Ein Interview mit dem Befehlshaber der größten FSA-Brigade in Aleppo

von Robert King

VICE hat sich an den Foto- und Videojournalisten Robert King gewandt, um angesichts der verwickelten Situation in Syrien endlich zum Kern der Sache vorzudringen. Robert besitzt ein Herz aus Gold, ein außergewöhnliches Bauchgefühl und Eier aus reinem Lonsdaleit (einem höchst seltenen Mineral, 58 Prozent härter als ein Diamant). Seit mehr als zwei Jahrzehnten berichtet er über die unbeständigsten Orte dieser Welt, darunter den Irak, Albanien, Afghanistan, den Kosovo und viele andere. Wir wollen hier nicht darauf eingehen, was er schon alles gemacht und wo er gewesen ist, denn die nächsten 20 Seiten Reportage, die er uns geschickt hat, sprechen für sich. 


28. August 2012: Der ehemalige Händler Abdul al-Kader, besser bekannt als Hadschi Mara, kommandiert die größte Brigade der FSA-Kämpfer in Aleppo.

Interview mit Hadschi Mara, Befehlshaber der größten FSA-Brigade in Aleppo

VICE: Wie geht es deinen Leuten?
Hadschi Mara:
Um ehrlich zu sein, können wir mit der Armee absolut nicht mithalten. Die Armee verfügt über gut ausgerüstete Soldaten, Flugzeuge und Waffen. Wir haben nur Kalaschnikows. Ein Schuss trifft, der nächste geht daneben. Doch trotz alledem halten wir mittlerweile 60 bis 70 Prozent von Aleppo. Und dieses Opfer hat die höchste Priorität. Natürlich ist unser Hauptanliegen vor allem Gott und dann kommen die Nöte der jungen Menschen.

Was kannst du den Menschen in Amerika und Europa und auf der ganzen Welt über eure Bewegung erzählen?
Zunächst einmal möchte ich eine Botschaft an alle politischen Führer in der Welt schicken. Sie alle sollten sich schämen. Die Schande steht ihnen auf die Stirn geschrieben, denn jeden Tag werden unsere Frauen und Kinder getötet und sie rühren sich nicht. Wir kümmern uns nicht länger um die Führer dieser Welt. Wir senden unsere Botschaft an die normalen Menschen, Menschen mit einem Gewissen. Wir wollen jetzt Stellung beziehen. Wir Menschen sind Brüder. Also lasst uns Stellung beziehen, klare Stellung für die Menschen, die jeden Tag ermordet und niedergemetzelt werden. Stellt euch einen Bürger vor, der Brot kaufen will, und dann wird die Bäckerei bombardiert. Ist das Ordnung? Wenn du jetzt nachschauen würdest, würdest du die Menschen auf den Straßen schlafen sehen. Und nach alledem bleiben die Leute still? Warum? Wo bleibt die Seele? Wo bleiben die Moslems? Meine Botschaft ist eine Aufforderung, wirklich Stellung für diese Leute zu beziehen, damit ihre Stimmen die Ohren der unterdrückerischen Herrscher erreichen.

Was bedeutet Freiheit in deinem Land für dich?
Wir haben die Revolution natürlich begonnen, weil wir Freiheit wollten. Diese Freiheit soll für uns alle gelten. Freiheit, meine Religion ausüben zu dürfen und meinen Pflichten nach Gottes Willen nachzukommen, ohne dass jemand etwas dagegen hat. Meine Freiheit besteht darin, überall mitzumachen. Wir sind nicht klein. Von klein auf wurde uns gesagt: „Sei still, mein Sohn, die Wände haben Ohren.“ Von klein auf wussten wir über dieses Grauen Bescheid. Wir sind mit diesem Grauen aufgewachsen. Das müssen wir durchbrechen. Wir möchten leben wie alle anderen Menschen.

Was kann die Weltbevölkerung tun, um Syrien zu helfen?
Sie kann eine Menge tun. Sie kann herauskommen und protes­tieren und die weltweiten Organisationen missbilligen, die sich nicht bereiterklärt haben, dem syrischen Volk zu helfen; sie kann ihre Regierungen zwingen, etwas zu tun.

Es gibt zahlreiche Gerüchte, dass hier in Aleppo Ausländer an eurer Seite kämpfen. Was sagst du zu den Berichten, die FSA bestünde aus Extremisten?
Mein Bruder, die Freie Syrische Armee und die Revolutionäre stammen alle aus Syrien. Aber natürlich wirst du hier auch andere finden, Leute, die sich entschlossen haben, hierherzukommen, um ihre Brüder zu unterstützen. Sie stammen aus Tunesien, Libyen und anderen Ländern. Aber von ihnen gibt es nur wenige. Möge Gott mit ihnen sein, das sagen wir ihnen. Was die Revolutionäre angeht, so sind es syrische Revolutionäre, verstehst du? Sie sind Revolutionäre, die von diesem Boden stammen. Und du bist mit der Kamera hier und siehst, was vor sich geht. Es gibt unter den vielen Hunderten vielleicht ein paar Ausländer. Das heißt aber nicht, dass die gesamte Freie Syrische Armee aus ausländischen Kämpfern besteht.

Wann hast du beschlossen, dich der Revolution anzuschließen?
Ich habe zunächst friedlich demonstriert. Die jungen Leute hatten Olivenzweige in der Hand. Dann begann man, die Jugend unter Beschuss zu nehmen und anzugreifen. Danach konnten wir keine Engel mehr bleiben. Sechs oder sieben Monate lang haben wir nicht einmal daran gedacht, zu den Waffen zu greifen. Wir dachten, „unseren Baschar“ würde das gleiche Schicksal ereilen wie Husni Mubarak und Ali Abdullah Salih. Wir dachten, die Revolution sei in einigen Monaten vorbei. Aber wie sich herausstellte, hatten wir keinen Präsidenten, sondern einen Mörder. Und dieser Mörder griff zu den Waffen und die einzige Option, die wir haben, ist zu den Waffen zu greifen und ihn aus dem Amt zu jagen.

Wie wurdest du Befehlshaber?
Ich halte mich nicht für einen Offizier. Ich bin ein Diener und Bruder. Wir sind nicht wie andere Organisationen, wo ich nur im Vorbeigehen winke. Nein, ich stehe Seite an Seite mit meinen Männern und töte mit ihnen, um dieses Regime zum Schweigen zu bringen. Auch hier befinden wir uns in nur 200 Metern Entfernung vom Schlachtfeld. Was meine Ernennung anbetrifft, so waren es die Brüder, die mir den Titel großzügigerweise verliehen haben. Sie waren es, die mir diese Position zugedacht haben.

Was hast du vor, wenn ihr die Revolution gewinnen solltet?
Ich werde mich etwas ausruhen. Ich werde langsam müde. Seit etwa einem Monat stehe ich unter dieser Anspannung. So Gott will, kümmern wir uns um die Lage des Landes. So Gott will, wird die Lage stabil sein, denn die Menschen und ihre Sicherheit liegen mir am Herzen. Wie du siehst, herrscht immer noch Unterdrückung. Es gibt Opportunisten, die sich auf den Namen der Revolution berufen. Aber diese Leute sind Lügner und Kriminelle. Wir kämpfen und sie kommen hinterdrein und stehlen. Wir werden sie der Gerechtigkeit zuführen. Wir werden erst ruhen, bis wir sie der Gerechtigkeit zugeführt haben und die Lage sich stabilisiert hat. Dann werde ich versuchen, meine alte Arbeit wieder aufzunehmen.

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