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      An der Bar im Puff (geht es zu wie im Tierreich)

      February 8, 2013
      Basiliko Brenner

      Von Basiliko Brenner

      Freier Autor

      Wer in Österreich schonmal zum AMS musste weiß, dass es - zumindest harmlos ausgedrückt - nicht immer die motiviertesten Profis sind, mit denen man es dort zu tun hat.  Die folgende Geschichte aus der bayrischen Provinz zeigt aber, dass es bei unseren Hartz IV-Nachbarn noch schlimmer zugeht. Diesmal hat das Arbeitsamt in Augsburg einer Arbeitssuchenden 19-Jährigen einen Brief mit einem Stellenangebot in einem Bordell geschickt. Die Augsburger Allgemeine schreibt, dass die Frau jedoch nicht in der Horizontalen hätte malochen sollen, sondern den Gästen an der Theke Getränke ausschenken. „Total entsetzt“ sei die 19-Jährige angesichts einer Karriere im Colosseum FKK Sauna Club gewesen, in dem es auf über 2500 m2 neben „Sex & Relax“ auch „Girls mit mega Service and more“ gibt.

      Doch abgesehen davon haben die Arbeitsagenturen bei Hartz IV sehr wohl das Recht, Arbeitssuchende als Barfrau in einem Bordell und sogar als Prostituierte zu vermitteln, da der Beruf einer Nutte in Deutschland absolut legal und vom Staat anerkannt ist. Neben einer Renten- und Krankenversicherung stehen Prostituierten die gleichen Rechte wie auch allen anderen Arbeitnehmern zu. Für die Zumutbarkeit von Arbeit gibt es laut Arbeitsagentur keine Schamgrenze, bei der Ablehnung von Angeboten folgen deshalb in der Regel finanzielle Kürzungen. Die Arbeitsagenturen haben sich jedoch selbst dazu verpflichtet, in einem Vorgespräch mit einer Arbeitssuchenden solche Jobs im Vorfeld auszuschließen. Auch bei einer Ablehnung eines Stellenangebotes als Prostituierte wollen sie zumindest nicht die Bezüge kürzen.

      Solch ein Vorgespräch hat mit der 19-jährigen Arbeitssuchenden jedoch allen Anschein nach nicht stattgefunden. Auch wurde ihr kein Job als Prostituierte angeboten, sondern an der Bar. Ist also die Arbeit in einem Bordell, zumindest an der Bar, wirklich so entsetzlich? Unmenschlich gar? Um das zu klären, habe ich Gary (Name von der Redaktion geändert), den Puff-Barkeeper meines Vertrauens, angerufen. Gary ist eigentlich Künstler, aber nebenbei arbeitet er in einer der nobleren Adressen des Berliner Horizontalgewerbes und lässt für betuchte Freier und Nutten die Korken knallen.

      VICE: Wie lange arbeitest du schon im Puff und wie bist du dazu gekommen?
      Gary: Seit acht Monaten. Der Barchef hat mich im Grunde gefunden. Wir waren zusammen auf der gleichen Uni und haben uns bei einer Street-Art-Vernissage wiedergetroffen und dort fragte er mich, ob ich schon einmal in einer Bar gearbeitet habe ...

      Wie hast du reagiert, als du erfahren hast, dass es um die Bar in einem Bordell geht?
      Nun. Meine Art zu malen hat viele Reminiszenzen zum deutschen und österreichischen Expressionismus, also Jahrhundertwende und zu Zeiten der Weimarer Republik, weshalb ich dachte, dass das als Inspiration eine interessante Sache sei. Außerdem habe ich Geld gebraucht und der Job ist mir einfach so zugefallen.  



      Aus was für einem sozialen Hintergrund stammen die meisten Freier?
      Normalerweise stammen die meisten aus der Oberschicht. Außerdem viele Touristen. Manche der Kunden stolpern auch einfach in die Bar, ohne zu wissen, dass es ein Bordell ist.

      Ich schätze mal, dass die Freier also eine gute Zeche machen, oder?
      Eine Menge. Aber ich kann keine genauen Zahlen nennen. Die Männer kommen rein und bestellen erstmal Drinks, die teuerer sind als das, was man aus Berlin gewohnt ist und dann kaufen sie Champagner für die Damen und der ist sehr, sehr teuer. Das gehört aber auch zum Ablauf. Wenn man will, dass sich die Damen neben einen setzen, dann bestellt man eben Champagner.

      Wie sieht es mit Trinkgeld aus?
      Ich bin in dieser Hinsicht eigentlich extrem glücklich. Manchmal kommen zwar auch sieben Männer und ich bekomme bei einer 1000-Euro-Rechnung keinen Cent, aber dann gibt es Fälle, dass jemand nur zwei Gin Tonics bestellt und ich 50 Euro Trinkgeld bekommen.

      Musst du das Trinkgeld mit den Prostituierten teilen?
      Nein. Das Trinkgeld gehört ganz und gar mir. Dazu bekomme ich für Berliner Verhältnisse einen sehr anständigen Lohn. Sehr fair.

      Macht es Spaß, mit den Huren abzuhängen, wenn gerade keine Kundschaft im Puff ist?
      Das ist das, was mir am meisten Spaß macht! Jedes Mädchen dort ist freiberuflich. Sie können also wie eine Grafikdesignerin so häufig kommen, wie sie wollen. Manche kommen drei-, vier- oder sogar fünfmal die Woche.

      Würdest du bei ihnen einen Sonderpreis bekommen?
      Das ist so eine Sache. Viele Barkeeper oder Manager fangen irgendwann damit an, mit den Prostituierten zu schlafen, weshalb sie sehr darauf achten, wen sie einstellen. Jemanden einzustellen, der schwul ist, ist also perfekt. Ich kann es ab, wenn mich die Mädchen anschreien, und ich erliege auch nicht der Versuchung, mit ihnen zu vögeln.



      Wie ist die Dynamik eines Arbeitstages?
      Wir haben viele verschiedene Gruppen von Mädchen. Man kann sagen, dass alle in einem Team arbeiten. Wenn sich eine zu einem Kunden setzt, dann setzt sich die andere mit dazu. Damit nehmen sie dem Mann die Nervosität und manche Kunden gehen dann auch mit beiden aufs Zimmer. Aber innerhalb dieser Teams gibt es auch häufig Streit. Nach zehn Stunden an der Bar sitzen und Trinken werden sie manchmal etwas verrückt.

      Und du gehst dann dazwischen?
      Nein, es ist wie im Tierreich, man muss diese Streitereien einfach geschehen lassen. Wenn etwas wirklich Unfaires passiert, dann gehe ich schon mal dazwischen. Aber ich habe auch meine Favoritinnen unter den Mädchen. Das sind Mädchen, mit denen ich privat Dinge unternehme, mit denen ich rede und deren Geschichten ich kenne. Andere hingegen sind richtiggehend bösartig.

      Kommt es häufiger vor, dass Freier gewalttätig werden?
      Ja, aber wir haben einen sehr attraktiven, aber auch sehr starken Türsteher. Wenn wirklich mal etwas passiert, dann mischt der sich ein und niemand will sich mit einem 200 Kilo schweren Bodybuilder anlegen ...

      Ich kann mir vorstellen, dass es psychisch auch problematisch sein kann ...
      Auch wenn jeder das Recht darauf hat, seinen Körper zu verkaufen, sagen mir viele Mädchen, wenn sie einen richtig schlechten Kunden hatten: „Du kannst meine Muschi ficken, aber nicht meinen Kopf.“ Das sind die Momente, die hart sind. Als Barkeeper muss man sich damit manchmal beschäftigen, zumindest tue ich das, da ich auch ein Freund für die Mädchen sein will. Es ist ein wenig so, als hätte man 20 bis 30 feste Freundinnen, mit denen man nicht schlafen kann.

      Würdest du jemandem empfehlen, in einem Bordell als Tresenkraft anzufangen?
      Na ja. Es ist ein wirklich anstrengender Job. Der Anspruch an Professionalismus ist sehr hoch. Alles muss sehr perfekt sein. Außerdem ist es ein mentales Ding. Schwule sind perfekt für den Job, aber Frauen, die als Barkeeperin in einem Bordell anfangen, enden häufig selber als Prostituierte. Es ist eine Sache, die leicht in eine Abhängigkeit führen kann, ich meine, man verbringt eine Stunde mit einer Tätigkeit, die einem die Miete für den gesamten Monat zahlt.
       

      Fotos von Gary


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      Themen: Arbeitsamt, Nutte, puff, prostitution, Bar, Freier, Augsburg, Arbeitssuchend, Hartz4

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