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      Ein wenig Nächstenliebe inmitten syrischer Bomben

      January 8, 2013

      Von Emma Beals


      Wijbe Abma.

      Kilis erinnert wie jede andere Grenzstadt ein bisschen an den Wilden Westen, nur mit weniger Rassismus. Gerüchte verbreiten sich in Windeseile, Menschen sind auf der Durchreise und man kann alle möglichen legalen und illegalen Waren erwerben. Kilis liegt im Süden der Türkei und wird auch das Tor nach Aleppo genannt. Aleppo wiederum ist ein zentraler Kampfort im syrischen Bürgerkrieg.

      Wegen des Kriegs ist ein guter Teil der Stadt bereits verwüstet, was umso bedauerlicher ist, da Aleppo eine der ältesten Städte der Welt ist und Kulturhauptstadt des Islams.

      Während wir nachmittags in Kilis unseren Tee trinken, können wir in der Ferne die Granateneinschläge hören.

      In Kilis ist auch der 21-jährige Syrer Wijbe Abma zu Hause. Er betreibt auf eigene Faust eine Hilfsorganisation. Er leitet Don't Forget Syria. Eine Organisation, die als kleine Idee begann und nun eine Größe hat, die selbst dem Gründer nicht mehr ganz geheuer ist.

      Dahinter steht der Wunsch eines Einzelnen, den Bewohnern von Aleppo auf direktem Weg zu helfen. Bei seinem ersten Projekt verteilte Wijbe 100 Decken. Als die Presse über ihn zu berichten begann, erhielt er viele Spenden—mittlerweile hat er 13.000 Euro auf seinem PayPal-Konto.

      „WARUM HILFT UNS DENN KEINER?"

      Noch vor wenigen Monaten war Wijbe ein Student in Südkorea, der Nachhilfe gab und in Karaoke-Bars Shōchū trank. Bei seiner Rückreise traf er in Antakya im Süden der Türkei, wo Tausende Syrer Zuflucht gefunden hatten, auf einen Mann aus Aleppo. Er erzählte ihm, wie sein Sohn von einer Granate der Regierungstruppen getötet worden sei. Sie redeten über seine Sorgen und die verwüstete Stadt. Wijbe war über das, was er hörte, schockiert, und von der internationalen Gemeinschaft frustriert: „Warum hilft uns denn keiner?“ Wijbe entschied sich, selbst etwas zu unternehmen.


      Wijbe sucht Decken aus.

      „Angefangen hat alles ganz klein,“ sagt er. „Ich wollte einfach handeln, anstatt wie alle NGOs immer nur von Hilfe zu sprechen.“ Die Idee war simpel: Er wollte bei Kilis über die Grenze gehen und die Notlager in Syrien mit Decken versorgen.

      MIT EIN PAAR DECKEN WAR ES NICHT GETAN

      Schnell merkte er, dass es mit ein paar Decken nicht getan war. In den Lagern reagierten die Menschen abweisend und es war nicht immer ganz klar, dass die Hilfe auch da ankommt, wo sie wirklich gebraucht wird. Wichtiger als Hilfe, die was bewirkt, ist Hilfe, die keinen Schaden anrichtet. „Nur wenn du alles selbst verteilst, kannst du sicher sein, dass die Hilfsgüter nicht gegen Waffen eingetauscht werden.“

      Wijbe nahm 700 Euro von seinem eigenen Geld und gründete ein Hilfsprojekt. Davon bezahlte er die ersten 100 Decken. Mit den Decken unterm Arm ging er in Aleppo von Tür zu Tür. Bei jeder Decke war ein Brief auf Arabisch dabei. Darin stand, dass die Decke von jemandem komme, der gerne helfen wolle. Sie seien ein Zeichen des Mitgefühls. Auf ihrem Weg zurück wurden sie von einer Armeebasis aus beschossen. Eine ungewöhnliche Art, „Danke“ zu sagen.

      Trotz allem wandte er sich als nächstes an die Öffentlichkeit, um Spenden zu sammeln. Auch aus Europa kamen zahlreiche Gelder. Als er 13.000 Euro zusammen hatte, beschloss Wijbe, das Konto erstmal zu sperren: „Mittlerweile ist das Budget 20 mal so hoch wie früher, und das macht mich ehrlich gesagt etwas nervös. Ich will einfach nur sichergehen, dass das Geld bei den richtigen Leuten ankommt.“

      Wijbe erzählt, dass viele Menschen ihm deswegen Geld gegeben haben, weil er ihnen versprochen hat, es persönlich zu verteilen. „Sie haben gespendet, weil sie in mir jemanden sehen, dem sie trauen. Die Menschen haben den Glauben an große Organisationen verloren. An kleine jedoch nicht. Ich will das richtig machen.“

      WOHIN MIT DEM GELD?
       
      13.000 Euro sind genug, um Decken für ganz Aleppo zu besorgen. Schnell kam also die Idee, das restliche Geld für andere Dinge auszugeben. Also entschied sich Wijbe, auch Mehl zu besorgen.

      Ein Problem Syriens ist nämlich das Brot. Der Mehlpreis ist explodiert und die Menschen sind oft gezwungen, stundenlang vor den Bäckereien anzustehen. Dabei sind sie ungeschützt und Ziele für Angriffe. Noch gut im Gedächtnis sind Wijbe zwei Luftangriffe in der Woche vor Weihnachten, bei dem Hunderte Menschen umgekommen sind. Ein Foto von den Auswirkungen hat er auf seinem Telefon.

      Die Neuigkeiten über seine Expansion und den unerwarteten Reichtum machten schnell die Runde, und auf einmal erreichte ihn unerwarteter Besuch. Die Free Syrian Army, die Hauptoppositionsgruppe in Syrien, wollte auf einmal ins Mehlgeschäft mit einsteigen. „Wenn man viel Geld hat, ist das Hauptproblem das, dass jeder darüber Bescheid weiß und etwas davon abhaben will“, sagt Wijbe.


      DAS WICHTIGSTE IST, NEUTRAL ZU BLEIBEN

      Als wir in einem Lokal zu Mittag essen, kommen auch einige FSA-Führer vorbei. Wir versuchen, sie zu ignorieren, aber schon bald werden wir zu Drinks eingeladen. Wijbe ist weder für noch gegen die FSA. Aber er versucht, keine Seite einzunehmen. „Was wollt ihr trinken? Geht auf den Oberst.“ Wijbe lehnt erst ab. Aber am Ende rauchen wir mit den FSA-Offizieren gemeinsam Shisha, trinken Tee und landen schließlich beim Thema Mehl.

      Mit seinen 21 Jahren und ohne Ausbildung und Erfahrung ist Wijbe in den Augen mancher Kriegsveteranen einfach nur jung und unbesonnen. Sie sagen, er unterschätze die Gefahren. Doch wer ihm beim Arbeiten zusieht, merkt, dass er sich Gedanken gemacht hat. Jede Entscheidung wird abgewogen. Wenn er jemandem Mehl gibt, dann fragt er auch, ob die Person Wasser und Salz hat. „Können sie mit dem Mehl überhaupt Brot backen?“ Er ist sich der Risiken bewusst, doch sind sie kein Thema. Ich habe keine Angst vor Bomben, Granaten oder davor, beschossen zu werden“, sagt er.
       
      In den drei Tagen, die ich mit ihm verbringe, dreht sich jede Diskussion darum, was er mit dem Geld machen könnte. Kilis ist mit Mitarbeitern von Hilfsorganisationen überlaufen. Sie folgen alle der einen Idee: Bring regelmäßig Essen und lass es nicht schlecht werden. Auch werden Schuhe benötigt. Ärzte brauchen Lampen und Medikamente für die Feldlazarette. Lokale Organisationen sollen unterstützt werden und Kinder brauchen Spielzeug und Bücher.
       
      Machmal ist Wijbe überwältigt von den vielen Möglichkeiten und Optionen. Dann muss er sich immer wieder daran erinnern, dass er nicht alles lösen kann: „Die Dinge nicht zu kompliziert werden lassen und fokussiert bleiben.“ Oft lässt sich beobachten, wie die Bürokratie die NGOs auffrisst. Eine simple Idee, wie ein paar Decken nach Aleppo zu fahren, kann zu einem Problem werden und sogar zum Stillstand kommen. Wijbe soll das nicht passieren: „Meine Geschichte wird nicht damit enden, dass das Geld in der Bürokratieschublade verschwindet.“
      Syrien braucht Hilfe. „Ich bin nur irgendein Typ aus irgendeinem Land, das Hilfe bietet. Ich will einfach zeigen, dass die Welt sie nicht vergessen hat“, sagt Wijbe.

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      Themen: Syrien, Aleppo, Krieg, Hilfe

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