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      Marina Abramovics Rat an junge Künstler

      December 4, 2012

      Marina Abramović, die 66 Jahre alte Grand Dame der Performance-Kunst, sagt, dass du noch relevant bist, wenn junge Leute zu deinen Kunst-Shows kommen. Bei ihren privaten Dinner-Partys verhält es sich anders. Und zu meiner eigenen Überraschung war ich zu genau so einer exklusiven Dinner-Party in einem schicken Wiener Restaurant, die nach nach der Eröffnung ihrer Ausstellung „With Eyes Closed I See Happiness“ in der Galerie Krinzinger in Wien stattfand, eingeladen. Ich muss mich korrigieren: Ich crashte diese Party mit drei Künstlerfreunden von mir und wir waren dort mit Abstand die Jüngsten.

      Ich konnte zwar nur ein 12-minütiges Interview mit dem Weltstar ergattern, aber es hat sich allemal gelohnt. Sie war hungrig und die Anwesenden trugen dicke Brillengläser, schnupften Tabak und kleckerten mit Rotwein auf die weißen Tischdecken. Abramović schaffte es, Haltung zu bewahren, während ihre Fans Fotos von ihr machten, wie sie Pfannkuchen mit Puderzucker aß.

      VICE: Ich trage heute extra ein paar Kristalle in meinem Dekolleté, da Sie doch so oft Kristalle in Ihren Arbeiten verwenden.
      Marina Abramović: Ich hatte noch nie Kristalle in meinem Ausschnitt, aber OK. Ich hatte Kristalle an meinem Kopf und habe gefragt, wie spät es ist.

      Die meisten Künstler haben es heutzutage sehr schwer. Haben Sie gute Ratschläge für uns?
      Ja, ja, ja. Ich habe ein junges Publikum. Ich bin sehr glücklich und dankbar. Wissen Sie, wer mir einen riesigen Gefallen getan hat? Lady Gaga. Durch sie sind die jungen Leute auf mich aufmerksam geworden. Ich habe sie leider noch nicht getroffen, aber fast. Lady Gaga kam 2010 zu meiner Show im MoMa und weil sie ihren Besuch twitterte, kamen die ganzen jungen Fans von ihr auch dort hin, um sie zu sehen. Doch selbst als Lady Gaga wieder gegangen war, blieben sie und sahen sich meine Show an. Ich habe rund 80.000 Fans auf Facebook, die unter 30 sind. Darüber bin ich sehr glücklich, denn das ist meine liebste Altersgruppe.

      Also, mein Rat an junge Künstler ist, dass sie weniger egoistisch sein sollten. Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht, muss man bedingungslos geben. Ich denke, Jungkünstler sollten weniger egozentrisch sein. Als Erstes muss einem bewusst sein, dass Kunst zu machen, nichts mit Fame oder dem großen Geld zu tun hat. Bei Kunst geht es um eine ganz andere Sache. Ruhm und Geld sind bloß Nebeneffekte. Das muss einem immer klar sein.

      Die zweite Sache, derer man sich bewusst werden muss, ist, ob man Künstler ist oder nicht. Die Leute wollen aus den unterschiedlichsten Gründen Künstler sein. Wenn du etwas kreierst, kannst du vielleicht ein guter Künstler sein, und das bedeutet eine ganze Menge Opfer. Es ist ein einsames Leben. Du musst dich dann wirklich voll und ganz der Sache widmen. Du musst der Kunst untergeben sein. Du musst dein Leben in einem Fieberrausch leben, du musst krank sein, denn die Kunst ist das Einzige, das für dich im Leben existiert.   

      Dann, wenn du ein wirklich guter Künstler bist, musst du lernen, in der Gesellschaft zu überleben. Du darfst keine Kompromisse auf dem Markt machen und du darfst dein Atelier nicht mit Kunst zumüllen. Es gibt so viele Dinge, die du als Künstler über das Business lernen musst. Es ist bemerkenswert, meine erste Show überhaupt war in Italien und sie war ausverkauft, doch ich habe keinen Cent gesehen. Alle Künstler erleben irgendwann diesen Scheiß. Sie sollten sich zusammentun, um sich gegenseitig Ratschläge zu geben. Es sind nur wenige Künstlertypen wirklich großzügig. Robert Rauschenberg war einer davon. Er schuf eine Anlaufstelle für Hilfe suchende Künstler. Er öffnete eine Art Konto, um Künstlern in finanziellen Nöten zu helfen.

      Das brauchen wir.
      Die Künstler aus meiner Generation müssen großzügiger werden. Ich bin momentan dabei, ein Institut für Performance-Kunst zu gründen, wo ich unterrichten werde.

      Sind Interviews oder Vorträge eine Art Performance-Kunst?
      Das Wort Performance ist überstrapaziert. Ich hasse es, ein Interview oder eine Lesung als eine Performance anzusehen. Einige Leute sagen, dass es etwas ist, aber das ist totaler Quatsch. Wenn ich eine Performance mache, nenne ich es Performance. Und das hier ist ein Interview und keine Performance.    

      Wie stehen Sie zu Mode?
      Meine Generation verachtet die Modewelt. In den 70ern war es so, dass man kein guter Künstler mehr war, wenn man Lippenstift getragen hat. Ich sagte: „Ich interessiere mich nicht mehr für diese Scheinheiligkeit. Ich mag, was ich mag.“ Ich mag originelle Mode. Für mich ist Comme des Garçons einfach genial, ebenso wie Yōji Yamamoto. In letzter Zeit trage ich sehr gerne Riccardo Tisci. Dieses Kleid hat er für mich entworfen. Ich fühle mich richtig wohl darin. Ich fühle mich wie eine Nonne in einer Mission.

      Woher haben Sie das Kreuz um Ihren Hals?
      Das ist das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, die höchste österreichische Auszeichnung für mein Lebenswerk. Es ist einfach unglaublich, das zu tragen. Ich trage es wie Juwelen, dabei handelt es sich aber einfach um eine Medaille. Sie wurde mir 2008 nach einer vierstündigen Zeremonie mit dem österreichischen Präsidenten verliehen. Üblicherweise kommt diese Ehrung bloß Menschen, die 70, 80, 90 oder tot sind, zu teil. Ich trage diese Auszeichnung, denn Österreich ist der beste Ort dafür.

      Sie sehen sich selber nicht als feministische Künstlerin, oder?
      Nein, auf keinen Fall. Ich mag die Ghettoisierung von Kunst in bestimmte Ideologien nicht. Kunst hat bloß einen Weg. Entweder ist sie gut oder schlecht und das war es. Wer sie macht, ist nicht wichtig.


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      Themen: performance art, Kunst, Marina Abramovic, Robert Rauschenberg, Performane, art

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