In Saudi-Arabien werden Frauen elektronisch überwacht

von Rebecca Fitzsimons

Vergangene Woche ist ein Artikel erschienen, in dem berichtet wurde, dass Behörden in Saudi-Arabien eine Technologie eingeführt haben, die Frauen elektronisch überwacht. Das Ganze funktioniert, indem dem männlichen Vormund der Frau automatisch eine SMS geschickt wird, sobald sie versuchen sollte, das Land zu verlassen. Es wäre komisch, wenn es nicht so tragisch wäre, und tatsächlich ist es gar nicht so schockierend, wie es dargestellt wurde.

In Saudi-Arabien müssen sich alle Frauen vor einem männlichen Vormund verantworten, und es ist ihnen nicht gestattet, das Königreich ohne dessen schriftliche Einwilligung zu verlassen. Deshalb ist dieses aktuelle Beispiel tyrannischen Sexismus im Grunde genommen nur ein Symptom der Umwandlung eines veralteten Systems in ein modernes, total transparentes System einer elektronischen Welt.

Ich sprach mit einer saudi-arabischen Soziologin, Autorin und Dozentin für Geisteswissenschaften, die aus Angst vor Konsequenzen anonym bleiben möchte.


In Saudi-Arabien dürfen Frauen nicht Auto fahren, aber sie dürfen Flugzeuge fliegen. Das macht Sinn, glaub mir.

VICE: Wie ist es, in Saudi-Arabien eine Frau zu sein?
Anon: Das ist schwierig zu beschreiben. Manchmal denke ich, dass Außenstehende es viel schlimmer darstellen, als es tatsächlich ist. Und dann gibt es aber auch Momente, in denen wünsche ich mir, dass die Menschen die spezifischen Probleme und Verstöße viel deutlicher zur Sprache bringen würden. Tatsache ist, dass viele Leute zu Verallgemeinerungen über das Königreich Saudi-Arabien neigen, die so nicht stimmen. Ich finde es in Saudi-Arabien zuweilen besser als irgendwo sonst auf der Welt, aber gelegentlich habe ich auch das Gefühl, bedroht und meiner Rechte beraubt zu werden.

Kannst du zusammenfassend sagen, wie Frauen behandelt werden?
Nun, im saudi-arabischen System gilt die Frau als permanent unmündige Person, die einen Mann an ihrer Seite braucht, um in ihrem Leben alle wichtigen Anforderungen bewältigen zu können. Dazu gehören unter anderem: arbeiten, studieren, vor Gericht aussagen, heiraten, Auto fahren und reisen.

An und für sich wird also auf die Rechte von Frauen ziemlich geschissen?
Ja, so ungefähr, und obwohl in jedem Land der Erde um die Rechte von Frauen gestritten wird, arbeitet Saud-Arabien noch am ABC der Frauenrechte. Wenn wir ehrlich sind, sitzen wir immer noch am Buchstaben A. Es ist frustrierend, einem Mann gegenüberzustehen, der letztendlich mehr Macht hat als du, obwohl du genauso qualifiziert und oftmals tatsächlich sogar noch besser ausgebildet bist als er.

Ist es tatsächlich schon so weit, dass die Regierung Frauen elektronisch überwacht, um eine Landesflucht zu verhindern?
Die Geschichte kam vor Kurzem auf, als ein saudisches Ehepaar ins Ausland reiste und der Ehemann völlig überrascht war, als er von der Immigrationsbehörde eine SMS bekam, die ihm mitteilte, dass seine ihm gehörende Frau das Land verlassen hat. Im Gegensatz zur Berichterstattung in den Medien ist dies aber kein neues System, sondern ein optionaler Service, den es schon eine ganze Weile gibt.
Alle Schutzbefohlenen—weibliche als auch männliche—haben schon immer die Einwilligung eines männlichen Vormunds gebraucht, um zu verreisen. Es ist also nur eine Art elektronisches Update dieses Systems, das dem Vormund ermöglicht, online die nötigen Anträge zu stellen, anstatt erst zur Passbehörde gehen zu müssen, um die Reiseerlaubnis für die Angehörigen einzuholen. Und außerdem überwacht es sie nicht, es schickt nur eine automatische Nachricht an den Vormund, sobald der Schutzbefohlene das Land verlässt und nennt darin Uhrzeit und Abflughafen.

Für mich hört sich das immer noch ziemlich nach Unterdrückung an. Was bedeutet das für die Rechte der Frauen?
Der Vorwurf an die Regierung könnte hier bestenfalls lauten, dass die Benachrichtigung des männlichen Vormunds im Fall der Ausreise seiner erwachsenen, weiblichen Schutzbefohlenen für diese erniedrigend ist. Der Kern des Problems liegt aber woanders, es geht hier nämlich gar nicht um das elektronische System, sondern um die Unterdrückung durch dieses System männlicher Vormundschaft, das Frauen in Saudi-Arabien häufig in ihren Grundrechten einschränkt. Die Medien und die internationale Gemeinschaft sollten ihre Empörung nicht gegen die SMS-Benachrichtigungen richten, sondern gegen das System der Vormundschaft.

Gibt es gegen diese Kultur der Bevormundung in Saudi-Arabien viel Widerstand?
Es gibt aufgrund des Vormundschaftssystems viel Unzufriedenheit. Denn es legt die Kontrolle über alle Wünsche, Bestrebungen und sogar grundlegende Bedürfnisse einer Frau in die Hände ihres männlichen Vormunds, der die Macht hat, ihr all das zu verbieten, und für seine Entscheidungen das Gesetz hinter sich stehen hat.

Gibt es dagegen innerhalb Saudi-Arabiens irgendwelche Protestbewegungen?
Sicher gibt es Aktivisten, die sich damit beschäftigen. Saffaa ist eine saudi-arabische Künstlerin, die Flugblätter und Graffitis macht mit Slogans wie „Ich bin mein eigener Vormund“ und „Ich verhandle nicht mit Patriarchen“ und zu diesem Thema auch schon Artikel veröffentlicht hat. Manal al Sharif spricht sich regelmäßig dagegen aus und auch in der Bewegung women2drive erheben viele Frauen ihre Stimme gegen dieses System der Vormundschaft.
Es gibt auch viele Männer, die dieses System lächerlich finden. Ich denke, die jüngere Generation hat viel mehr erkannt, wie irre diese System tatsächlich ist, eine Organisation dagegen findet trotzdem nur mangelhaft statt. Immer noch sitzen in allen signifikanten Machtpositionen des Landes Männer, es bedarf also eines starken Vorstoßes durch die Frauen, die mit männlicher Unterstützung derer, die mit ihrem Anliegen sympathisieren, hier sehr viel Druck ausüben müssten. Das zu tun, steht nun an, und ich hoffe, es geschieht bald.

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