Honeymoon Town

von Helen Rimell

Jedes Jahr nehmen Zehntausende frisch verheiratete indische Paare die mühsame Reise nach Manali auf sich, einem kleinen, auf 2050 Höhenmeter gelegenen Bergdorf in der Himalaya-Region Himachal Pradesh, wo sie gleichzeitig mit Tausenden anderer junger Paare ihre Flitterwochen verbringen.

Bis in die 1960er gab es in dieser Gegend, die „Tal der Götter“ genannt wird, nicht viel mehr als ein paar gemauerte Häuser und ein paar Tempel. Nach Beginn der Krise in Kaschmir in den 1980ern boomte dann plötzlich der Tourismus und Manali wurde zu einem indischen Mini-Las-Vegas, voller Hotelburgen, Frischvermählter, Läden und Restaurants—alles, was das Touristenherz höher schlagen lässt, mit Ausnahme von der Ruhe und dem Frieden, für die die Gegend ursprünglich mal bekannt war. Während der Flitterwochensaison, die von Oktober bis Januar dauert, sind die 610 Hotels in Manali mit ihren 20.000 Zimmern komplett ausgebucht. An jedem Tag reisen bis zu 300 neue Paare an. Die meisten kommen in einem Nachtbus aus Neu-Delhi, sind Tage unterwegs und bleiben nur drei oder vier Nächte, bevor sie wieder die anstrengende Heimreise antreten.

Die Flitterwöchler haben in Manali ein festes Programm zu absolvieren. Zunächst gilt es anzustehen, um kitschige Souvenirfotos im Hadimba Tempel zu machen, wobei man die traditionelle Manali-Tracht trägt und idealerweise einen Angorahasen hält oder auf einem Yak sitzt. Dann leihen sie sich Schneeanzüge für eine Tour über den Rohtang Pass—eine der höchsten Straßen der Welt—um sich dabei fotografieren zu lassen, wie sie im Schnee herumtollen und um vor den halbgefrorenen Rahala-Wasserfällen zu posieren. Der einzige Ort, der dem entspricht, was wir im Westen unter Flitterwochen-Romantik verstehen, ist das eigene Hotelzimmer. Die meisten der Ehen hier wurden arrangiert, manche Gäste kommen in Vierergruppen, wenn Geschwisterpaare andere Geschwister geheiratet haben. Auf die Frage, warum sie ihre Flitterwochen in Manali verbringen, antworten die meisten Paare: „Jeder weiß, dass es der beste Ort für Flitterwochen ist“ und „um den Schnee zu sehen“. Obwohl der Andrang in diesem Jahr etwas nachgelassen hat, weil Kaschmir wieder an Popularität gewonnen hat, sind die Hoteliers überzeugt, dass der kommende Januar einer der vollsten Monate überhaupt werden wird. Die Buchungen trudeln ohne Pause ein. Wie es aussieht, wird der kleine Bergort weiterhin Indiens wichtigster Hotspot für Flitterwochen bleiben.

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