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      Mein Leben als Mädchen - Wie ich für eine Woche normal wurde

      December 20, 2006

      Von Jamie Warren


      Bereit, um zu einem bisschen Ehre in der normalen Welt zu kommen.

      or Kurzem wurde ich von VICE gebeten, eine Woche lang ein ganz normales Mädchen zu sein und es zu dokumentieren. Wahrscheinlich wurde ich gefragt, weil ich viele Selbstporträts mache und darauf ziemlich daneben aussehe: Ich habe einen furchtbaren Klamottenstil und wirke ziemlich strange.

      Zuallererst musste ich mir überlegen, was ein normales Mädchen überhaupt ist. Ich stellte mir eine Tussi vor, die tagsüber irgendeinen langweiligen Job macht, eher still ist und keine eigene Meinung hat, stundenlang vor dem Spiegel steht, um sich aufzutakeln (obwohl sie, wenn sie fertig ist, eigentlich haargenau so aussieht wie vorher) und pausenlos ins Fitnessstudio rennt. Eine, die sich am Wochenende in ein Partygirl verwandelt und sich mit ihren Freundinnen die Kante gibt.

      Das bin ich. Meine Freunde und ich organisieren—wie wir finden—die besten Partys zu abgefahrenen Themen. Wir verkleiden uns oft und machen jede Menge komisches Zeug zu unserer eigenen Unterhaltung. Zum Beispiel ziehen wir uns manchmal wie Gruftis an und kucken dann bei irgendeiner abartigen Punk/Ska-Nacht in einer Studentenkneipe vorbei. Oder wir beschließen, alle im Zombie-Outfit auf die Straße zu gehen, oder ich lasse beim Kellnern den Punk raushängen. Ein anderes Mal machen wir in dem örtlichen Karaokeschup-pen einen auf Karen O, oder wir laufen durch die Stadt und tun, als wären wir in einer Band und ich bin die ätzende Sängerin im Cowboyanzug und Lycrafummel, manchmal schleichen wir uns auch im durchgeknallten Aufzug bei der Hochzeitsfeier von irgendeiner Tussi ein.

      Das klingt jetzt vielleicht alles ziemlich lustig. Die Kehrseite der Sache ist allerdings, dass man, wenn es einem egal ist, wie man aussieht und ob man cool ist, nie jemand Neues kennen lernt.Vielleicht gefiel mir die Idee, eine Woche so zu tun, als wäre ich ein normales Mädchen, deswegen so gut.

      Immer wenn ich eine Verbündete brauche, rufe ich meine Freundin Chloe an. Sie ließ sich nicht lange bitten und kramte ihre aschgraue, knöchellange selbstgestrickte Jacke und Bräunungscreme hervor und machte ein paar Bilder von meinen ersten Versuchen als normales Mädchen.

      Dann besorgte ich mir alles, was ich brauchte, um meinen Persönlichkeitswandel in Angriff zu nehmen. Ich schluckte zweimal täglich Diätpillen, verbrachte mehrere Stunden damit, mein Haar in Ordnung zu bringen und schminkte mich ausgiebig. Ich machte zu Hause Übungen zu einem Aerobic-Video, bleichte mir mit diesen komischen Streifen die Zähne und feilte, zupfte, begradigte, polierte, glättete, lackierte, schäumte, cremte und entwirrte, wo es nur ging. Obwohl ich es nicht gewohnt bin, dreieinhalb Stunden bevor ich das Haus verlasse aufzustehen, um mich fertig zu machen, muss ich zugeben, dass die Diätpillen mir einen echten Energieschub verpassten und gleichzeitig meinen Hunger auf ein Minimum zurück schraubten. Ich habe in einer Woche vier Kilo abgenommen! Wow!

      Seid ihr bereit für meine Woche als normales Mädchen? Los geht’s!

       
      Das bin ich, im prä-normalen Zustand (ich habe mich wie ein Punk angezogen, um zu kellnern.)  
      So ziehen sich normale Mädchen an.

       
         
      Im Wellness-Center.

      Meine kleine Schwester—100 Prozent normal (und es gefällt ihr).
       

      TAG 1

      Nach dem Aufwachen verbrachte ich zwei Stunden damit, mich fertig zu machen, danach düste ich zum Shoppen los. Ich ging in lauter schicke Läden mit „Verkaufsberaterinnen“, die vor der Umkleidekabine warten und permanent höchst dramatisch versichern, wie toll man aussieht. (Obwohl ich beim Reinkommen merkte, wie sie die Augen verdrehten, nach dem Motto: „Glaubt die wirklich, dass ihr unsere Sachen passen?“)

      Ich kann mit diesem übertriebenen Getue nichts anfangen. Möglich, dass das der nicht-normale Teil von mir ist, aber mir ging es tierisch auf die Nerven, wenn sie mir ständig hinterher gerannt sind. Es hat mich nervös gemacht, und ich fand alles, was ich anprobierte, schrecklich. Macht das normalen Mädchen nichts aus? Ich nahm es an und tat so, als fänd ich es ganz toll, während ich weiter hässliche Kleider anprobierte, die mehr als meine Monatsmiete kosten. Ich musste mir auch ein paar langweilige Klamotten für den Alltagsgebrauch zulegen, um mich meiner Umgebung anzupassen—irgendwas cremé-, beige- oder rehfarbenes. Seht ihr? Ihr erkennt mich nicht wieder, oder?

      Als Nächstes begab ich mich in einen vorstädtischen Schönheitssalon. Ich befürchtete, mich über so bekloppte Sachen wie Spliss unterhalten zu müssen. Aber als ich ankam, beruhigten sich meine Nerven sofort durch die wohligen Gerüche, die schrägen Bilder an den Wänden und die schummrige Beleuchtung. Das gefiel mir. Ich ließ mein Haar „durchstufen“. Sie behaupteten, das würde mein Gesicht schmaler machen und meinen Hals verlängern. Ich ließ mir auch einen Pony schneiden, weil das „in“ ist. Obwohl es nur aus drei erbärmlichen Büscheln bestand, die wie ein Unfall aussahen, sagte ich der Frisöse, dass ich es toll fände, schließlich bekam ich die ganze Zeit kostenlos Wein zu trinken.

      Danach ging ich einen dunklen Flur voller „Psst!“-Schilder entlang, hier wurden Pediküren und Massagen gemacht. Während die Fußpflege-Dame meine Hornhaut bearbeitete, flötete sie in einer zuckersüßen Stimme irgendwelches Zeug daher, trotzdem könnte ich schwören, dass sie mir jedes Mal, wenn ich von meiner In Style aufblickte, fiese Blicke zuwarf.

      Als Nächstes war die Augenbrauenpflege dran. Ich hatte mir vorher nie die Augenbrauen gezupft, aber ich war demgegenüber auch nie abgeneigt gewesen. Prinzipiell sind sich meine Freunde einig, dass ich schöne, volle Augenbrauen habe. Ich war damit auch absolut zufrieden, aber da sich nun mal die Gelegenheit ergab, sagte ich: „Warum nicht.“

      Die Augenbrauenzupfdame fand meine Augenbrauen so toll, dass sie sich beinahe geweigert hätte, sie zu wachsen. Dann tat sie es doch, und es sah tatsächlich besser aus.

      Zu diesem Zeitpunkt wurde mir langsam klar, dass ich mir mein Aussehen für das „Normales-Mädchen-Projekt“ unbewusst bei meiner kleinen Schwester abgeguckt hatte. Sie arbeitet in Büros und jobbt nachts in einer Bar. Jedes mal, wenn ich an Weihnachten nach Hause fahre, denken alle, dass sie älter ist als ich, dabei bin ich in Wirklichkeit vier Jahre älter als sie. Ich verstehe das nicht als Kompliment. Ich weiß, dass ich nur deshalb jünger wirke, weil kleine dicke Mädchen die Leute an Babys erinnern.


      TAG 2

      Heute war ein Feiertag, und ich zog mich am Vormittag an, wie es sich für ein normales Mädchen gehört, um die Familie einer Freundin zu besuchen. Ich probierte verschiedene Outfits an und verbrachte eine ganze Weile damit, mein Haar in Locken zu fönen, damit es „curly“ aussieht. Es passierte überhaupt nichts, aber ich tat so als ob. Dann machte ich mich auf den Weg zum Essen.

      Ich betrat die schlichte, saubere Wohnung und war unglaublich nett, herzlich und höflich. Ich verbrachte die meiste Zeit mit der vierjährigen Tochter der Gastgeber, möglicherweise hat das einen komischen Eindruck hinterlassen. Wir haben über zwei Stunden ihre Polly Pockets-Puppen an- und ausgezogen. Habt ihr das schon mal gemacht? Das bringt richtig Spaß. Wir „kicherten“ und schossen eine Menge Fotos auf denen sie Grimassen zieht.

       
      Richtig gekleidet für ein schickes Abendessen.  
      Ich hatte eine kleine Panikattacke in diesem Zimmer des Bräunungsstudios.

       
         
      Ich habe sogar Plätzchen zum Abendessen mitgebracht.

       

       
       

      TAG 3

      Beim Aufwachen wurde mir plötzlich klar, was mir die ganze Zeit zum wirklichen Normalsein gefehlt hatte: künstliche Nägel und knackige Bräune! Wie konnte ich das vergessen! Also lief ich zum nächstgelegenen Nagelstudio. Dort knöpfte sich eine schweigsame Frau die abgekauten Enden meiner Finger vor und verwandelte sie in wundervolle damenhafte French-manicure Nägel. Sie schliff, polierte und feilte und danach war ich eine neue Frau. Eine neue Frau, die nicht mehr in der Lage war eine Computertastatur zu bedienen, ihren Reißverschluss zuzumachen, sich einen Zopf zu machen, Dinge in die Hand zu nehmen oder sich ohne größere Schwierigkeiten den Arsch abzuwischen. Aber schaut mal wie hübsch sie sind!

      Als Nächstes war das Bräunungsspray dran. Ich dachte, man müsste sich da nackt in ein Zimmer stellen und wird von einer winzigen blonden Frau mit braunem Zeug eingesprüht. Ganz falsch. Stattdessen schlurfte ich mit Schlappen und einer Duschhaube bekleidet in einen Arzt-Sprechzimmer ähnlichen Raum. Ich bekam einen kleinen roten Schlauch, durch den man atmet und musste dann in einen Metallapparat steigen, der aussieht wie eine Dusche. Dort drückt man auf einen Knopf, macht die Augen zu und dreht sich im Kreis, während ein ekelhaftes, giftig riechendes, sirupähnliches Chemiezeug auf einen niederprasselt. Bei mir verlief das nicht ohne Zwischenfälle. Ich bekam die Bräunungsdusche nicht in Gang und musste deshalb in dem weißen Umhang, den sie mir gegeben hatten, zwei Mal in den vollbesetzten Vorraum traben, um dort vor jungen Mädchen, die darauf warten, dass die Kabine endlich frei wird, zuzugeben, dass ich zu blöd war, dieses Ding zu bedienen.

      Der eigentliche Vorgang dauerte dann aber nur eine Minute und nach ein paar Stunden hatte ich eine natürlich wirkende Bräune, nicht die grell-orange Tönung, mit der ich gerechnet hatte.

      Am Abend entschied ich, dass es Zeit für sportliche Betätigung war. Ich fragte eine Bekannte, ob ich mit ihr in den Tennisklub gehen könnte, um die Squashfelder auszuprobieren. Ich bat sie ein paar Fotos für mein MySpace-Profil zu machen, auf denen ich „sexy“ und „energetic“ aussehe. Nach dem Spiel gingen wir in den Hot-Tub und hielten nach „Schnuckelchen“ Ausschau (um ehrlich zu sein, waren hauptsächlich Rentner dort, und die einzigen „Schnuckelchen“ waren der Abtrockner und der Barmann). Außerdem bemühten wir uns, den 17-jährigen Mädchen, die mit Sonnenbrillen im Gesicht an der Bar saßen und mit Mamis Kreditkarte ihre Gin Tonics bezahlten, möglichst vernichtende Blicke zuzuwerfen. Ach ja und in die Sauna und den Dampfraum sind wir auch noch gegangen, um unsere Poren zu reinigen. Normale Mädchen haben reine Poren.

      Zum Abendessen gingen wir in ein beliebtes Touristen-Restaurant mit unfassbarer Deko und einer ca. zehn Meilen langen Speisekarte mit Gerichten aus aller Welt. Alles war so billig, dass selbst die Frühlingsrollen wie ein Stück Plastik schmeckten. Ich versuchte mit unserem Kellner zu flirten und bat meine Freundin, ihm zu sagen, dass sie Fotografin sei und gerne ein Foto davon machen würde, wie er mich füttert.
       

      Tag 4

      Wieder stand ich früh auf, um ein paar Übungen zu machen und mich zu stylen. Dann verbrachte ich zwei Stunden mit einer Freundin im Fitnessstudio. Ein Hardcore-Sporttag als Vorbereitung auf ein langes Partywochenende. Ich strampelte mich ab und versuchte gleichzeitig, so natürlich wie möglich zu wirken. Es war hart, aber das tun normale Mädchen nun mal: schwitzen und sich anstrengen, bis sie kotzen.

      Später hing ich eine Weile zu Hause bei den Eltern einer Freundin ab, und wir kuckten gemeinsam fern. Ich musste aber bald für mein erstes Clubbing-Experiment nach Hause. Meine Recherchen über normale Mädchen hatten ergeben, dass Schminken und Haare machen fürs „Clubbing“ von entscheidender Wichtigkeit sind.

      Glücklicherweise habe ich einen Freund, der bis vor kurzem bei MAC Cosmetics gearbeitet hat und sich bereit erklärte, mir bei meinem Bestreben nach normaler Schönheit zur Seite zu stehen.

      Ich dachte, es reicht, wenn er mir in einer Stunde ein paar Tipps gibt, aber fünf Stunden später hatte ich 12, ZWÖLF!!! Seiten handgeschriebener Notizen und Tipps. Ich bekam außerdem eine praktische Einweisung und ein Probeschminken für den Abend und sammelte jede Menge neuer Erkenntnisse über die Techniken des Wellens, Glättens und des Stylens. Wisst ihr, wie viel „Zonen“ ein Augenlid hat?! Der Hammer!

      Danach probierte ich ungefähr zwanzig furchtbare Outfits an. Schließlich entschied ich mich für eine ziemlich langweilige Nummer, da mir klar wurde, dass die wahre Kunst des „Outfits“ sowieso in der Wahl der richtigen Accessoires besteht. Ich weiß, dass ich immer noch scheiße aussehe, aber wenigstens sehe ich anders scheiße aus als vorher.

      Wir gingen in eine Bar namens KARMA—der bescheuertste Name, den ich je gehört habe. Der DJ hatte einen Misfits-Haarschnitt und ein Misfits-T-Shirt und spielte Hip Hop aus den 90ern. Party Time!

      Meine „normale“ Freundin und ich setzten uns und fünf Minuten später ging es los. „Euch zwei Ladies hab ich hier ja noch nie gesehen.“ Ich kriegte die schärfsten Typen ab—untersetzte mit Ziegenbärtchen, längsgestreiften Hemden und nach oben gegelten Haaren. Im Ernst. Ich war umzingelt von denen. Sie machen alle was mit „Computern“ und konnten sich „dank ihres Jobs ein Auto leisten“. Normalerweise würde ich nicht so über sie ablästern, aber der eine Typ war wirklich ein Vollidiot. Er verbrachte ganze zweieinhalb Stunden damit, sich mit mir zu unterhalten. Ich war nett und normal, beantwortete seine Fragen mit Bedacht und versuchte die Unterhaltung so lebendig wie möglich zu gestalten (schließlich war das Teil des Experiments). Ich habe ihm weder schöne Augen gemacht, noch habe ich Andeutungen gemacht, dass ich mit ihm „nach Hause gehen“ würde. Aber in derselben Sekunde, in der wir aus der Bar geschmissen wurden, schlug die Stimmung um. Plötzlich griff rasende Torschlusspanik um sich, und die Kerle sagten ständig: „Du kannst mitkommen, wir können ein paar Bier trinken, einfach so’n bisschen quatschen und abhängen.“ Das kam wie aus dem Gewehr geschossen und gleichzeitig checkten sie die anderen Mädels ab, die noch vor der Tür rumhingen. Schließlich sagte ich geradeheraus: „Weißt du, heute geht es wirklich nicht, aber du kannst mir ja deine Nummer geben, dann rufe ich dich an.“ Da war er sofort weg! Er war bereit mich zu vögeln, aber wollte mir nicht mal seine Nummer geben! Das fand ich krass. Ich habe mit meiner Freundin drüber gelacht, aber im Ernst, ich war ziemlich schockiert. Läuft das bei normalen Leuten wirklich so?
       

       
      Diese herzförmigen Brillengläser waren eine Gratwanderung zwischen normal und sonderbar.  
      Fitness!

       
         
      Ich habe es geschafft, dass der Kellner mich füttert.




      Tag 5

      Nach der üblichen Morgenroutine, die ich inzwischen wie aus dem Effeff beherrschte, zog ich los ins Einkaufszentrum, um ein Outfit für mein großes Date zu suchen. Richtig gehört! Mein neuangelegtes MySpace-Profil hatte mir tatsächlich zu einem Date verholfen! Er hatte mir eine Nachricht geschickt, wir hatten ein bisschen verklemmt hin und her gechattet und dann—bingo! Das Date ist übermorgen Abend, und ich bin extrem aufgeregt. Er war noch nie verheiratet, er weiß noch nicht, ob er Kinder will, er ist ein großer Zigarrenfan, er ist spirituell aber nicht religiös, und in seinem Profil steht: „Ich bin immer in Action—kannst du mithalten? Ich bin auch gerne allein, also brauche ich jemanden, der selbstsicher und unabhängig ist. Keine Kletten. Ich mache gern Outdoor-Aktivitäten: Camping, Frisbee, Disc Golf und vor allem Fallschirmspringen. Obwohl ich über keine besondere künstlerische Begabung verfüge, habe ich eine Leidenschaft für alle Kunstformen und große Achtung davor—Musik, Lyrik, Literatur, Comedy, Theater, Bildhauerei, Architektur, Gemälde und Body Art. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch, der das Leben liebt. Ich freu mich über die vielen Erfahrungen, die das Leben bereithält und kann es kaum erwarten, meine nächste Lektion zu lernen. Ich habe früh gelernt, dass das Leben zu kurz ist, um es mit negativen Gedanken zu verschwenden. Es gibt so viel zu tun und so viel, über das man sich freuen kann. Ich hätte gern jemanden, mit dem ich all das teilen kann.“ Jaaa! Ich bin so aufgeregt! Er sagt auch, dass er glaubt, das Leben sollte einen Soundtrack haben—bekannterweise macht das einen guten Eindruck. Ich kann’s kaum erwarten.

      Nachdem ich versucht hatte, mir eine Gwen Stefani-Frisur zu stylen, trafen wir uns und tingelten durch ein paar Galerien. Das war unser Date. Ich wünschte, ich könnte mehr darüber berichten, aber die Galerien waren wirklich eine nach der anderen voller Scheiße und überall waren die Freigetränke schon leer. Außerdem kam ich mit meinen Normales-Mädchen-Absatzstiefeln, die ohnehin ziemlich ungewohnt für mich waren, nicht mit dem spiegelglatten Boden klar.


      Tag 6

      Heute habe ich einen Zeitarbeitsjob in einem Büro gemacht. Ich sortierte Bücher ein, aktualisierte Bibliografien und machte andere kleine Erledigungen. Eine normale Freundin, die schon viele solcher Jobs gemacht hat, gab mir den Tipp mich unauffällig zu verhalten und mich einzuschleimen. Also spendierte ich mittags allen Pizza und machte einen auf „Hey Leute, hier gibt’s Pizza, Pizza, Pizza!“ Ich lächelte permanent, machte allen Komplimente, führte sinnlose Unterhaltungen und rollte mächtig mit den Augen, wenn ich vor meinem Computer hing. Ich hatte nicht erwartet, dass es wirklich schlimm werden würde, aber in dem Laden gab es jede Menge verbitterter allein stehender 40-jähriger Frauen, die totale Zicken waren und mich noch nicht mal ansahen, wenn sie mit mir sprachen. Sähe so meine Zukunft aus, wenn ich normal bleiben würde? Die, die mit mir redeten, quasselten unablässig über so Zeug wie Frisuren, Hunderassen, Pilates und den Tod der Atkins-Diät. Ich fand das sympathisch.

      Nach der Arbeit gingen wir alle zur Happy Hour. Wir tranken Wodka Tonics und naschten „Fetahäppchen“. Ein paar Typen warfen uns interessierte Blicke zu, und meine Kollegin schleppte einen von ihnen ab. Eine Anmerkung: Ich bin definitiv jemand, der trinkt, aber nie vor neun Uhr abends. Diese normalen Leute fangen echt früh an! Liegt das daran, dass sie jeden Morgen um neun Uhr im Büro sein müssen? Ich verstehe nicht, wie man jeden Tag ab halb fünf reihenweise Wodkas abziehen kann und danach zu Hause noch was auf die Reihe kriegt.

       
      Normale Mädchen werden praktisch die ganze Zeit angemacht. Es ist, wie in einem Moskitoschwarm zu sein.
       

      Tag 7 (Zielgerade!)

      Ist es wirklich schon vorbei? Ich weiß nicht, ob das gut ist. Normal zu sein hilft mir, mich zusammenzureißen. Meine Freunde finden meinen neuen Look auch besser.

      Heute Abend habe ich ein großes Date, und meine Freundin Chloe hat sich bereit erklärt, später mit mir tanzen zu gehen, wenn ich die Sache kurz mache. Ich hab Micha gebeten rüberzukommen und mir die Haare zu glätten und mich zu schminken. Auch Chloe bekam ein wirklich schlimmes Make-up verpasst. Hier sind ein paar schöne Vorher-Nachher-Fotos von uns.

      Der Typ, mit dem ich mich traf, war am Anfang ziemlich verklemmt. Wir gingen in eine Bar, um etwas zu essen. Ich nahm meine Kamera mit und sagte, dass ich als Hobby gerne die Natur und Kinder fotografiere. Das fand er cool, und als er mich bat ein paar Bilder von ihm „als Golfball“ zu machen, war das Eis gebrochen. Er wollte, dass ich unendlich viele Fotos davon schieße, wie er einen auf „crazy“ macht (kein Witz, ich hab so an die 40 Aufnahmen gemacht). Irgendwann wurde ich unruhig und sagte ihm, dass die Batterie fast leer sei. Wir redeten über unsere Jobs und was wir gerne in der Freizeit machen. Wir redeten über House, über Gras, meine Haare, Fallschirmspringen, Vampire ... das Übliche. Alles was ich ihm erzählte, war komplett gelogen. Ich glaube, dass ich meine neue Begabung entdeckt habe—ich bin inzwischen ein Profi in improvisierter Comedy. Aber im Großen und Ganzen war es ein ziemlich fades Date. Es fiel mir schwer, dem Ganzen auch nur irgendetwas Witziges abzugewinnen. Er war in Ordnung, nur langweilig und ziemlich strange. Bestimmt wohnt er noch bei seinen Eltern.

      Gegen Mitternacht sagte ich ihm, dass ich früh aufstehen müsste. Ein glatte Lüge. Ich traf Chloe, und wir gingen tanzen.

      Um mir schnell noch ein paar Tipps einzuholen, quatschte ich mit anderen Mädchen und sagte, dass ich gerade eine vierjährige Beziehung hinter mir hätte und nicht mehr wüsste, wie man flirtet. Sie sagten mir, dass sie die Typen anhand ihrer Schuhe einschätzen und dann mit ihnen flirten, damit sie und ihre Freunde den ganzen Abend Drinks spendiert bekommen. Wie dämlich! Ich kam mir vor wie bei einer schlechten Vorabendserie.

      Ich tanzte viel, gab mir die Kante und wurde von mehreren Trotteln angegraben. Dabei führte ich jedes Mal fast genau die gleiche Unterhaltung. Ich vermute, normale Mädchen schalten einfach auf Autopilot, wenn sie ausgehen. In einem normalen Club angebaggert zu werden, ist ungefähr so, wie wenn dir ein Penner auf der Straße was hinterherbrüllt. Nicht so toll.

      Nach der letzten Runde Drinks ging ich nach Hause und erwärmte mich an dem Gedanken, dass ich, wenn die Sonne aufging, wieder komisch sein dürfte.

      Alles in allem war es nicht so schwer, normal zu sein. Ich hatte meinen Spaß, aber wahrscheinlich nur, weil es für eine kurze Zeit war. Das Wichtigste, das ich gelernt habe, ist, dass ich meinen neuen Look beibehalten sollte, weil mir alle sagen, dass ich viel besser aussehe. Das sagen sogar diejenigen meiner Freunde, die sich absichtlich scheiße anziehen, weil es angesagt ist. Ich muss sagen, ich bin gerne ein Mädchen—ob nun normal oder nicht!


       
      In diesem Fitnesstudio war es wie in einem Leichenschauhaus.  
      Das waren unsere normalen Klamotten, um in die Clubs zu gehen.

       
         
      Ich war einen ganzen Tag lang Aushilfsbürokraft.

       
         
      Mein Date wollte nicht aufhören, vor der Kamera rumzukapsern. Machen normale Jungs das so?

       

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      Themen: Experiment, Erfahrung, Mädchen, Schminke

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