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      Qual und Ekstase: Die stille Mission, PTBS mit psychedelischen Drogen zu bekämpfen

      January 4, 2012

      Von Brian Anderson

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      Für die Patienten von Michael und Annie Mithoefer ist die Klinik in Charleston, South Carolina, der letzte Ausweg auf einer erschöpfenden Reise.

      Da sie außerstande sind, zu vergessen, was sie erlebt, beobachtet oder angestellt haben, auf Befehl oder anderweitig, in den Vororten Bagdads oder den Tälern der Helmand Provinz, werden sie von den unnachgiebigen seelischen Sirenen von posttraumatischem Stress geplagt (PTBS - Posttraumatische Belastungsstörung). Sie haben das Paar aufgesucht, weil keine andere Therapie geholfen hat. Sie würden alles tun.

      Die Mithoefers sind direkt: wenn sich das Trauma nicht so leicht zeigt, na ja, dann werden sie es dazu bringen, sich zu zeigen. Der Vorgang kann schmerzhaft sein und stundenlang dauern, also kommen die Patienten vormittags an. Nach letzten „Set"-Vorbereitungen kriegt jeder Proband eine kleine, merkwürdige Kapsel. Es ist zehn Uhr morgens und sie nehmen gerade Ecstasy.

      Die Sitzungen, die jetzt folgen und den ganzen Tag dauern, sind Teil einer kleinen, Open Label Phase-II-Studie MDMA-gestützter Psychotherapie für posttraumatische Belastungsstörung bei Kriegsveteranen. Das Experiment untersucht, wie Methylendioxymethylamphetamin, besser bekannt als Ecstasy, die lähmenden Langzeitschrecken von „chronischer, behandlungsresistenter, kampfbezogener PTBS" lindern können, wenn es in kleinen Dosen und kontrollierter Umgebung verabreicht wird.

      Das ist die Spitze eines 10-jährigen, 10 Millionen Dollar teuren Projekts der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, um die Food and Drug Administration (die amerikanische Gesundheitsbehörde) davon zu überzeugen, dass MDMA als verschreibungspflichtiges Medikament genehmigt werden sollte. Rick Doblin, der Gründer und Leiter von MAPS, malt sich den Tag aus, an dem man Ecstasy in der Drogerie an der Ecke kaufen kann.

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      Ein Beratungsraum in der Klinik von Michael und Annie Mithoefer

      Es ist nicht ganz klar, wie fern dieser Tag noch ist, wenn man die Tabus und Stigmata in Betracht zieht, die an allem hängen, was zu nahe an den trüben, unerforschten Gewässern der „Bewusstseinsveränderung" treibt. Im Moment erhalten die Mithoefers MDMA vom einzigen lizensierten Händler in den USA, einem Chemiker an der Purdue Universität. Die 30-, 75- und 125-mg Kapseln der einzigen von der Regierung genehmigten Produktion Ecstasy, die je hergestellt wurde—1985, als die Droge kriminalisiert wurde—werden sparsam an sie verteilt. (Dieses Produkt wird routinemäßig auf Reinheit untersucht und bleibt über 99% pures MDMA.) Die aktuelle Studie ist doppelblind, das heißt, dass niemand die Dosierung - 125, 75 oder 30, das auf niedriger Stufe aktive Placebo - die sie am Anfang ihres Trips einnehmen, kennt.  Andererseits ist es nicht so schwer, zu sagen, wie sehr du grade drauf bist.

      Sobald sie das Medikament eingenommen haben, werden die Patienten aufgefordert, sich zurückzulehnen und sich nach innen zu konzentrieren. Andere machen einfach ihre Augen zu, genießen die Stille. Jeder wartet.

      Die Qual

      Was wir als PTBS kennen, ist nichts neues. Schweres, anhaltendes psychologisches Leid, das von erschütternden Erfahrungen herrührt, ist ein uraltes Phänomen, auch wenn es das erste mal erst 1980 in der dritten Auflage vom Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III) anerkannt wurde.

      Die Symptome von PTBS sind breit gefächert. Laut dem National Institute of Mental Health fallen sie in drei große Kategorien. Die Symptome des Wiedererlebens sind Schmerzen wie aus dem Lehrbuch - lebendige Flashbacks, dunkle Gedanken und noch dunklere Träume. Ausweichverhalten beinhaltet das Vermeiden von „Orten, Veranstaltungen oder Objekten", die mit der Erfahrung verbunden werden; ausserdem emotionale Betäubung, Schuldgefühle, Depression und Beklemmung, Verlust von Interesse an „Aktivitäten, die in der Vergangenheit angenehm waren", und sogar Schwierigkeiten, sich an das Vorkommnis zu erinnern. Überregung verursacht Kurzschlüsse - man erschreckt sich leicht, fühlt sich angespannt oder ungeduldig, hat Schlafprobleme und hin und wieder Wutausbrüche.

      Wir alle sind dem in jedem Alter ausgesetzt, sagt die Wissenschaft. Aber in den USA züchten wir diese Störung innerhalb des Militärs in abscheulich hohen Zahlen. 2005 haben über 70.000 Veteranen PTBS-Invalidenzuschuss erhalten. Eine Studie, wie der Economist 2008 berichtet hat, „schätzt, dass 12 Prozent der amerikanischen Veteranen des Irak- und Afghanistankrieges an PTBS leiden". Letztes Jahr bezifferte die New York Times „gut über" 300.000 Truppen, die mit PTBS, Depression, Schädel-Hirn-Trauma oder „einer Kombination davon" zurückgekehrt sind.

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      Ein Soldat der Marine wartet im Marine Corps Air Ground Combat Center auf die psychologische Untersuchung, 2009 (Jae C. Hong/AP)

      Notleidende Veteranen und Truppen im Dienst können Antidepressiva wie Sertralin (Zoloft) oder Paroxetin (Paxil) nehmen, die zwei SSRI-Medikamente (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) zur Behandlung von PTBS bei Erwachsenen, die von der FDA zugelassen sind. (In einer Vereinbarung zwischen Veteranen und dem Militär, die 2008 aus einer Sammelklage hervorgegangen ist, würden mehr als tausend Irak- und Afghanistanveteranen mit der Störung eine lebenslange Invalidenrente und militärische Krankenversicherung erhalten.) Die FDA sagt, dass diese relativ sicher sind, warnt aber vor ungewollten Nebenwirkungen: „Verschlimmerung der Depression, Selbstmordgedanken oder -verhalten" und „Schlaflosigkeit, Unruhe oder den Rückzug von normalen sozialen Situationen." (Eine neuere Studie besagt, dass die, die Antidepressiva nehmen, für den Rückfall in eine schwere Depression „viel eher" gefährdet sind, als die, die keine nehmen.)

      Benzodiazepine - Entspannungs- und Schlafmittel wie Xanax, die eventuell Probleme mit Abhängigkeit oder dem Gedächtnis verursachen - „andere Antidepressiva", wie Fluoxetin (Prozac) und Citalopram (Celexa), oder Antipsychotika sind weitere Medikamente, die das NIMH als mögliche Medikamente zur Behandlung von PTBS anführt.

      Das medizinische Programm des Militärs macht im letzten Jahrzehnt verschreibungspflichtige Drogen für das Problem mit der psychischen Gesundheit verantwortlich—so sehr, dass die Army mittlerweile beschränkt, wie viele abhängig-machende Schmerzmittel ein einzelner Soldat abkriegt. Es ist trotzdem nicht ungewöhnlich, dass Truppen gleichzeitig auf verschiedenen Antipsychotika, Antidepressiva und Opiaten sind. Das Risiko, dass übermäßig medikamentierte Kriegsmaschinen Drogen horten und eine „nationale Psychose" heraufbeschwören, wie manche das dargestellt haben, ist so beunruhigend wie das eigentliche Problem. Zwischen 2006 und 2009 sind über 100 Militärs wegen schädlichen Verschnitten von verschreibungspflichtigen Medikamenten gestorben. Unerlaubte Eigenbehandlung, Standard bei so vielen Truppen aus der Vietnam-Ära, ist bei den neueren Kriegsveteranen nicht sehr weit verbreitet. Jetzt ist eher die Flasche angesagt. Es ist fünf mal wahrscheinlicher, dass die Veteranen Pillen und Alkohol missbrauchen als Gras, Koks oder Heroin.

      Zwischen 2001 und 2008 stieg die Selbstmordrate im Verteidigungsministerium um 50 Prozent an. 2009 war die Anzahl der Selbstmorde im Dienst höher als die der Verluste auf dem Schlachtfeld. Im März brachten sich ein Dutzend Reservisten selbst um.

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