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      Nein, ,Presse'-Redakteur Wolfgang Greber, Sie dürfen ihr Kind nicht schlagen! Nein, ,Presse'-Redakteur Wolfgang Greber, Sie dürfen ihr Kind nicht schlagen!

      Nein, ,Presse'-Redakteur Wolfgang Greber, Sie dürfen ihr Kind nicht schlagen!

      November 30, 2014

      Update: Die Presse hat sich Montagmorgen erstmals in ihrer Geschichte ​von den Aussagen eines Redakteurs distanziert.

      Wolfgang Greber ist ein Mann offener Worte. In einem Artikel, der am 30.11. in der Tageszeitung Presse erschienen ist, beschreibt er, ​wie er seinen dreieinhalb Jahre alten Sohn M. bestr​af​t. Greber selbst nennt seinen Sohn übrigens im Artikel beim vollen Namen, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes des Kindes verzichte ich darauf.

      Greber erklärt in seinem Artikel ganz offen, welche körperliche Züchtigungen er durchführt: „Okay ist Übers-Knie-Legen." Im nächsten Satz versucht Greber die Relativierung, denn er würde das Kind ja ohnehin „nur mit leichtem Klopfen" schlagen. Ihm ginge es darum, „das Kind in eine ,blöde' Lage zu bringen". Eine blöde Lage also. Ein anderes Wort dafür wäre vielleicht „Demütigung". Diese Demütigung wird sich übrigens auch auf einer anderen Ebene noch ewig fortsetzen: Das Internet vergisst nicht, und so wird auch in vielen Jahren, wenn M. bereits größer geworden ist, im Internet zu finden sein, dass er als Kind geschlagen wurde.

      Doch offenbar ist das Ganze laut Greber gar nicht so schlimm: „meist müssen wir beide dann lachen". Ob der Dreijährige eventuell weint, wenn er mal nicht lacht, während er geschlagen wird? Ob das Lachen des Kindes aus der Verzweiflung über die Situation erfolgt? Welche Traumatisierungen des Kindes aus dieser Demütigung erfolgen könnten? Dazu erfahren wir leider nichts von Greber.

      Greber hat aber auch noch anderes parat: „Ich stehe zum Ohrenzieher. Wozu ich wirklich stehe, ist der Ohrenzieher als strengste Sanktion: Da wird M. nach ,1, 2, 3' am Ohr gezogen. Nicht fest, aber doch. Nun, nachdem seine Trotzphase, die moderat war, vorbei ist, ist das fast nimmer nötig. Die (seltene) Androhung wirkt heute noch immer." Offenbar also zieht Greber so sehr an den Ohren, dass der Schmerz oder die Demütigung bereits so tief in das Gehirn eines dreijährigen Kindes eingeprägt sind, dass alleine die Androhung ausreicht, um das Kind zu disziplinieren.

      Greber hält in seiner Erziehung auch nichts von leeren Drohungen. Er schreibt: „Drohungen aber müssen (1) selten sein, denn Inflation frisst den Wert. Sie müssen auch (...) konsequent, konsequent und konsequent noch mal umgesetzt werden: Wer Strafe nicht vollzieht, macht sich unglaubwürdig." Und dann geht es offenbar rund im Hause Greber: „Wir verhängen Strafen erst nach einigen Andeutungen, denen Anzählen folgt: ,1, 2, 3.' Wird bei drei nicht gefolgt, kommt die Strafe garantiert, ohne Debatte und Mäßigung."

      Um das klar auszusprechen: Greber wendet Gewalt an, so ​wie sie von Kinderschutzorganisationen beschrieben wird. Und selbstverständlich hat diese Gewalt Auswirkungen auf ein Kind. Neben den unmittelbaren Folgen, also dem Schmerz und der Demütigung, können ​auch langfristige Folgen wie Traumatisierungen entstehen.

      ​Auf der Beratungsseite Gewaltinfo.at findet sich dazu folgende Erklärung: „Jedes Gewalterlebnis—sei es verursacht durch die Natur (Naturkatastrophen) oder durch Menschen in Form von Kriegen, Geiselnahmen, Unfällen mit drohenden ernsthaften Verletzungen aber eben auch interpersonelle Gewalt—kann ein Trauma auslösen. Derartige Ereignisse können in einem Menschen extremen Stress auslösen und Gefühle der Hilflosigkeit oder des Entsetzens erzeugen, sowie das Selbst- und Weltbild dauerhaft erschüttern. Hierdurch können die normalen Verarbeitungsprozesse im Gehirn blockiert werden und es kommt zur Ausbildung von psychischen Symptomen. Wenn Kinder Gewalt erleben, nimmt ihre Psyche Schaden. Dies trifft besonders zu, wenn die Gewalt in der Familie ausgeübt wird—selbst dann, wenn sie ,nur' Zeugen sind." Wohlgemerkt: sogar dann, wenn die Kinder „nur" Zeugen sind. Der kleine M. allerdings ist nicht nur Zeuge, sondern selbst betroffen.

      Für Greber allerdings ist Kritik an körperlichen Bestrafungen „infantil-romantischer, militant-pazifistischer Irrglaube". Da bleibt Greber hart: „da ändert auch das gesetzliche Gewaltverbot nichts". Und spätestens nun wird die Sache endgültig skandalös. Denn Greber weiß offenbar ganz genau, was er tut und dass körperliche Gewalt gegen Kinder schlicht verboten ist. Er weiß also, dass er sich über geltende Gesetze zum Schutz von Kindern hinwegsetzt.

      Die rechtliche Situation in Österreich ist eindeutig. In Österreich ist jede Form von Gewaltanwendung gegen Kinder als Erziehungsmittel seit 1989 gesetzlich verboten. Im Februar 2011 wurde dazu sogar ein eigenes ​Bundesverfassungsgesetz über die Rechte der Kinder beschlossen: „Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, die Zufügung seelischen Leides, sexueller Missbrauch und andere Misshandlungen sind verboten."

      ​Der Paragraf 137 des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches ergänzt: „Eltern haben das Wohl ihrer minderjährigen Kinder zu fördern, ihnen Fürsorge, Geborgenheit und eine sorgfältige Erziehung zu gewähren. Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig."

      Greber ist somit nicht einfach ein von der Erziehung überforderter Vater, dem wie es so schön verharmlosend heißt, die Hand ausrutscht. Auch dafür gibt es keine Rechtfertigung. Doch Greber ist mehr. Er handelt aus Überzeugung und rechtfertigt in einer der großen Tageszeitungen des Landes ideologisch und mit abfälligen Bemerkungen gegen gewaltfreie Erziehung, warum es richtig ist, sein Kind zu schlagen. Das alles offenbar im Wissen, dass er damit gegen geltendes Recht verstößt.

      Dass gerade die Presse diesen Artikel abdruckt, ist eventuell kein Zufall. Viel ist in diesen Tagen von sogenannten Parallelgesellschaften die Rede. Nun, hier haben wir eine klassische Parallelgesellschaft. Das konservativ-christliche Milieu, wo die „alten" Werte noch hochgehalten werden. Und dieses Milieu findet sich medial in Österreich eben traditionell in der Presse wieder. Welche Methoden der Erziehung in vielen katholischen Internaten vorherrschen, wird ja immer wieder an ​tragischen Beispielen bekannt, die ans Licht der Öffentlichkeit geraten.

      Das Verhalten von Greber verstößt höchstwahrscheinlich gegen die geltende Gesetzeslage zum Schutz von Kindern. Greber schließt seinen Artikel mit den Worten: „Also wir denken, dass wir das alles schon halbwegs richtig machen." Nein, Herr Greber, das tun sie nicht.

      Wenn du selbst mit Gewalt gegen Kinder konfrontiert bist, oder Hilfe bei der Erziehung suchst, findest du ​hier AnsprechpartnerInnen in deinem Bundesland.

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      ​Titelbild via: aka Quique via photopin cc

      Themen: presse, gewalt, greber, kinder

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