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      Ich fraß meine Nachgeburt

      December 28, 2012

      Von Anissa Radina

      Gelangweilt davon, immer nur Nudeln mit Butter zu fressen, suchte ich einige kulinarische Blogs nach Alternativen ab und stieß auf einige wirklich zweifelhafte Rezepte, wie etwa Sachen von Jamie Oliver oder Smoothies aus Plazenta. Erstmal dachte ich, das wäre eine exotische Frucht, die ich einfach nicht kenne, doch dann wurde mir klar, dass Plazenta eben Plazenta bedeutet: das Organ, das den Fötus mit Wasser, Sauerstoff und Nährstoffen während der Schwangerschaft versorgt und gleichzeitig der Beweis dafür ist, dass Schönheit nicht zwangsläufig ein innerer Wert ist.

      Nach einer kurzen Recherche auf Google musste ich dann feststellen, dass das Verspeisen der Plazenta ein stinknormales Ritual in China ist, und es sich auch in den Vereinigten Staaten und Deutschland immer größerer Beliebtheit erfreut. Der organähnliche Blutklumpen kann wohl roh, gekocht oder frittiert oder auch als gefriergetrocknete Kapseln zu sich genommen werden.

      Meine Neugier übernahm nun das Ruder und ich suchte Websites für Schwangere nach einer Mutter ab, die mir etwas darüber erzählen konnte, wie es so ist, etwas zu essen, das neun Monate im eigenen Leib gereift ist. Nach vielen Absagen stieß ich auf eine junge Mutter namens Marie (Name geändert), die für ein Interview bereit war.



      VICE: Hi, es freut mich, dass du mit mir reden willst, ich habe viele Absagen bekommen.  
      Marie: Ich habe auch gezögert. Es ist ein sehr intimes Thema.

      Wie bist du darauf gekommen, deine Plazenta zu essen?  
      Da ich bei der Geburt meiner Katzen mit dabei war, konnte ich beobachten, wie sie ihre Plazenta fraßen, und da fragte ich mich einfach, warum ich das nicht tue? Alle Säugetiere, selbst Pflanzenfresser, essen ihre Plazenta. Meiner Meinung nach muss es dafür einen Grund geben. Ich stellte also Nachforschungen im Netz an und musste feststellen, dass ich nicht die einzige mit diesem Gedanken bin.

      Hast du mit jemandem über dein „Projekt“ gesprochen?
      Mein Ehemann wollte davon nichts hören. Er sagte mir, dass er es ekelhaft finden würde und mich mit anderen Augen sehen würde. Ich sprach auch mit meiner Hebamme, die mir all die Vorteile aufzählte. Das Ding ist voller Hormone und Vitamine, kurz und knapp: genau das, was du nach einer Geburt brauchst.

      Und hatte es den gewünschten Effekt?
      Meine Geburt dauerte 29 Stunden. Mein Kind wurde um 5 Uhr morgens geboren und Mittags war ich wieder auf den Beinen.  

      Wow. 29 Stunden. Und wie lief das mit der Plazenta ab?
      Als das Baby erstmal draußen war, war ich euphorisch. Die Hebamme fragte mich, ob ich noch immer die Plazenta essen will. Ich besprach mich mit meinem Ehemann, doch er zögerte. Sie belehrte ihn also, und am Ende gab er nach.  

      Ist das eigentlich legal?
      Warum nicht? Ich glaube nicht, dass es ein Gesetz dagegen gibt. Warum sollte man jemanden davon abhalten, die eigene Plazenta zu essen?  

      Ja, klingt logisch. Von einem kulinarischen Standpunkt aus betrachtet ... ist es gut?
      Ja. Wirklich. Es schmilzt dir auf der Zunge.

      Du hast sie aber nicht selber gekocht, oder? Ich habe etwas über Plazenta-Smoothies gelesen.  
      Nein, und ich glaube, es lag daran, dass ich nach 29 Stunden Stöhnen, Schreien und Schmerzen keine Lust mehr hatte, mich an den Herd zu stellen.  


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      Themen: Planzenta, Geburt, Kinder, Essen, Ernährung

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