Geballte Fliehkraft

von Philipp Zürcher

Spätestens seit einem die Smartphone Priester rund um den Erdball von interaktiven Reklametafeln aus ins Gesicht spritzen, ist klar: Ein globaler Wille zur Mobilität transportiert Menschen, Kapital  und Material gleichermassen dorthin wo Gewinn, Fortschritt, Friede oder schlichtweg akzeptable Lebensbedingungen locken.

Obwohl es sensationsgeile Boulevardblätter oder selbsternannte Patriotenvereine wie die SVP mit ihrer populistischen Rabulistik  herauf beschwören, ist das Bild des überquellenden Flüchtlingsboots keineswegs repräsentativ. Ein beträchtlicher Teil der Einwanderer gelangt auf genau denselben Kanälen in die selbst ernannte Festung des Reichtums Europa, wie alle gefälschten Sonnenbrillen oder Mangolassis die sich die westliche Konsumwelt in ihren sozialen Kreislauf pumpt.

Mit der Verbarrikadierung des Schengenraums nach Aussen und der Privilegierung von EU Bürgern durch das Freizügigkeitsabkommen artikulierte sich in den Neunzigern ein politischer Zynismus, der ausschlaggebend für die gegenwärtige Migrationslogistik werden sollte: Das Konzept des »sicheren Drittstaates«. Abgewiesene Asylbewerber dürfen nur in Länder ausgeschafft werden, in denen für die Betroffenen keine Gefahr auf Leib und Leben besteht bzw. die Europäische Menschenrechtskonvention als gewährleistet eingeschätzt wird.

Damit werden Asylsuchende sozial quasikastriert. Wer sich in einem Schengenland niederlassen möchte, ohne derartige Bedingungen zu »erfüllen«, rechnet mit einem höheren Risiko ausgeschafft zu werden. Das Resultat: Viele vernichten jegliche Spuren ihrer Herkunft. Und protofaschistische Schlagwörter wie »Scheinasylanten« regnen wie Konfetti von den Decken des öffentlich rechtlichen Migrationsdiskurses.

Die Autonome Schule Zürich ASZ ist eine Organisation, welche sich dafür einsetzt, dass den stummen Betroffenen solcher Debatten ihre Stimme zurück gegeben wird. Bis es aber soweit kommt, dass 150 Menschen sich für eine Stunde dem Zürcher Stadthaus bemächtigen um dort ihrer Bitte nach Räumen Ausdruck zu verleihen, sollte bereits einiges geschehen sein.

Als ab dem 19. Dezember 2008 das Kollektiv »Bleiberecht« für drei Wochen die Zürcher Predigerkirche besetzte, um für bessere Lebens- und Integrationsbedingungen für Papierlose zu kämpfen, ahnte noch niemand, dass aus dieser Aktion die Autonome Schule Zürich hervorgehen sollte. Inzwischen engagieren sich insgesamt etwa 50 Freiwillige, um den rund 200 Schülern ihr Wissen adäquat zu vermitteln. Einige davon haben in der ASZ selbst Deutsch gelernt. Die Schule besticht mit einem breiten Angebot, nicht nur für Sans Papiers, sondern für alle, die sich keine Abendkurse leisten können oder wollen. So beinhaltet das Programm neben 10 Deutschkursen auf vier Stufen noch einen Computerkurs, Türkisch, Englisch, Französisch, Mathematik und Geschichte. Mitmachen können alle, die die nötige Motivation mitbringen. Der Beitritt ist kostenlos. Keine Stimme zählt mehr als eine andere. Die Schule, die zwar keine politische Richtung fixiert, sich aber durchaus politisch aktiv versteht, setzt sich ein für »Emanzipation statt Integration«, für »Leben statt reden« und für »Bildung zur Selbstbestimmung«.

Die ASZ agiert aber auch weit über die eigenen Türen hinaus. So gibt es unterdessen die Papierlose Zeitung, die neben lokalen sozialen Problemen auch politische Fragen oder kulturelle Themen reflektiert. Die Schule organisiert regelmässig Vorträge, Ausflüge, Kinoabende, Konzerte oder Parties. Für die Menschen, denen hier Platz geschaffen wird, ist sie weit mehr als eine Bildungsstätte. Für viele ist die ASZ einer der wenigen Orte, wo man sich kostenlos, und ohne Angst vor der Polizei, die Zeit vertreiben und ein Zusammensein geniessen kann.

Da der Vertrag aber Ende März ausläuft und wegen dem angekündigten 570 Millionen Justizpalast PJZ, den das Gelände zukünftig beherbergen soll, hat es die SBB abgelehnt, den Vertrag mit der ASZ zu verlängern. Da der Kanton offenbar ein Budget zur Verfügung hat, welches die bereits 60 Millionen an Planung verschlungenen Projektkosten locker wegsteckt, und die Schule bis heute noch keine Alternative gefunden hat, wendete sie sich am Mittwoch mit einer originellen Aktion an die Stadtverwaltung um öffentlich auf ihr Problem aufmerksam zu machen.

Um 14 Uhr versammelten sich rund 100 Menschen vor dem Schulgebäude, um von dort aus in mehreren Gruppen zum Stadthaus aufzubrechen. Eine halbe Stunde später begann mit etwa 150 Beteiligten eine demonstrative Unterrichtsstunde in der Haupthalle des Stadthauses. Das Gebäude war im Handumdrehen unter der Kontrolle der Aktivisten. Banner wurden ausgerollt, Tische aufgestellt und überall am Boden Platz genommen. Die Kurze Unterrichtsstunde endete damit, dass der Stadtverwaltung eine Petition für ein neues Schulhaus überreicht wurde. Der Anlass verlief positiv und durchgehend friedlich. Er hat die Botschaft des Projekts ASZ pointiert kommuniziert: Diskussion ist Emanzipation.

Kommentieren