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      In den 90ern war ich David Petraeus‘ Hure und ich hasste es

      November 15, 2012

      Von Duncan Larkin

      Der Autor, wie er unter der Herrschaft von David, dem Schrecklichen, eine Operationsanordnung niederschreibt.

      Im Moment stürzen sich die Medien wie Aasgeier auf die große, fette Neuigkeit, dass David Petraeus, der frühere Chef der CIA und ehemals vergötterte Viersternegeneral, es seiner Biografin Paula Broadwell besorgt hat.
      Wenn du diese Tragödie von beinahe Shakespeare‘schem Ausmaß verfolgt hast, weißt du ja bereits, dass es unter seinem Schreibtisch—diesem riesigen Klotz aus Eichenholz, auf dem garantiert eine Miniaturausgabe der amerikanischen Flagge sowie gerahmte Fotos seiner Familie standen—zur Sache ging. Als ich davon las, stellte ich mir vor, wie die Bilder auf der Schreibtischplatte umherhüpften, während darunter der große Eroberer des Iraks in die unterwürfige Schriftstellerin eindrang.

      Petraeus ist der General von West Point, aus dessen Feder DER Leitfaden zur militärischen Niederschlagung von Aufständen stammt.
      Jahrelang, als es im Irak alles andere als rosig aussah, war er Amerikas Vorzeigesoldat—ein fahnenschwingendes, scharf schießendes, strategisches Genie, das immer Zeit für die Medien aufbringen konnte. Jeder liebte diesen Kerl—vor allem die mit Leberflecken übersäten alten Säcke, die im Kongress saßen. Wann immer Petraeus in den Hallen der Macht eine Rede hielt, kamen sie alle, um ihre Fäuste in die Luft zu strecken und mit Superlativen um sich zu schmeißen. Eines Tages, sagten sie, würde er einen Platz in der Ruhmeshalle von West Point einnehmen, nebst Militärgöttern wie Grant, MacArthur, Patton und Eisenhower.

      Aber das sieht inzwischen alles ganz anders aus. Jetzt ist er nur ein weiteres hohes Tier, das beim Rumhuren erwischt wurde. Er fällt in Ungnade. Seine Freunde wenden sich von ihm ab. Sogar der Journalist Spencer Ackerman, ein früherer Anhänger des Kults um „König David“, hat ihn öffentlich verleugnet. Die schlüpfrigen Details seiner Unter-dem-Schreibtisch-Spielchen werden vermutlich noch die nächsten Monate über die Seiten der Boulevardzeitungen gespritzt werden.

      Die Karriere des Mannes fällt von Minute zu Minute mehr in sich zusammen, und ich genieße jede Sekunde davon.

      Ich verabscheue Petraeus schon seit langer, langer Zeit. Über ein Jahrzehnt lang habe ich versucht, über ihn zu schreiben, aber niemand schien mir Glauben zu schenken. Damals war er unverwundbar. Das ist er jetzt nicht mehr. Nun ist es an der Zeit, euch alles über dieses selbstsüchtige Arschloch zu erzählen und davon, wie es war, jahrelang seine Hure zu sein.

      Damals im Jahr 1996 war ich ein blauäugiger West-Point-Leutnant der sagenumwobenen 82. Luftlandedivision. Ich hatte gerade die Rangerschule absolviert und das zweite Bataillon des 504. Fallschirminfanterieregiments war mein neues Zuhause. Es war mein erster Einsatz. Damals liebte ich die Armee.

      Als ich mich zum Dienst meldete, war unser Brigadenkommandant ein vernünftiger Kerl namens John Abizaid. Da jedes Bataillon mehr oder weniger auf sich allein gestellt war, herrschte unter seiner Führung eine angenehme Arbeitsmoral. Colonel Abizaid ließ uns unsere Probleme selbst lösen. Wir waren allesamt fähige Erwachsene und sein entspannter Führungsstil führte dazu, dass wir uns wichtig fühlten und das in uns gesteckte Vertrauen schätzten.

      Nach ein paar Monaten allerdings verließ uns Abizaid und an seine Stelle trat „Mr. Burns“.

      Mr. Burns war unser Spitzname für Petraeus, der damals nur Colonel war. Wir nannten ihn so—falls es nicht klar sein sollte—, weil er so aussah und sich benahm wie der dürre, sich die Hände reibende Bösewicht aus Die Simpsons.
      Nachdem Petraeus auftauchte, wurde mein eigenes und auch das Leben eines jeden anderen Soldaten, der unter Mr. Burns Befehl stand, komplett beschissen. 
      Der stets berechnende Petraeus, der nach seinem Abschluss die Tochter des Direktors von West Point geheiratet hatte, war damals gerade dabei, die Karriereleiter zu erklimmen. Der Generalstern war in Reichweite—ihn trennte nur noch ein einziger Rang davon—und die sogenannte „Teufelsbrigade“ (meine Brigade) zu befehligen, trug wesentlich dazu bei, ihn zu erlangen. Während seiner Zeit als Chef der 504. musste er in so viele haarige, von Hämorriden geplagte Ärsche kriechen, wie er nur konnte. Er musste laut lachen und auf die richtigen Schultern klopfen. Er musste beeindrucken. Er musste tun, was auch immer nötig war, um die Spitze zu erreichen. Es gab nichts, was er nicht getan hätte. Tun wollte. Ja Sir, was immer sie verlangen, Sir.

      Was das für uns unterwürfige Trottel bedeutete? Nun, zuallererst musste sich jeder Offizier der Brigade einen sogenannten „Teufelshaarschnitt“ verpassen lassen, der „kurz und scharf“ war—im Grunde eine Glatze mit einem Haarbüschel an der Schädelspitze. Wir sahen alle aus wie Beaker von den Muppets. Danach mussten wir alle—jedes einzelne Brigademitglied—marschieren, unsere AR-15-Gewehre dabei fest im Griff. Normalerweise sollten wir, wenn wir unsere Waffen trugen, den Finger immer nah beim Abzug behalten, für den Fall, dass es galt, den Feind schnellstmöglich anzugreifen. Nicht so unter Petraeus. Er führte den „Teufelsgriff“ ein, da anscheinend alles, was ihn betraf, mit dem verdammten Teufel zu tun haben musste. Im Wesentlichen bedeutete es nur, den Finger nicht am Abzug zu haben. Wenn er kam und sah, dass irgendjemand unter deinem Kommando den Teufelsgriff nicht anwendete, warst du am Arsch. Du wurdest zusammengestaucht und bekamst ein schlechtes Zeugnis. Und Mr. Burns’ Spucke ins Gesicht.

      Der Teufelsgriff hat seinen Ursprung in der Zeit, als Dave Feuerübungen in Schützengräben überwachte. (Und das auf penibelste Weise) Er stand hinter einem Soldaten, den er überwachte, und ein anderer Soldat hinter ihm schoss dem alten Vogel aus Versehen mit der M-16 in den Rücken. Er führte den Unfall auf den mangelnden „Teufelsgriff“ des Jungen zurück, aber es gibt Gerüchte darüber, was wirklich geschah. Der Junge hasste Petraeus vermutlich (so wie so ziemlich jeder, der unter ihm diente) und sah seine einmalige Chance auf Rache durch einen gepflegten „Frag“—ein Begriff, geprägt im Vietnamkrieg: Einen Frag beging, wer einen beschissenen Offizier erschoss, von er meinte, dass er nicht anders verdient hätte.

      Petraeus war genau die Sorte inspirierender Führer.

      Aber das Unglück, das mit Petraeus über uns kam, bestand nicht nur aus einem lächerlichen Haarschnitt und einer absurden Art, seine Waffe zu halten. Wir, die wir die Pflastersteine auf seinem Weg zu Ruhm und Ehre waren, mussten auch noch andere dämliche Sachen über uns ergehen lassen. Wir mussten in unserer Freizeit zu seinem Haus gehen und uns bei seiner Frau Holly einschleimen. Wir mussten ihre Cookies essen und mit ihr Tee trinken, während wir ihr in den Arsch krochen, sie „Ma’am“ nannten und auf unsere Wortwahl achten mussten. Wir mussten ihre Kochkünste loben und ihr unser strahlendstes Lächeln schenken. Wir mussten unsere feinen Uniformen tragen und Weihnachtslieder singen. Wir haben immer mitgespielt—und das, obwohl wir eigentlich frei hatten. Wir lernten schnell: Wer es in Onkel Sams Armee zu etwas bringen wollte, musste ein Arschkriecher aller erster Güte sein. 

      Und wenn wir mal nicht mit solchen Dingen beschäftigt waren, „trainierten“ wir. Petraeus konnte nie „Nein“ zu einem Vorgesetzten sagen, weshalb wir vor jedem, der danach fragte, wie dressierte Äffchen eine Show abziehen mussten. Wir demonstrierten unseren grimmigen Kriegsgeist den Botschaftern von Brasilien, Belize und von Bangladesch. Wir sprangen aus Flugzeugen und landeten auf dem harten Asphalt irgendeiner Inzestgegend in Mississippi für Senator Trent Lott. Für Senator Strom Thurmond befreiten wir ein Fake-Dorf von südamerikanischen Fake-Diktatoren.

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      Themen: David Petraeus, CIA, Affäre, Militär, Die Simpsons, Krieg, Afghanistan, Irak

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