Sieh zu, dass du lange genug lebst, um zu kassieren

von Lisa Sorg


Vordergrund: Debra ist 1969 als Leutnant in die Armee eingetreten. Ende 1971, nachdem sie zum Hauptmann befördert worden war, wurde ihr in einem Brief mitgeteilt, dass sie nicht mehr zum aktiven Dienst herangezogen werden würde. Foto mit freundlicher Genehmigung des National Personnel Records Centers. Hintergrund: Dieser Abschiedsbrief wurde neben Debras Leichnam gefunden, samt einer Bibel, auf deren aufgeschlagener Seite der Psalm 23 zu lesen war. Brief mit freundlicher Genehmigung von Janna Song

Es war Weihnachten 1990 und wir waren alle im Haus meiner Großmutter. Die dichten, schweren Vorhänge im Wohnzimmer waren zugezogen. Meine Mutter und ich saßen auf dem Rand eines Bettes. Auf einem Sessel uns gegenüber saß Tante Debra, die Schwester meiner Mutter. Auf einem anderen Sessel saß meine Großmutter, die sich bereits im fortgeschrittenen Stadium der Demenz befand. Im Zimmer standen mehrere Tische und Stühle. Auf jedem lag eine Schusswaffe. Obwohl wir uns geeinigt hatten, uns nichts zu Weihnachten zu schenken, reichte Debra mir eine .38-Kaliber-Handfeuerwaffe, eine Schachtel mit Kugeln, ein Halfter, 100 Dollar und einige Zettel. 

„Die kannst du später lesen“, sagte sie.

Später am selben Nachmittag nahm die Unterhaltung einen unangenehmen Verlauf. Debra griff hinter sich und holte eine Kugel aus einer Schachtel, die auf einem Bücherregal lag. Sie hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, sah meine Mutter an und sagte: „Janna, die hier trägt deinen Namen.“ Daraufhin rannten meine Mutter und ich zu unserem Auto, das außerhalb des drei Meter hohen Stacheldrahtzauns geparkt war, der das Grundstück umgab. Als meine Mutter den Wagen startete, drehte ich mich um und sah, wie Debra auf das Auto zu rannte. Sie trug eine schwarze Skimaske, eine Tarnjacke, Jeans und schwarze Stiefel. Ihre dunkle Gestalt stand in Kontrast zum weißen Schnee, außer wenn sie kurzzeitig hinter den Kiefern verschwand. Ich stand mit einem Fuß im Wagen und mit einem Fuß im Schnee. Als Debra näherkam, sah ich ihren Atem durch das Loch in der Skimaske.

„Die ist auch noch für dich“, sagte sie und gab mir eine 9-mm-Halbautomatik und eine Schachtel Kugeln. Dann zeigte sie mir, wie man den Ladestreifen lädt und wieder entlädt.

„Lass uns nicht alle in die Luft fliegen, Debra“, schrie meine Mutter vom Wagen aus.

„Frohe Weihnachten“, wünschte mir Debra.

„Frohe Weihnachten“, antwortete ich. „Danke für alles.“


Das Haus, in dem Debra mit meiner Großmutter gewohnt hat. Foto mit freundlicher Genehmigung von Janna Sorg

Tante Debra war berüchtigt in dem kleinen Nest in Indiana, wo ich aufwuchs. Seit sie erwachsen war, hatte sie immer wieder Leute bedroht und versucht, sie umzubringen. Meine Großmutter, indem sie ihr eine Pfanne mit heißem Fett an den Kopf warf und ihr später Medikamente beimischte, die sie auf den Stationen für psychisch Kranke und in den Pflegeheimen mitgehen ließ, in denen sie arbeitete. Meine Mutter, die ihr angeblich die Zuneigung anderer streitig machte. Meinen Vater, den sie—wie sie androhte—in seinem Auto mit einem Kugelhagel niederstrecken würde. Ihre Vorgesetzten, die nicht wagten, sie zu feuern, aus Angst, sie würde zum Arbeitsplatz kommen und sie erschießen. „Ich hatte regelrecht Angst vor ihr und vor allem um ihre Patienten“, sagte einer ihrer Chefs zu meiner Mutter. „Ihr Blick war voller Hass.“ Ihre Kollegen, denen sie vorwarf, „ein doppeltes Spiel“ zu spielen und sich gegen sie verschworen zu haben. Fremde Leute auf der Straße, die sie „schief“ ansahen. Auf die Kinder, die auf der anderen Straßenseite spielten, gab sie einmal zwei Schüsse ab, weil sie ihr auf die Nerven gingen. Doch in der ganzen Zeit hat sie nie wirklich jemanden getötet.

Meine Großmutter hatte Debra mit 40 Jahren zur Welt gebracht, ihr erstes Kind, nachdem sie 22 Jahre versucht hatte, schwanger zu werden. Meine Mutter wurde gut ein Jahr später geboren. Sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass mit ihrer älteren Schwester etwas nicht stimmte. „Abends betete ich immer, dass Gott ihr ein bisschen von meinem Glück abgeben möge“, erzählte sie mir. Als Kind hatte Debra Halluzinationen. Sie saß auf einem Stuhl und geriet in Trance. „Selbst wenn man sich vor ihr aufbaute und sie anbrüllte, wachte sie nicht auf“, sagte meine Mutter.

1969, als der Vietnamkrieg auf dem Höhepunkt war, trat Debra in die Armee ein. Dort gewann sie Preise für ihre Treffsicherheit und wurde geschult für die Niederschlagung von Aufständen, psychologische Operationen und unkonventionelle Kriegsführung und nahm an Überlebens-, Flucht- und Ausweichfortbildungen teil.

Vier Jahre später, sie war inzwischen zum Hauptmann befördert worden, wurde Debra in einem Brief von der Armee mitgeteilt, dass sie nicht mehr zum aktiven Dienst herangezogen werden würde. Sie wurde zusammen mit einer Freundin rausgeworfen und kehrte nach Hause zurück.

Nachdem mein Großvater gestorben war, verwandelte sich das Haus, in dem meine Großmutter und Debra lebten, nach und nach in eine regelrechte Festung. Debra brachte Stahlriegel vor Fenstern und Türen an und hortete Benzin in der Garage, nur ein paar Schritte entfernt vom Kohlehaufen auf der Einfahrt. Sie kaufte so viele Waffen, wie sie sich von der Rente meiner Großmutter leisten konnte: 9mm, .45er, Glocks, Schrotflinten, Sturmgewehre und etwa 40.000 Patronenkugeln—Kugeln, die gepanzerte Lkws durchdringen konnten, Kugeln, die selbst unter Wasser funktionierten, und Kugeln, die bei Körperkontakt explodierten.

Meine Mutter rief das Sozialamt an, die Polizei und das FBI, um sie über Debras wachsendes Waffenarsenal zu informieren. Der Sheriff des Ortes drohte an, den Notrufen aus diesem Haus nicht mehr nachzukommen. Seine Beamten hätten schließlich kleine Kinder. „Die Gefahr war zu groß, nur um eine einzelne alte Dame zu retten.“

Meine Großmutter dagegen hatte nichts gegen Debras Waffenanhäufung. Einmal kamen Rettungssanitäter ins Haus, als meine Großmutter krank war. „Das Haus war voller Waffen. Grauenvoll“, sagte mir später einer von ihnen. „Als hätte sie sich auf eine Invasion vorbereitet.“ Ich glaube, es hätte eines Luftangriffs bedurft, um Debra und meine Großmutter mit Gewalt aus dem Haus zu holen.

Inzwischen blieben meiner Familie kaum noch Wahlmöglichkeiten. Um den Kontakt zu meiner Großmutter nicht zu verlieren, erlaubte meine Mutter Debra, uns manchmal zu besuchen. An solchen Tagen, als der Hund zu bellen begann und mein Vater ihren gelben Ford Fiesta unsere Auffahrt hochkriechen sah, sagte er: „Debra ist da.“

In diesem Augenblick ließen wir alles stehen und liegen—Buch, Teller, Kreuzworträtsel—und machten uns auf das Schlimmste gefasst.

Während einer ihrer Besuche im Sommer 1979 spitzte sich die Situation zu. Meine Mutter und Debra hatten telefoniert und sich wegen meiner Großmutter gestritten, die am Telefon schwach und benommen klang.

Debra hatte aufgehängt und war auf dem Weg zu uns. Wir wuss­ten, dass sie immer mindestens zwei Waffen bei sich trug, selbst wenn sie nur die Wäsche aufhängte oder die Post holte.

Meine Mutter ging mit mir in das Schlafzimmer im ersten Stock, das eine Art Balkon hatte, von dem aus man das Wohnzimmer sehen konnte. Sie nahm eine .38er aus der Schublade, gab sie mir und stellte mich hinter ein Möbelstück, von dem aus ich das Wohnzimmer über das Geländer hinweg überblicken konnte. Da war ich 14 Jahre alt. „Sobald Debra ihre Waffe zieht, schießt du“, befahl sie mir.

Debra kam an. Ich beobachtete den Streit durch das Balkongeländer. Im ersten Stock war es heiß und muffig. Ich hielt die Pistole mit beiden Händen fest; sie war in der Nähe meines Kinns. Ich hatte noch nie im Leben eine Pistole in der Hand gehalten. Ich machte mir keine Sorgen darüber, was passieren würde, wenn ich Debra treffen würde, sondern vielmehr, was passieren würde, wenn ich danebenschießen würde.

Nach zehn Minuten beruhigten sich die Gemüter wieder und Debra verließ unser Haus. Meine Mutter kam nach oben, nahm mir die Pistole ab und legte sie zurück in die Schublade.

Kurz nach diesem Zwischenfall fingen bei mir die Albträume an. In einem immer wiederkehrenden Traum war ich der Held. Debra kam zu unserem Haus gefahren und erschoss meinen Vater. Die restlichen Familienmitglieder—meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester und ich—hockten im Wohnzimmer, weinten und flehten sie an, uns am Leben zu lassen. Dann bin ich vorgetreten, habe meine Hand ausgestreckt und gesagt: „Debra, gib mir die Waffe.“

In einem anderen Traum war ich der Feigling. Da war es immer Winter. Debra brachte meine ganze Familie um, bis auf mich. Denn ich konnte entkommen, indem ich aus dem Haus lief und mich in den Wald flüchtete. Ich spürte, wie sie auf meinen Hinterkopf zielte, doch ich rannte immer weiter an den kahlen Bäumen vorbei, kletterte über den Stacheldrahtzaun und raste am Bohnenfeld vorbei zum Haus eines Nachbarn. Ich klopfte fest an die Tür, bis jemand aufmachte, und sagte: „Helfen Sie uns.“

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