofts und roten Teppichen zusammengeschusterte Illusion als DIE Welt der professionellen Models verkaufen. Dieser omnipräsente, von ProSieben und Konsorten generierte Irrglaube (Vielen Dank, Heidi!) beginnt mit der Tatsache, dass das Gros der Mädchen in diesen Fernsehshows überhaupt nicht aussieht wie richtige Models (zu normal und zu kurvig für Highfashion, nicht granatenmäßig genug für die Engelsflügel) und hört beim anschließenden Betätigungsfeld der Mädchen auf. Die traurige Wahrheit sieht nämlich folgendermaßen aus: Es ist langweilig, ein Großteil der Leute, die du kennenlernst sind genauso dumpf, wie sie dünn sind (sehr dünn), Paris ist noch schmutziger als Berlin und um auf „das viele Geld“ sprechen zu kommen: Vermutlich hätte ich als Vollzeitkellner, inklusive Trinkgeld, mehr verdient.

Klar ist es toll, in fremde Städte zu reisen, und Geld dafür zu bekommen, 30 Sekunden lang über einen Laufsteg zu marschieren. Die Arbeit als Model hat mir aber auch Folgendes eingebracht: Tiefe Einblicke in die Abgründe des menschlichen Naturells, Frostbeulen, haufenweise Sexangebote von alten Männern und ein manisch depressives Selbstbewusstsein. Das Gesicht und den Körper eines jungen Gottes zu haben, mag sich für viele von euch großartig anhören, und um ehrlich zu sein, das ist es manchmal auch. Oft ist es aber auch einfach nur scheiße.

Aber lasst uns am besten vorne anfangen:

Ich war ein 17-jähriger blauäugiger Junge vom Land, als ich in der großen Stadt, auf der Straße von einem Scout angesprochen wurde, der mir BEFAHL, mit meinem „Million-Dollar-Face“ sofort bei einer Agentur vorstellig zu werden. Nur um das gleich vorwegzunehmen: Ich war damals und bin auch heute keine klassische Schönheit, kein Barbie-Ken oder Sixpack mit irgend einem Gesicht drauf, wie du sie von Hollister- und Abercrombie-Anzeigen her kennst. Ich ähnle eher den Jungs, denen man nachts beim Bahnhof Zoo übern Weg läuft: Groß, schlaksig, mit hohen Wangenknochen, scheinbar an der Grenze zur Anorexie schwebend—Ernst Röhms fleischgewordener feuchter Traum.
Wie gesagt, ich war 17 und ja, damals erlag auch ich dem Irrglauben von der großen, glitzernden, aufregenden Welt des Modelbusiness. Ich folgte der Aussicht darauf, die sich ständig wiederholenden Belanglosigkeiten, die sich gemeinhin „Alltag“ schimpfen, hinter mir lassen zu können, und ließ mich von einer Agentur unter Vertrag nehmen.

Der Fotograf, der die ersten Testfotos von mir schoss (Testshoots sind dazu da, deine Modelmappe mit vorzeigbarem Material zu füllen und dementsprechend, wie so vieles in dieser Branche, unbezahlt), war ein aus dem ehemaligen Jugoslawien stammender Mittvierziger, der mir knapp bis zur Brust ging.
Das Ganze fand in seinem „Studio“ statt und dauerte geschmeidige 10 Stunden. Da es meine ersten Fotos waren, stand eine ganze Wagenladung von verschiedenen Outfits inklusive Unterwäsche auf dem Plan. Während der Fotograf damit beschäftigt war, das Licht einzustellen, sah ich mich mit der Tatsache konfrontiert, dass es in dieser minimalistisch angehauchten, parterre gelegenen Mischung aus Fotostudio und Doppelgarage keinerlei vom Rest des Raums abgetrennte Umziehmöglichkeit gab.
Little-Big-Jugo, der mein Zögern bemerkte, meinte nur: „Wenn willst Model sein, darfst nicht schüchtern.“  

Ich komme vom Land. Ich habe meine Jugend damit verbracht, mit Freunden nachts ins Freibad einzusteigen, und ich war eine Zeit lang im Fußballverein—ich war alles andere als schamhaft. Als ich mich dann aber umzog und der feuchte Blick des Fotografen konstant auf meinen Schwanz gerichtet blieb, wurde mir schon ein bisschen mulmig und ich fühlte mich wie Natalie aus Natalie - Endstation Babystrich. Oder wie in Natalie 2 - Die Hölle nach dem Babystrich. Oder war es Natalie 3 - Babystrich online?

Gleichzeitig dachte ich: Wie witzig. Die negativen Klischees treffen schon mal zu.
Die Session begann und was soll ich sagen, das ganze entsprach so ziemlich haargenau den Fotoshootings, die ich aus zweitklassigen Fernsehproduktionen kannte. Sexy. Freeze. Sei Tiger. Das waren noch die humansten Anweisungen des Fotografen.

Nach knapp zehn Minuten meinte er, die Klamotten würden mir nicht stehen und der weiße Rand meiner Unterhose würde stören—vermutlich hatte er nur vergessen, wie mein Schwanz aussieht.

Während ich das Outfit wechselte, sagte er: „Man sieht kein Muskeln. Du darfst nicht so viele Carbs essen.“ Wollte der mich verarschen? Knapp eine Woche war es her, dass ich  wegen vermeintlicher Magersucht erfolgreich vom Dienst bei der Bundeswehr ausgemustert worden war, was ich zum einen eiserner Disziplin (eineinhalb Wochen knallharte Kiwi-Reiswaffel-Diät hatten mich in eine Gewichtsklasse verfrachtet, die die deutsche Bundeswehr nicht verantworten wollte), zum anderen meinem Gespräch mit dem Mitarbeiter des Kreiswehrersatzamtes zu verdanken hatte, das in etwa so abgelaufen war:

„Zivildienst oder Dienst an der Waffe?“

„Waffe!“

„Irgendeine Präferenz?“

„Fliegerstaffel!“

„Sind Sie handwerklich begabt?“

„Nein.“

„Kennen Sie sich mit Autos aus?“

„Nein.“

„Können Sie kochen?“

„Nein.“

„Wie sieht’s mit Schwimmen aus?“

„Schlecht.“

„Spielen Sie ein Musikinstrument?“

„Nein.“

„Erfahrungen in Erster Hilfe?“

„Nein.“

„Gibt es irgendwas, in dem Sie gut sind?“

„Kann ganz passabel häkeln.“

Weitere zehn Minuten beherrscht von lächerlichen Posen und noch lächerlichen Anweisungen von Seiten des Fotografen gingen ins Land, bevor er plötzlich Folgendes zu mir sagte: „Beiß!“
Meine Wangen- und Kieferknochen waren ihm nicht markant genug, weshalb ich mit aller Kraft zusammenbeißen sollte. Er war der Boss.

So verging der Tag. Ich posierte mir einen Wolf und biss wie ein Bekloppter die Zähne zusammen, während der Fotograf weiter einen auf Austin Powers machte. Am Ende hatte er über 1300 Bilder von mir geschossen. Er schien zufrieden, mir tat die Fresse weh, und ich hatte unglaublichen Hunger. Sein Angebot, meinen „erfolgreichen Karrierestart“ doch noch ein wenig bei ihm zu Hause zu feiern, schlug ich dankend aber bestimmt aus. (Alter, ernsthaft?) Ich wollte nur noch nach Hause und, in welcher Form auch immer, Nahrung zu mir nehmen.
Als ich schließlich wieder in meinen vier Wänden war, kam ich allerdings ins Grübeln. Zwar hatte ich bis auf die paar Froot Loops zum Frühstück den ganzen Tag über nichts gegessen und mein Bauch fühlte sich mittlerweile an, als hätte er vor lauter Verzweiflung damit angefangen, sich selbst zu verspeisen, aber mir gingen die Worte meines neuen Kumpels nicht aus dem Kopf. Hatte er recht? War ich zu dick? Sollte ich aufhören, Kohlenhydrate zu essen? Ich meine, ich wuchs in einer Familie auf, in der das Jahr üblicherweise in saisonale Süßspeisen aufgeteilt wird. (Krapfen-, Eis-, Pflaumenkuchen- und Plätzchenzeit.) Süßes, Kuchen, Nudeln hatten in meiner Ernährungspyramide den gleichen Stellenwert wie Reis in asiatischen Ländern.
Im Kühlschrank wartete die restliche Lasagne vom Vortag auf mich, aber ein kurzer Spiegelcheck meiner nicht vorhandenen Bauchmuskeln machte mich eisern. „Scheiß drauf!“, dachte ich. „Ein Apfel tut‘s auch.“ Ich schnappte mir einen Granny Smith aus der Obstschale, biss hinein, und was dann geschah, kann man wohl als Rache der Modegötter bezeichnen. (Wusste ich damals noch nicht: Früchte sind auch nichts anderes als Carbs)
Mein zuvor stundenlang malträtierter Kiefer warf das Handtuch: Begleitet von einem ohrenbetäubenden Knacken, klinkte er sich aus den Gelenken aus und meine Kinnlade begann unkontrolliert und mit rasender Geschwindigkeit auf- und zuzuklappen. Und das tat sie dann die ganze Nacht und den nächsten Morgen über und hörte erst auf, als ein Osteopath (Google sei dank!) eine halbe Stunde lang mit den Fingern in meiner Mundhöhle rummetzgerte und meinen Kiefer wieder an seinen rechten Platz rückte.  

Zusammenfassend nahm ich von meinem ersten Ausflug in die glamouröse Welt der professionellen Models Folgendes mit: Die Handynummer eines Fotografen mit einer Vorliebe für minderjährige Jungs, eine durchsichtige Plastikbeißschiene, die ich seitdem jede Nacht tragen muss, und die rosige Aussicht auf eine in naher/ferner Zukunft notwendig werdende operative Kieferkorrektur, bei der man mir mit Hilfe von Säge, Hammer und Meißel den Unterkiefer brechen wird.
Krieg ich jetzt mein Foto, Heidi?


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