Vorrevolutionäre iranische Discoklamotten

von Monika Mogi

Ich habe keine richtige Vorstellung davon, wie es in Iran vor der Revolution aussah, aber wenn ich den Geschichten des Vaters eines iranischen Freundes Glauben schenke, dann war es in jeder Hinsicht genau wie im liberalen San Francisco (außer der unwichtigen Tatsache natürlich, dass es im Nahen Osten liegt). Du wurdest nicht dafür verhaftet, Musik zu machen, Frauen war es gestattet, alleine zu singen, und nicht nur im Chor, wie es heute vorgeschrieben ist, und die Leute trugen lustige, verrückte Kleidung zu kitschigen und durch-choreographierten Disconächten.

Die iranisch-kanadische Modedesignerin Daphne Mohajer-Va-Pesaran hatte offenbar exakt diese Vorstellung von Iran, weil ihre zuletzt für ihr Label De Face gestaltete Kollektion von den Geschichten inspiriert war, die sie über das vorrevolutionäre Iran gehört hatte, was sie, weil sie nach 1979 geboren wurde, eigentlich nicht selbst erlebt haben konnte.
Daphne ist vor Kurzem von Kanada nach Japan umgezogen, und weil auch ich dort lebe, schaute ich bei ihr vorbei und hing ein bisschen bei ihr herum, schoss ein paar Fotos und unterhielt mich mit ihr über Fantasieländer und Einsiedlerhütten in den japanischen Wäldern.

VICE: Hey Daphne. Warum hast du Kanada für Tokio verlassen?
Daphne Mohajer-Va-Pesaran: Ich bin nach Tokio gegangen, um einen Kulturschock zu erleben. Ich wollte an einem Ort sein, wo ich niemanden kenne und kein Wort verstehe, denn so konnte ich mich selbst auseinandernehmen, die Stücke wieder zusammenfügen und sehen, was dabei herauskommt. Anfangs war es verwirrend und ich fühlte mich einsam, ich habe aber Japanisch gelernt, meinen Master gemacht und jetzt schreibe ich in meinem Studio in Koenji [ein Viertel im Bezirk Shinjuku in Tokio]—der Ort, an dem ich mich am liebsten aufhalte—und arbeite an einigen Projekten, die für mich sehr wichtig sind.

Was sind das für Projekte?
Also, ich bin von Beruf Designerin. Ich fertige Muster an, stelle Stoffe und Kleidung her. Ich sitze bei der Anfertigung immer an verschiedenen Plänen und Mustern gleichzeitig. Ich will darüber nicht so viel erzählen, weil ich das Resultat der Arbeit lieber für sich selbst sprechen lasse.

Verstehe. Du erwähntest, dass du auch schreibst? Worüber?
Ich arbeite für das FruiTS-Magazin—ich mache Fotos für sie—und ich recherchiere auch für ein Buch, das ich gerade über Shoichi Aoki schreibe, den Herausgeber und Gründer des Magazins. Kann ich kurz etwas über ihn erzählen? Er ist viel interessanter als ich. Er ist in den 1980er-Jahren nach London gereist und hat die Leute auf der Straße fotografiert. Im Grunde genommen hat er das erste Street-Fashion-Magazin Japans gemacht und auch selbst den Vertrieb organisiert. Er ist cool.

Ja, er ist toll. Sonst noch etwas? Du wirkst immer so, als hättest du 100 Dinge gleichzeitig am Start.
Oh ja, ich arbeite gerade eng mit meiner Freundin Liza zusammen. Sie macht ein Textilstudium und hat diesen Mann getroffen, der durch eine Reihe komischer Ereignisse in den Besitz eines 100 Jahre alten japanischen Hauses kam, zusammen mit einigen 70 Jahre alten gusseisernen Nähmaschinen—diese Sorte, die größer als ein Mensch ist und Millionen Kilogramm wiegt. Dieser Mann ist zudem Handwerksmeister. Er ist mein Held. Jedenfalls, wir werden ein kleines Studio eröffnen, ein Atelier und eine Werkstatt in einem, und Socken und Stricksachen herstellen und Workshops veranstalten. Es wird eine Art offen nutzbarer Gemeinschaftsraum für alle sein. Das nennt sich Aikoan und das bedeutet „alte, indigoblaue Einsiedlerhütte in den Wäldern“. Ernsthaft.

Schön. Als ich dich das letzte Mal als DJane sah, spieltest du irgendwelchen vorrevolutionären iranischen Discopop. Worum ging's da?
Also, ich hatte das Gefühl, Iran hätte in den Medien und hier in Japan einen zunehmend schlechten Ruf, deshalb wollte ich—neben der Tatsache, dass es sich cool anhört und ich es liebe—zeigen, dass es in der vorrevolutionären Zeit Bemerkenswertes gab, Lustiges und Lächerliches. Sie hatten ihre Popmusik—alberne, dämliche Popmusik.

Und eine Menge deiner Entwürfe sind von derselben Ära inspiriert, richtig?
Ja, neben seinem arschgeilem funky Discopop ist Iran auch ein Land, das einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik und eine wundervolle Handwerkstradition hat. Ich mag es, Kleidung zu machen, die aussieht, als stamme sie aus einer anderen Zeit und einem Ort, den es so gar nicht wirklich gibt. Ich versuche, nicht alles allzu wörtlich umzusetzen, aber dein Verstand stellt oft automatisch einen Bezug her und kreiert eine Geschichte und einen Kontext, auch wenn es nur eine Fantasie ist.

Hast du für deine Kollektion in Iran recherchiert?
Nein, meine Eltern sind vor der Revolution ausgereist und erzählten mir, seit ich ein Kind war, dass wir nicht zurück könnten, weil unser Nachname wiedererkannt werden würde—ich glaube, wir sind die einzige Familie mit diesem Namen, oder sowas. Und er bedeutet übrigens „Immigranten und Söhne“. Alles, was ich über den Iran weiß, stammt aus Familiengeschichten, Filmen, Musik und Postern—alles Informationen aus zweiter Hand—, deshalb habe ich diesen Plan, einmal selbst dorthin zu gehen, Kebab zu essen und zu allen Flüssen und Bergen zu reisen, aber da Iran, wie es mir meine Eltern geschildert haben, so nicht mehr wirklich existiert, habe ich es in meiner Vorstellung fast ganz zu einen Fantasieort umgewandelt und ausgedehnt.

Und das ist der Fantasieort, für den du deine Entwürfe gestaltest?
Ja. Ich bin kulturell wirklich durcheinander geraten—ein in Kanada geborenes iranisches Mädchen, das in Tokio lebt. Ich meine, ich weiß, wer ich bin, aber ich kann nicht sagen, dass ich eine bestimmte, genau definierte Kultur habe, deshalb erschaffe ich meine eigenen Fantasien, und die Kollektion wurde durch meine Fantasievorstellung vom vorrevolutionären Iran gestaltet.

Fotos: Monika Mogi

Alle Klamotten und Accessoires: De Face

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