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      Für meine toten Homies

      December 26, 2012

      Von Ryan Duffy

      Drei der Statuen von Ismael Sanchez in seinem Schrein auf dem Cementerio General del Sur in Caracas. Die Kerbe im Mund ist für Zigaretten und Joints.

         

      Wir sitzen auf dem Rücksitz eines Taxis mit dunkel getönten Scheiben und sind auf dem Weg zum Cementerio General del Sur in Caracas. 2010 wurden in Venezuela 14.000 Menschen er­mordet, und Caracas ist als eine der gewalttätigsten Städte der Welt bekannt. Der Friedhof, wurden wir gewarnt, liegt in einer besonders harten Gegend—schwer zu glauben, wenn man den Rest der Stadt gesehen hat.

      Wir gehen durch das schwer bewachte Tor und passieren langsam ein paar Beerdigungen. Es ist Montag; das heißt, dass die am Wochenende Verstorbenen beigesetzt werden. Sie sind mit überwältigender Mehrheit jung und männlich, und ihre verzweifelten Verwandten verteilen sich über den ganzen Friedhof.

      Auf den ersten Blick sieht der Cementerio General del Sur wie jeder andere katholische Friedhof aus: alte Gräber, zwischen denen Grünzeug wuchert, mit ein paar Farbtupfern von frischen Blumen. Aber wenn man die Menschenansammlungen näher betrachtet, wird der Einfluss der Santería deutlich. Viele Besucher sind komplett in Weiß gekleidet. Auf den Gräbern stehen kleine Heiligenstatuetten und die Leute kommen mit Opfergaben.

      Venezuela ist, vereinfacht ausgedrückt, eine tief gespaltene Gesellschaft. Chavez’ Regierung ist eine direkte Antwort auf das Misstrauen gegenüber den Behörden, das sich in Jahrhunderten gewalttätiger Diktaturen herausgebildet hat. Dieses Misstrauen beschränkt sich nicht auf die Politik: Venezolaner, die ohne fließendes Wasser leben müssen, haben Schwierigkeiten, einen Bezug zu den traditionellen Heiligen der katholischen Kirche aufzubauen und ziehen vertrautere, weniger unfehlbare Figuren vor.

      Der Friedhof ist ringsum von Slums umgeben, die wie die oberen Ränge des übelsten Fußballstadions der Welt stufenförmig die Hügel emporsteigen. Wenn man hier einen Nachmittag verbringt, ist die Schwere des Ortes immer präsent.

      Bis man Ismael Sanchez sieht.

      Er ist knapp einen Meter groß, trägt ein seitwärts aufgesetztes Basecap, die unvermeidliche Zigarette im Mundwinkel und ist der Anführer der Santos Malandros (zu Deutsch Heilige Verbrecher)—eine Ansammlung toter Heiliger, denen allen eine kriminelle Vergangenheit gemeinsam ist. Ismael ist ein schmucker, kleiner Bursche mit Panorama-Sonnenbrille und leuchtenden, neuen Nike-Turnschuhen, passend zu seinem Nike-Cap.

      Die Vorstellung, dass erwachsene Männer diese einen Meter großen Homie-Puppen verehren, ist ein bisschen merkwürdig, aber die Realität ist noch seltsamer.

      Gleich vor Ismaels Schrein steht auf einer kleinen Grabstelle eine große Statue von Miguelito, bekannt als El Pelón (Glatzkopf). Einer von Ismaels Betreuern erzählt uns, dass er nicht viel über ihn weiß, außer dass auch er Leute überfallen hat. Nach einer Pause ergänzt er: „Ich glaube nicht, dass er besonders wohltätig war.“   Ein paar Meter von Ismael entfernt steht noch ein beliebter Schrein, der die Statuen weiterer Gefolgsmänner der Heiligen Verbrecher enthält, darunter Freddy und Ratón (Die Maus).

      Wir entdecken sieben verschiedene Ismaelstatuen, denen zahlreiche Gedenktafeln, handgeschriebene Grüße und andere Gaben zu Füßen gelegt wurden. Jede der Statuen hat eine kleine Einbuchtung zwischen den Lippen, in die Anhänger Zigaretten und Gras als Opfergaben stecken können.

      Jeden Tag strömen Hunderte Venezolaner durch die Friedhofstore, um Ismael und seine esses (zu Deutsch Kumpel) um eine Vielzahl scheinbar einfacher Gefallen zu bitten: Schutz vor Diebstahl, die Gesundheit eines nahe stehenden Menschen—oder einfach nur nicht auf dem abendlichen Rückweg vom Markt erschossen zu werden.

      Das Ironische an der Sache ist, dass Ismael Sanchez allem Anschein nach ein unverbesserlicher Krimineller war. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, Leute zu überfallen, aber seine Verehrer beeilen sich, darauf hinzuweisen, dass er wie Robin Hood vorging.

      „Wenn er klaute, dann, damit die Menschen in seiner Nachbarschaft etwas zu essen bekamen“, erklärt Ramon, der quasi Ismaels Grabstelle verwaltet. Mit einem tief in die Augen gezogenen Tampa-Bay-Rays-Cap passt er auf, dass wir Ismaels Tugenden richtig protokollieren. „Jetzt bringen ihm die Leute Alkohol, Zigaretten, Obst und Kuchen.“

      Ismael ist der Chef der Bande, aber auch die anderen Verbrecherheiligen werden verehrt: Isabelita sorgt für Gerechtigkeit, Tomasito ist für Loyalitätsfragen zuständig und so gehts weiter: Johnny, Elizabeth, Ratón und Petroleo Crudo (zu Deutsch Rohöl. Ja, der schwarze Typ).

      Während wir uns mit einer Gruppe Jugendlicher unterhielten, knatterten einige Automatikwaffensalven durch die uns umgebenden Slums. Unsere Gesprächspartner verließen sofort den Friedhof, und wir blieben ihnen dicht auf den Fersen.

      Nicht weit vom Friedhof kamen wir an einer Ladenfront vorbei, wo die Heiligen Verbrecher in allen Formen und Größen verkauft wurden. Drinnen trafen wir eine Spiritistin namens Clara, die uns anbot, Kontakt zum Geist Ismaels herzustellen. Wir fragten sie, ob es nicht etwas bedenklich sei, dass die Einwohner eines so gewalttätigen Landes eine Bande bewaffneter Krimineller anbeteten. Sie erwiderte, nein, die Verbrecher wären nur Sinnbilder für edlere Motive. Dann sagten sie und Ismael mir, dass ich eine schöne Aura hätte und die Cheops-Pyramide besuchen solle.

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      Themen: venezuela, Friedhof, Gangster, Tod, Kirche

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