Steht uns das afrikanische Jahrhundert bevor?

von Oscar Rickett

Aufschwung Afrikas?

Wenn es um Afrika geht, wird in den Medien eigentlich immer nur davon berichtet: Hungersnöte, Krieg und Krankheiten. 

Seit Kurzem scheint es aber so zu sein, dass sich Afrikas Wirtschaft zunehmend im Aufschwung befindet. Auch die Hungersnöte und Krankheiten werden immer besser eingedämmt. Das Bild von Afrika, wie wir es kennen, scheint sich langsam aber sicher zu verändern. In den letzten zwei Jahren haben sowohl The Economist als auch das TIME Magazine umfangreiche Artikel zum „Aufschwung Afrikas“ veröffentlicht, unter anderem mit zahlreichen positiven Statistiken und Bildern von Kindern, die Drachen in Regenbogenfarben und in der Form des afrikanischen Kontinents steigen lassen. Anstelle der erschütternden Bilder von verhungernden Kindern mit Fliegen im Gesicht sieht man in den Medien immer junge Männer mit Handys in afrikanischen Großstädten.

Aber keine dieser beiden propagierten Vorstellungen entspricht wirklich der Realität. 

Das Problem ist, dass man so einen diffusen und großen Kontinent wie Afrika nur sehr schwer realitätsgetreu darstellen kann. Beide Bilder, die wir im Westen von Afrika haben, haben ihren wahren Kern und stellen die Realität auf ihre Art und Weise dar; die Gemüter ihrer Befürworter und Zyniker erhitzen sie jedoch gleichermaßen. 

Leute, die an den Aufstieg Afrikas glauben, verweisen auf die schnell wachsende Wirtschaftsländer und Demokratien, die zwar fragil sind, aber immerhin funktionieren.

Kritiker jedoch beziehen sich in ihrer Argumentation auf den kenianischen Schriftsteller und Journalisten Parselelo Kantai, der diese Art der Berichterstattung als „heimtückische Fiktion“ abtut, die von großen globalen Unternehmen künstlich kreiert wurde.

Die Idee, dass sich Afrika tatsächlich im Aufschwung befindet, rührt von hohen Wachstumsraten und zunehmenden Auslandsinvestitionen. Zudem schreibt der Economist in seinem Artikel über eine Statistik, die nachwies, dass in den letzten Jahrzehnten sechs afrikanische Staaten unter den zehn weltweit am schnellsten wachsenden Staaten gelistet wurden. Glaubt man der Unternehmungsberatung McKinsey & Company, ist das BIP Afrikas in den 00ern doppelt so schnell gewachsen wie in den 80ern oder 90ern. Plötzlich hat also jeder in Afrika ein Handy und ziemlich guten Empfang obendrein.

Das alte Kolonialspiel: nur die Eliten profitieren

Charles Robertson, Chefökonom bei Renaissance Capital und Autor des Buchs The Fastest Million, macht in seinem Buch auf die Wachstumsraten in Schwarzafrika aufmerksam, die seit 2000 jährlich um 6% steigen; „Viele meinen ja, dass ein Wachstum quasi unvermeidlich ist, wenn man sich auf so einem niedrigem Niveau wie Afrika befindet. Das ist aber vollkommener Schwachsinn. Die Bevölkerung in Schwarzafrika ist zwischen 1980 und 2000 sogar immer ärmer geworden.“ Das Wachstum Afrikas, der zunehmende Handel mit Asien und die steigenden Investitionen haben vor dem Hintergrund einer zunehmenden globalen Sparpolitik stattgefunden. 

Während die Menschen in den südlichen Teilen Europas mächtig zu kämpfen haben, bereichert sich eine Generation in Tansania, Kenia und Äthiopien an ihren Öl- und Gasvorkomnissen. Sogar Somalia und Somaliland könnten aus dieser Situation Profit schlagen—vorausgesetzt sie suchen weiterhin nach neuen Ressourcen.

Dieser Reichtum ist allerdings sehr einseitig, und genau hier liegt auch das Problem. Patrick Smith, Herausgeber von Africa Confidentialmeint, dass die Afrikaner in ihrem eigenen Land keinen wirklichen Nutzen aus dem Geschäft ziehen. Parselelo Kantai sagt dies auf eine noch direktere Art: „Auf diesem Kontinent werden in letzter Zeit massiv Rohstoffe abgebaut, und dieser Abbau wird hauptsächlich von der chinesischen Nachfrage angetrieben. Da aber hauptsächlich Rohstoffe aus dem Land getragen werden, und in Afrika selbst kein Nutzen gezogen wird, profitiert nur die Elite davon, die Chinesen und die Menschen im Westen. Es ist ein weiteres Gerangel um Afrika.“

Smith und Kantai beschreiben ein Phänomen, das man gut kennt: Eine elitäre Minderheit (oft selbst nicht aus Afrika) profitiert eben von jenen natürlichen Rohstoffen eines Landes, die andere Nationen brauchen. Diese Elite trägt vielleicht nicht immer Tropenhelme und trinkt Tee, aber es ist trotzdem genau das gleiche Spiel mit dem Kolonialismus. 

Produktion und Dienstleitungen gibt es nicht 

In seinem herausragenden (aber viel umstrittenen) Werk The Myth of Africa's Rise bezieht sich Rick Rowden eben auf dieses Phänomen und macht deutlich, wie Afrikas aufstrebende Verfechter das Thema Produktion“ nicht einmal erwähnen, oder besser gesagt die Tatsache, dass in Afrika eigentlich so gut wie nichts produziert wird. Ein Bericht der UN hat erst kürzlich gezeigt, dass die Produktion in vielen Teilen Afrikas stagniert und in 23 Staaten bereits zurückgeht. Glaubt man Rowden, wissen die wohlhabenden Nationen sehr wohl, dass sich ein Land sicherlich nicht im Wachstum befindet“, solange es nicht den Absprung von sinnlosen und unprofitablen Geschäften (hauptsächlich Landwirtschaft und Rohstoffgewinnung) hin zu ertragreicheren Geschäften schafft (wie zum Beispiel Produktion und Dienstleistungen).

Wie Lucy Corkin, Mitarbeiterin der Rand Merchant Bank, aber schon festgestellt hat, „wird es uns auch nicht weiterhelfen, sollte Afrika endlich in die Produktion einsteigen. Das Spiel hat Asien bereits gewonnen. Afrika sollte sich viel mehr auf den Dienstleistungssektor konzentrieren, der immerhin eine natürliche Ressource Afrikas nutzen würde—die Menschen.“ In diesem Punkt widerspricht sie Rowden zwar, die Frage bleibt aber immer noch dieselbe: Wenn so viele Afrikaner tatsächlich nicht von diesem sogenannten wirtschaftlichen Wachstum profitieren und Afrika auch nicht endlich in seinen eigenen Wachstum investiert, wird Afrika in den nächsten Jahren wirklich wachsen?

Die nigerianische Romanautorin Chika Unigwe hat mir erklärt, dass „Rohstoffe und vor allem der Zugang zu Dienstleistungen in Afrika sehr ungleich verteilt sind.“ Nigeria beispielsweise verfügt zwar über ein starkes und wachsendes BIP, hat dies allerdings hauptsächlich der systematischen Ausbeutung des Nigerdeltas durch Ölfirmen zu verdanken.

Diese Werbung von Chevron zum Beispiel verwendet die Idee eines „wachsendes Afrikas“ gekonnt für sich, in dem es den Zuschauer glauben lässt, der Konzern würde dabei helfen, „Welten zu erweitern“. Ersetzt man Letzteres allerdings mit „wir helfen dabei, Welten zu zerstören" und „zerstören damit auch systematisch die Umwelt, und schrecken auch nicht davor zurück, Politiker und Warlords zu bestechen“, hätte man zwar eine etwas weniger nutzerfreundlichere, aber wesentlich zutreffendere Werbung. Für Konzerne wie Chevron, Shell oder BP würde ein Aufstieg Afrikas eigentlich nur die Gelegenheit bieten, noch mehr Geld zu verdienen.

Afrika muss lernen zu verhandeln—dann wird es auch gewinnen

Vieles deutet aber darauf hin, dass die Staaten anfangen, ihre Ressourcen auch selbst zu verwenden—wie in Ghana zum Beispiel. Die Energie wird nicht weiterhin nur von Afrika in den Westen fließen. Patrick Smith bestätigt diese Annahme und erklärt, dass es mittlerweile mehr als nur den einen, alten Weg gibt. Früher hieß es: „Sobald du Öl findest, rufst du Shell an.“ „Jedes Land investiert in seine eigene Entwicklung, wieso sollten wir das also nicht auch tun?“, fragt Kantai. 

Stephen Chan, Professor an der School of Oriental and African Studies in London und Autor des Buches The Morality of China in Africa, sieht der Zukunft Afrikas hoffnungsvoll entgegen. Er ist fest davon überzeugt, dass Afrikas Jahrhundert kommen wird: „Afrika wird lernen, wie man mit China verhandeln muss. Wir haben ein interessantes Jahrhundert vor uns, China wird zwar weiterhin an der Spitze stehen, aber Afrika wird zunehmend an Macht gewinnen. Afrika ist bei den Rohstoffen klar im Vorteil, sobald es aber auch noch die eigene Produktion zum Laufen bringt, wird der Kontinent alle Karten in der Hand halten.“

China stellt sich mit seiner Ein-Kind-Politik und seiner alternden Bevölkerung quasi selbst ein Bein und wird in Verhandlungen mit Afrika in Zukunft wohl die Oberhand verlieren. Afrikas Bevölkerung wird sich zudem bis 2050 verdoppelt haben. Und es gewinnt mormalerweise die Mannschaft mit den meisten Spieler. 

 

Das allgemeine Bild von Afrika ist viel zu vereinfacht und banal

Dieses neokolonialistische Bild, das wir im Westen von China und seinem Verhalten gegenüber Afrika haben (das wir uns bequem zurecht gelegt haben), ist allerdings trotzdem ein wenig überzogen. Denn der Wachstum Afrikas wird nicht ausschließlich von wirtschaftlichen Faktoren abhängen. Wie ich bereits erwähnt habe, hat das Bild, das die Medien momentan von Afrika propagieren, vor allem mit der Finanzwirtschaft zu tun.

Elliott Ross, der für Africa is a Country schreibt, eine Website, die das oftmals verschobene und herablassende Bild, das viele im Westen von Afrika haben, kritisiert, kommentierte wie folgt ein Video, das Afrikaner (genauer gesagt Kenianer) in einem positiven Licht darstellen soll: „Brauchen wir wirklich diesen Mist von wegen positives Image? Bestenfalls ist es ein notwendiges Mittel, um die Dinge richtig zu stellen, aber diese ganze PR rund um Afrika wird langsam langweilig. Es ist herablassend und letztendlich kann es dieses alteingesessene Bild nicht ändern, das der Westen vom Kontinent hat." 

Das gleiche erzählte mir auch Mary Harper, die Herausgeberin des BBC-Auslandsprogramms für Afrika. Für sie ist das ganze Gerede um das aufstrebende Afrika nur die zweite Seite einer Medaille und somit das Gegenstück zu den ganzen Bildern von verhungernden Kindern: „Der Westen versucht einfach nur, panisch aufzuholen, was er verpasst hat. Sie haben erst jetzt gemerkt, dass man mit dem postkolonialen Afrika auch Geld verdienen kann. Beide Bilder von Afrika sind einfach nur herablassend und berücksichtigen nicht, wie komplex die Situation eigentlich ist. Probleme wie der wachsende Islamismus, unbeugsame Führungskräfte und die vielen Kämpfe im Land werden einfach ausgelassen."

 

Afrika ist nämlich nichts anderes, als eine Möglichkeit, wie wir uns gut und gönnerhaft fühlen"

Der bekannte Schriftsteller Teju Cole nennt das den „white saviour industrial complex", den industriellen Komplex der weißen Retter, den er auf seinem Twitter-Account erklärt: „Der weiße Retter duldet morgens brutale Politik, gründet nachmittags eine Hilfsorganisation und bekommt abends dafür eine Auszeichnung.“ Gerade dann, wenn sich der Westen in die Zukunft Afrikas einmischen will, sollte man sehr vorsichtig und vor allem skeptisch sein. Afrika ist nämlich nichts anderes als unser Weg, uns gut und gönnerhaft zu fühlen.

Ob Afrika in Zukunft an Macht gewinnen wird, hängt aber nicht nur von anderen Länder ab. In letzter Zeit gewinnt der Islam immer mehr Macht in den östlichen Gebieten von Kenia und Somalia und dringt bis in den Osten Nigerias vor. Die Kämpfe in Mali bezeugen das, und machen umso deutlicher, dass Religion wohl nirgends ein so kontroverses Thema ist wie in Afrika. Das könnte sich in Zukunft aber ändern. 

Die unerbittliche Profitmacherei—sowohl emotional als auch finanziell gesehen—wird auch in den nächsten Jahren so weitergehen. Damit Afrika wachsen kann, müssen die Afrikaner Kontrolle über ihre Rohstoffe gewinnen und ein für alle mal dafür sorgen, dass „Gleichheit" und „Machtverteilung" keine Fremdwörter mehr sind. 

Im Westen ist „Wachstum" oft einfach nur gleichbedeutend mit dem Siegeszug freier Marktwirtschaften und einer ungleichmäßigeren Verteilung von Macht und Recht. Der Elite Afrikas und den westlichen Firmenbossen würde das vielleicht gerade Recht kommen, den einfachen Menschen in Afrika bringt das aber herzlich wenig.

 


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