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      Mitt Romney hat gewonnen!!!

      November 9, 2012

      Von Markus Lust

      Managing Editor VICE Alps

      In Japan gab es nach dem Zweiten Weltkrieg sogenannte "Holdouts", denen das ganze Gerede von Niederlage, Kapitulation und Atombombenabwürfen irgendwie spanisch vorkam und die deshalb das einzig Logische taten, zu dem gehirngewaschene Soldaten in totalitären Staaten gemeinhin fähig sind: Weiterkämpfen. Und zwar nicht nur ein paar Tage, bis sich die Wogen geglättet und die Siegernationen ihre Version von Geschichte endgültig in die Verlierergehirne zementiert hatten, sondern, naja, ein bisschen länger. Also, ein paar Jahre länger. Oder in einigen Fällen ein paar Jahrzehnte. Die letzten beiden Holdouts beendeten ihren Guerillakrieg im Dienste des Tennōs tatsächlich erst im Jahr 1974. Manche von ihnen behaupteten, aufgrund der schlechten Kommunikation das Kriegsende einfach nicht mitbekommen zu haben, aber wenn ihr mich fragt, braucht es schon einiges an Ignoranz und bewusster Selbsttäuschung, um fast 30 Jahre mit einem Messer im Mund durch den Dschungel zu schleichen und eine Art Zweiter-Weltkriegs-Lost aufzuziehen, bei dem man hin und wieder unschuldige Inselbewohner abmurkst, nur um den eigenen Kriegstraum am Leben zu erhalten. Und das alles, während der Rest der Welt schon Vietnam, die Hippies und Disco durchgemacht hatte.

      Was mich auf beunruhigend direktem Weg zu den Nachwehen der US-Präsidentschaftswahlen bringt. Denn wer sich nach dem Wahlsieg von Barack Obama aus Gründen der Feindbeobachtung und Schadenfreude auf die Website von Mitt Romney verirrte, dem konnte sich schnell das Gefühl einnisten, dass der geschäftstüchtige Republikaner nach seiner Niederlage völlig durchgedreht war und jetzt nicht mehr nur (wie jeder vernunftbegabte Mormone) an magische Unterwäsche und die satanische Wirkung von Kaffee glaubt, sondern sich in ein Paralleluniversum geflüchtet hat, das selbst im Vergleich zu dem der japanischen Holdouts noch beunruhigend wirkt.

      Wahrscheinlich war es nur ein dummes Versehen, dass am Mittwoch die falsche Version vom Wahlausgang online ging und die Randbezirke des Internets in ein suburbanes Romneyville verwandelte. In jedem Fall erlaubte uns dieses Tor einen kurzen Blick in jenes Paralleluniversum, in dem Mitt Romney nun regiert und mit ihm ein Mann im Weißen Haus sitzt, der die tiefe Überzeugung hält, dass Dinosaurierknochen vor 6.000 Jahren aus entfernten Galaxien zur Erde gebracht wurden und Schwarze sich in Weiße verwandeln können, wenn sie bloß rechtschaffen genug sind. Und so viel auch zu Ignoranz und bewusster Selbsttäuschung. Hier sind die Bilder, und dazu mein Senf.

       

      SMALLER, SIMPLER, SMARTER

      Keine Ahnung, was der alte Mann uns damit sagen will, aber scheinbar lautet die Lösung aller Probleme Amerikas Verkleinerung und Vereinfachung. Ich bin ja schon lange für einen "United Bible Belt of America", aber auf mich will ja niemand hören.

       

      WILLARD, FREUND DER RATTEN

      Moment mal. Mitt heißt eigentlich Willard? So wie in dem gleichnamigen Film mit Crispin Glover, wo Willard ein pathologisch geisteskranker Einsiedler ist, der sein Dasein als Messie-Marionettendiktator in einem zerfallenden Haus fristet und seine Aufträge von Ratten eingeflüstert bekommt? Das ist doch mal eine Metapher.

      Dass seine Mutter eine Karriere als Schauspielerin aufgegeben hat, um dem mormonischen Familienideal zu dienen, ist natürlich ganz rührend und ohne Zweifel wichtig genug, um es in eine sieben Zeilen lange Kurzbiografie des US-Präsidenten zu schaffen. Willard Romney, Präsident der Männer aus Motor City.

       

      DAS WANDELNDE SYMPTOM: PAUL RYAN

      Eigentlich hätte das Team Romney gar kein besseres Bild von Vize-Witzfigur Paul Ryan zeichnen können. Der Handstreichler in Blurry Vision wäre bestimmt ein tolles Meme geworden und hätte uns die läppischen vier Jahre locker durchstehen lassen. Übrigens passt das Foto auch ganz gut zu dieser medizinischen Beschreibung von Panikattacken: "Bei einigen Menschen ist die Angst so intensiv, dass sich die Wahrnehmung verändert. Eine verschwommene Sicht tritt ein, oder alles wirkt entfremdet, man fühlt sich unwirklich oder sogar losgelöst vom eigenen Körper."

       

      DAS AMERIKANISCHE JAHRHUNDERT, ODER: "WORTWAHL 5, SETZEN"

      Amerikanisches Jahrhundert? Hm ... Haben wir das nicht schon mal wo gehört? Ach ja, beim Project for the New American Century, dem rechtskonservativen Think Tank, dessen Grundsatzpapier für Verschwörungstypen und 9/11-Truthers als Beweis dafür gilt, dass die USA den Anschlag auf die Zwillingstürme selbst verübt haben, weil darin ein recht unglücklich formulierter Satz über "ein neues Pearl Harbor" vorkommt. Ich gehöre übrigens nicht zu dieser elitären Gruppe an Verschwörungstypen (die sich selbst gerne "Theoretiker" nennen), aber selbst ich muss zugeben, dass man in Sachen Wortwahl ein wenig mehr von einem (eben nicht?) gewählten US-Präsidenten erwarten kann. Vor allem, wenn sich mit dem betreffenden Text wahrscheinlich genauso viele PR-Strategen beschäftigt haben, wie dieser Zeilen hat.

       

      SABOTAGE: JETZT BEWERBEN

      Bei aller Kritik muss man Romneyville doch eines lassen: In diesem weißgestrichenen Dorf ist immer ein Platz für Zweifler und Zaunbepinkler. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Oberhoschi Mitt sofort eine "Jetzt bewerben"-Subsite online stellen ließ, wo man doch weiß, dass solche trojanischen Lücken immer zuerst von Leserbriefschreibern und Saboteuren und erst dann von denen mit echter, aufrichtiger Kommunikationsabsicht genutzt werden. Wobei: Wer weiß, was die Bewerber erwartet hätte? Und hat Obama diese Sitzbank im Garten des Weißen Hauses vom Set der Gilmore Girls geklaut? Ich verlange die Wahrheit. Mahalo!

       


      POLITIK UND PIMMEL:

       

      Obama hat gewonnen, Motherfuckers!
      Okay, außerhalb von Romneyville ist man sich dann doch eher einig, dass Obama die Wahl - gar nicht so knapp, wie prognostiziert wurde - gewonnen hat. Das hier ist die Botschaft zum Sieg, Bitches.
      Facefuck mit Barack
      Uns war natürlich von Anfang an klar, dass Obama das Ruder weiter auf Siegeskurs hält. Überraschender fanden wir da schon die Ähnlichkeit von Mitt Romney mit unserer Sexpuppe Alucius.
      Der Kampf der Maschinen
      Wenn sogar im US-Wahlkampf einmal die Menschlichkeit versagt und man Obama jede Nettigkeit vorwirft, dann beginnt der Siegeszug der Maschinen. Und ihr wisst, von welcher Art Maschinen wir reden (hehe).

       

       

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      Themen: mitt romney, USA, Wahlen, barack obama

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