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      Seidl will mit dir über Sextourismus, Blasphemie und Diätcamps reden

      February 20, 2013

      Von Anne Krüger

      Drei Frauen auf der Suche nach der Erfüllung von Liebe: die eine als Sextouristin in Kenia, die andere als Geliebte von Jesus Christus und die nächste als unsterblich verknallte Teenagerin. Dieses Thema beschäftigt Regisseur Ulrich Seidl in seinen Filmen. Damit erntet er kontroverse Kritik: Einreiseverbote, Anzeigen und entrüstete Zuschauer auf der einen Seite, auf der anderen Auszeichnungen, Bewunderung und frenetischer Applaus. Ende November lief der erste Teil seiner Trilogie im Kino an: Paradies Liebe. Der zweite Teil Paradies Glaube läuft seit Jänner und Paradies Hoffnung kommt Mitte März in die Kinos. Im Rahmen der Berlinale waren erstmals alle drei Filme hintereinander zu sehen, die inhaltlich miteinander verwoben sind.

      Befreiung und Befriedigung

      Im Kino herrscht ein ständiger Wechsel von Beklemmung und Lachanfällen bei Szenen wie dieser: Zwei dicke, österreichische Sextouristinnen sitzen in ihrem Luxushotel an der Bar, zwingen den Kellner das Wort „Speckschwarterln“ zu sagen, lachen ihn anschließend aus und schmachten über „Negerschwänze“. Man kann das Fremdschämen und Unwohlsein im Saal buchstäblich spüren. Seidl provoziert gern, er fordert die Zuschauer heraus, indem er ihnen schonungslose Bilder serviert. Aber es geht dem Regisseur nicht darum, Skandale zu erzeugen. „Filme sind auch immer ein Spiegelbild der Seele des Zuschauers. Der eine lacht, der andere fühlt sich unangenehm berührt, der nächste ist empört”, sagt Seidl im Anschluss an den siebenstündigen Filmmarathon. 

      Was er zeigt, ist die Realität. Doch die Kamera schweift nicht ab, sondern hält direkt drauf, was eine unerträgliche Intimität erzeugt. „Ich möchte, dass die Filme nachhaltig sind, auch wenn sie im ersten Moment verstören, daraus erwächst ja erst Erkenntnis und das bringt doch Befreiung und Befriedigung.“ 

      Szene aus dem Film Paradies Glaube

      „Der Zufall spielt eine sehr große Rolle in meinen Filmen.“ 

      Das Gefühl von Voyeurismus wird durch den dokumentarischen Charakter seiner Filme bestärkt. Geschriebene Dialoge gibt es nicht in Seidls Filmen—die Szenen sind improvisiert, um die größtmögliche Natürlichkeit darzustellen: „Drehbücher sind bei mir nur dazu da, um den Film zu finanzieren. Am Set gibt es kein Drehbuch. Es ist wichtig, dass Dinge passieren, die nicht geplant sind.“ Der Regisseur arbeitet dafür nicht nur mit Schauspielern, sondern auch mit vielen Laien zusammen. Alle Darsteller müssen sich extrem lange vorbereiten, um sich hundert Prozent über die Rolle im Klaren zu sein, erst dann können sie wirklich anfangen zu improvisieren. „Es gibt nicht viele Menschen, ob Schauspieler oder Laien, die das können. Es ist die Kunst, genau solche Menschen zu finden.“ Das bedeutet monatelange Recherche und Castings. Die Darsteller werden von Seidl extrem gefordert, sie müssen bereit sein, sich zeitintensiv mit der Rolle auseinanderzusetzen und voll und ganz darauf einzulassen, ja quasi darin aufzugehen. „Ich briefe die Schauspieler vor jeder Szene getrennt voneinander. Ich sage ihnen, was ich mir in der Szene vorstelle. Wie sie dann miteinander agieren und reagieren, entscheiden sie selbst.“ 

      Weniger ist mehr, um in das Geschehen richtig einzutauchen

      Ulrich Seidls Bildsprache ist gewaltig und extrem ästhetisiert: „Ich schöpfe aus der Wirklichkeit und mache daraus eine artifizielle Abbildung, um Bilder zu kreieren, die so niemand vorher gesehen hat.“ Bei Paradies Hoffnung sieht man die kahlen Baumstämme eines Waldes im Nebel. Sehr klein liegen die zwei Protagonisten im weichen Moos. Friedlich und einsam, ein Bild wie ein Gemälde, das das Seelenleben der beiden widerzuspiegeln scheint.

      Solche Szenen sind leise, man hört allenfalls einen Vogel krähen oder das ferne Rauschen der Autobahn. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmemachern, die Musik bewusst einsetzen, um Liebesszenen noch schnulziger und Actionszenen noch dramatischer zu machen, verzichtet Seidl darauf. In seinem Filmen gibt es keine Musik, die eine Stimmung untermalt oder sie überhöht. 

      Gerade dadurch kommt man den Figuren unvermittelt nahe und spürt ihre Gefühle fast bis ins Innerste. 

       


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      Themen: film, Berlinale, Ulrich Seidl, Sextourismus, religion, Glaube, kino

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