Fotos
Ich verstehe Instagram einfach nicht

Hey, was ist längst nichts Neues mehr und könnte mal aufhören, so gehypt zu werden? Eine Kamera im Telefon. Ich meine, mein Handy hat gerade mal 15 Euro gekostet und es hat eine verdammte eingebaute Kamera. Sich dafür zu begeistern, eine Handykamera zu besitzen, ist ein bisschen so, wie sich über einen Kaffee zum Mitnehmen zu freuen, oder darüber, dass man Musik vom Laptop hören kann. Es ist keine große Sache.
Und doch handelt die Hälfte aller Fernsehwerbungen, die ich sehe, von Kameras und von Handys mit Kameras. Normalerweise zeigen die Spots, wie eine lächelnde Mutter ihr Snowboard fahrendes Kind im Ultrazoom fotografiert, seine Seele für immer in einem Twitter-Foto einfängt, und uns allen wird gesagt, dass wir das gleiche tun sollen. Uns allen wird gesagt, dass das Leben an uns vorbeizieht und dass diese Momente für immer verloren sind, wenn wir nicht jeden noch so banalen Moment unseres Lebens—wie Guy Pearce in Memento—mit der Kamera festhalten. Es ist fast so, als würden sie uns davon abraten, auf unsere eigenen Erinnerungen zu vertrauen.
Wir werden nicht nur dazu ermutigt, der offizielle Club-Fotograf unserer eigenen Existenz zu sein, nein, wir sollen sogar jede Mahlzeit dokumentieren, als ob wir an einer Retrospektive für die Pinakothek arbeiten würden. Das Inbild und die innige Verewigung dieser Idee ist etwas, das sich Instagram nennt. Du hast vielleicht schon davon gehört.

Ich weiß nicht, was damals bei der Jahrtausendwende passiert ist—vielleicht haben wir uns alle verrannt und dachten, wir wären die „Auserwählten“, weil wir während zwei unterschiedlichen Millennien leben?—, aber irgendetwas scheint damals in der Luft gelegen zu haben, das uns alle dazu gebracht hat, uns in uns selbst zu verlieben. Diesem inflationären Selbstwertgefühl haben wir es wohl zu verdanken, dass wir selbstgefällig genug waren, Travis und Jeans, die wie Zelte aussahen, als Jugendkultur abzutun und dem Mythos Glauben zu schenken, dass in jedem von uns insgeheim ein Künstler steckt. Die Zeit, in der wir konstruktive Mitglieder der Gesellschaft sein mussten, um in ihrer Wildnis zu überleben, war vorbei: Wir alle konnten plötzlich unser Leben bestreiten, indem wir Logos für Saftbars entwarfen und unsere eigenen Cafés und Galerien führten. Dir fehlt das nötige Geld, das Talent, die Intelligenz oder die Motivation dazu? Scheißegal, schnapp dir einfach ein Darlehen oder gewinne ein Preisausschreiben oder so was in der Art. Es ging uns nicht schlecht.
Du denkst, ich würde das Ganze verallgemeinern? Nun, es war im Jahr 2001, als ich eines Tages mit meinem Roller in die Schule fuhr, und mir mein Kunstlehrer mitteilte, ich sei von der Stadtverwaltung dazu auserwählt worden, die Mauern einer lokalen Unterführung zu gestalten. Das verwirrte mich damals aus zweierlei Gründen: Erstens war ich 12 und zweitens alt genug, um zu wissen, dass ich ein beschissener Künstler war. Ich lehnte ab, kümmerte mich weiter darum, meinen Abschluss nicht zu schaffen, tötete die Hoffnung meines Lehrers, in mir würde meine eine vorstädtische Guernica schlummern und verbrachte den Rest meiner Jugend damit, feinen Mädchen zu erzählen, dass diese Heiden vom Prüfungskomitee mich nicht verstanden hätten und dass Van Gogh auch nie ein Bild verkauft hat.
Heute, im kalten Licht der Gänge des Arbeitsamts, merken die meisten von uns, dass das alles ein riesiger Krug voll Scheiße war, und dass das vermutlich der Grund dafür ist, warum so ziemlich jeder unter 30 (auch ich) ein unausstehlicher Bastard ist. Die Schröder-Ära gebar eine Kultur der zügellosen Ich-Besessenheit und schwachsinnigen Erwartungen, die uns anstatt eines nächsten Isaac Newton Gestalten wie Benjamin von Stuckrad-Barre und Charlotte Roche gebracht hat.
Dann trat Banksy auf den Plan. Er ist der Beweis dafür, dass alles, was du brauchst, um als Künstler Karriere zu machen und von Typen wie Alan Yentob und Alain De Botton als „Goya von Shoreditch“ bezeichnet zu werden, eine Reihe uninformierter, linker, politischer Metaphern, gepaart mit ein paar rudimentären Grafikdesignkenntnissen, ist.
Natürlich geht das jetzt schon eine Weile so, und es reicht ein Blick auf die Absolventenliste irgendeiner Kunsthochschule, um zu erkennen, dass die überwiegende Mehrheit der modernen Kreativen wohl doch besser den Job bei einer Versicherung, hätten annehmen sollen. Erst vor Kurzem aber fand diese lächerliche Idee, jeder Einzelne sei ein Altmeister der Selbstexpression, ihren bescheuerten Höhepunkt in Form einer Gratis-App für Smartphones.

Für die, die nicht wissen, wovon ich spreche—ich gehe davon aus, ihr seid damit beschäftigt, tolle Großmütter zu sein—, Instagram liefert all jenen Menschen, die nicht den geringsten Hauch von Geschmack besitzen, einen Vorwand, ehemalige Schulkameraden mit ihren künstlerischen Wahnvorstellungen vollzukotzen. Es ist das kreative Gegenstück der guten, alten, Mit-Namen-berühmter-Bekannter-Angeberei: ein flüchtiger Blick auf ein besseres Leben Leuten aufs Auge gedrückt, die es größtenteils nicht interessiert, aufs Sorgfältigste zeitlich abgestimmt und gerechtfertigt durch schwachsinnige Sätze wie „Ist der Himmel heute nicht einfach wunderschön?“, wobei jeder weiß, dass das Foto eigentlich nur bezeugen soll, dass man sich auf dem Dach des Soho House befindet.
Klar, es gibt auch viele anständige Leuten, die interessante, geschmackvolle Fotos posten. Aber das wahre Problem besteht in der dazugehörigen Kultur, Teil derer so viele Menschen sein wollen. Die Ästhetik, die Themen, der Ausdruck. Instagram mag bloß eine Foto-App sein, aber es ist auch das Lieblingstool all jener Menschen, die Prominente, die sie noch nie getroffen haben, beim Vornamen nennen.
Es gibt viele Aspekte an Instagram, an denen man Anstoß nehmen könnte, aber lasst uns die schlechten Assoziationen und Motive für einen Augenblick vergessen und nur die Ästhetik betrachten.

Zunächst ist da dieser furchtbare, vorsintflutliche Moviemaker-Filter-Effekt, den du über jedes gemachte Foto schmieren musst. Dadurch sieht alles, was du fotografierst, nicht etwa zeitlos oder klassisch aus, sondern mehr wie die verrottete Polaroidaufnahme eines lange vergessenen, vermissten Mädchens, wie sie von Balko in einer staubigen Beweismappe gefunden werden könnte. Ich bin kein Experte, aber für mich sieht Instagram einfach nur billig und grottig aus. Mir wird ein bisschen schlecht, wenn ich mir die Bilder ansehe—sie erinnern mich an die Sozialwohnung meiner Oma, die seit ewigen Zeiten nicht renoviert worden ist. Es erinnert mich an Polyesteranzüge tragende, rassistische Komiker und leerstehende Möbelhäuser. Es erinnert mich an den Tod und an Fürze. Vielleicht bedeutet das, dass ich an einer Art Insta-Phobie leide, aber ich ertrage den Look dieser Bilder einfach nicht.
Dann ist da die Tatsache, dass die meisten Bilder Essen zeigen, das vermutlich in Wahrheit total lecker ist, aber dadurch, dass es von Instragram vergewaltigt wurde, aussieht, als stamme es aus einem ramponierten 50er-Jahre-Kochbuch.

Was sollen uns diese Fotos eigentlich sagen? Sicher, die Vorstellung, einen wichtigen, romantischen oder lustigen Moment für die Nachwelt und aus Gründen der Nostalgie festzuhalten, aber mal ganz ehrlich, wie viele dieser Bilder werden die Zeit überdauern? Wir sind zu Touristen unseres eigenen Lebens geworden, die ziellos alles und jeden fotografieren. Viele Fotos werden noch nicht mal die Speicherkarte, auf der sie liegen, verlassen: Sie sind die digitale Versionen der Einwegkameras, die wir früher in Centerparkhütten vergessen haben.
Selbst wenn du es nur dazu benutzt, lustige Momente zu teilen, ist Instagram nicht zu benutzen. Die mürrische Natur saugt jegliches Vergnügen aus dem Bild eines ohnmächtigen Freund oder eines witzigen Tippfehlers.

Vielleicht ist es nur ein Versuch, die Welt, die an uns vorbeizieht, in den Griff zu bekommen, indem wir all diese scheinbar banalen Momente festhalten, die, wenn man sie zusammensetzt, unserer Existenz eine Art Sinn geben, wie ein Teppich von Bayeux mit weniger Tod und mehr lackierten Fingernägeln. Vielleicht bin ich auch nur ein zynischer Drecksack. Vielleicht hat Instagram sogar irgendeinen Wert.
Ich denke, das Problem liegt bereits im unehrlichen Kern des Ganzen. Wertvolle Fotografie beinhaltet eine Art Wahrheit, etwas, das du mit bloßem Auge nicht erkannt hättest. Allermindestens steht sie für eine auf interessante Weise deformierte Sicht der Realität. Instagram hingegen bietet dir eine ästhetische und thematische Lüge. Es zeigt ein gefiltertes und zurecht gelegtes Bild der Realität, was OK ist, wenn du Tim Burton bist, aber Instagram denkt, es ist Straßenjournalismus.
Jeder, der Zeuge eines Aufruhrs, eines Terroranschlags oder einer Selbstverbrennung wird, wird einen Teufel tun und Zeit damit verschwenden, darüber nachzudenken, ob „Valencia“ oder „Nashville“ die brennenden amerikanischen Flaggen besser zur Geltung bringt. Niemand, der etwas annähernd Interessantes sieht, wird sich die Frage stellen, welchen Filter er benutzen soll, bevor er das Bild an Picture Alliance schickt. Die Welt von Instagram wird von Menschen mit zu viel Zeit und zu wenig Originalität bevölkert.
Vielleicht ist Instagram nichts, über das man sich aufregen sollte, vielleicht ist es nur ein leicht geschmackloser Weg, seine Fotos mit einer Gruppe von anderen zu teilen, die auf solche Sache stehen. Aber Instagram ist kein Exklusivclub. Es wird hauptsächlich von eingebildeten Menschen benutzt, die dem Rest von uns ihre eingebildete Existenz und ihren Boheme-Schwachsinn aufs Auge drücken, wodurch sich ein ganz anderes Gesamtbild ergibt.
Es ist genau wie mit den Statussymbolen. Der gebrauchte Mercedes wurde nur von „zur richtigen Zeit im richtigen Restaurant sein“ abgelöst.

Sorry, Instagram, aber ich verstehe dich einfach nicht. (Außer wenn Rapper es benutzen, denn die posten Bilder von sich, wie in ihrem Whirlpool angeln, und das ist großartig.)

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