Tage des Donners in Gatebil

von Felix Nicklas

Gatebil ist kein Rennen im eigentlichen Sinn, es ist lodernder Wahnsinn, in den man noch ein paar Kanister Benzin schüttet. Wer nicht selbst vor Ort war, der hat keine Ahnung. Das einzige, was er tun kann, ist, seinen Kopf mehrmals gegen eine Wand zu hämmern, bis sich der anfängliche Schmerz in ein Gefühl der Taubheit verwandelt. Dann erst sollte man weiterlesen.



Ob man nun keinerlei Interesse an Autos hat oder ein manischer Enthusiast ist, spielt keine Rolle, denn Gatebil hat etwas an sich, das einen hinterrücks überrumpelt, begeistert, Furcht einflößt und schließlich ausknockt.



Die Anzahl an Autos, die sich an diesen vier Tagen des Donners auf der Rennstrecke etwas außerhalb von Oslo auf der Strecke erbitterte Duelle liefern, ist das erste, das einen überwältigt. Jede freie Ecke auf der und um die Rennstrecke ist okkupiert. Rennwagen, Fußgänger, Ölflecken, zerfetzte Reifen, Schrauben, Benzintanks, Vergaser, ganze verdammte Motorblöcke liegen in der Gegend verstreut, als wäre eine IED neben einem Konvoi durch den Irak explodiert. Es ist das schiere Chaos, das mit dem stechenden Geruch von brennendem Gummi und dem andauernden, metallischen Kreischen von Autos, die an ihre Limits gebracht werden, unterstrichen wird. Die Lautstärke ist ohrenbetäubend.



Steht man direkt an der Rennstrecke, fragt man sich manchmal, was dort überhaupt vor sich geht, da man wegen der Schwaden, die durch die rauchenden Reifen entstehen und aus denen unvorhersehbar und urplötzlich Autos—manche erschreckenderweise quer—hervorschießen, nicht mehr viel sieht. Das Kriterium, ein Auto für Gatebil zu bauen, ist, dass es driftet, dass man damit die Kontrolle verlieren kann, um es dann, kurz bevor es sich in einem Tornado aus reißendem Metal in die Betonmauer bohrt, im letzten Moment wieder abzufangen. Alles in Gatebil driftet. Wirklich alles.



Wie immer, wenn alles erlaubt ist, geht irgendwann unweigerlich etwas schief. Die ganze Strecke ist ein Spielplatz für Verrückte, die das Leben ebenso wie die Gaspedale ihrer 600 PS starken, getunten Monster mit Füßen treten. Kaum einer der Wagen übersteht mehr als drei Runden, bevor sich die Reifen mit einem ohrenbetäubenden Knall verabschieden.
Fliegen erstmal die Reifen durch die Luft, erwischt es ab und zu auch die ganze Karre. Endlose Reihen verstümmelter Autos schieben sich durch die Boxengasse, um mit etwas Panzertape und Kabelbinder wieder fit für die Strecke gemacht zu werden.



Noch nie habe ich Autos gesehen, die einem bereits von außen Schauer durchs Rückgrat jagten. Benzintanks, die neben Lachgasflaschen und offenen Kabelsträngen montiert waren. Offene Motoren, deren Drehzahl bis weit hinein in den roten Bereich hochgejagt wurde, so das man meinen konnte, dass gleich einer der Kolben in hohem Bogen in den norwegischen Himmel fliegen würde. Die Furcht vor schrecklichen Verletzungen, Verbrennungen, Nicki Lauda war allgegenwärtig.



Es war klar, dass dort irgendetwas vollkommen Kaputtes, aber auch absolut faszinierend Grässliches abging, das wohl nur wenige Eingeweihte in seiner ganzen Schönheit erfassen konnten, aber ich wollte es mir geben. Die Karren sollten es mir besorgen, bis ich auch verstehen würde, weshalb sich Menschen in mit Klebeband zusammengehaltenen Karren und zig Stundenkilometern durch Kurven schleudern.  



Buttsy Butler, Teamfahrer von Monster Energy, ließ mich in seinen Wagen steigen, um mir zu demonstrieren, was Fliehkräfte, gepaart mit viel zu vielen PS, so drauf haben. Ich hatte ja gleich so eine hammergeile Angst ...

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