Das Pompeji der Karibik

von Alex Hoban

Der Mini-Inselstaat Montserrat gehört immer noch zu dem Teil der Karibik, von dem sich die Queen einfach nicht richtig trennen kann. Bis heute ist die Insel britisches Überseegebiet. Die Hauptstadt Plymouth wurde ganz nach dem Geschmack der dekadenten, verwöhnten Aristokraten der damaligen Zeit errichtet. Einst leisteten hier westafrikanische Sklaven Knochenarbeit, damit sich die Staatskassen des Empires füllten.

Als die Briten im 17. Jahrhundert kamen und die Insel besiedelten, übersahen sie ein kleines Detail: Sie errichteten ihr Paradies am Rande eines unglaublich riesigen Vulkans. Dieser hatte jahrhundertelang geschlafen, bis er schließlich 1995 ausbrach und die Insel verwüstete. Die darauffolgenden Eruptionen machten zwei Drittel des Landes unbewohnbar. Die betroffenen Gebiete sind seitdem von der lokalen Regierung überwachtes Sicherheits-Sperrgebiet, und die dort lebende Bevölkerung musste Montserrat verlassen oder in die bisher unversehrte Nordspitze der Insel umsiedeln. Seit dem letzten Ausbruch im Jahr 2010 und angesichts der 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit eines weiteren Vulkanausbruchs im kommenden Jahr scheint es unabwendbar, dass Montserrats Riesenpickel bald auch den Rest der Insel mit seinem heißen Magma-Ausfluss überziehen wird.

Weil ich die gespenstischen Ruinen von Montserrat selbst sehen wollte, charterte ich im nahegelegenen Antigua einen Hubschrauber. Antigua ist die Insel der Kleinen Antillen, die bei Touristen beliebt und von ihnen allerorts ziemlich belebt ist, sie ist das Steuerparadies der Inselkette und ein Hotspot für Promis auf Entzug. Als wir uns von Osten her Montserrat näherten, sahen wir anstelle der ehemals vielbelebten Küstenlinie eine von tiefen Kratern überzogene und von narbenartigen Tunneln zerfurchte vulkanische Mondlandschaft. Der Pilot erklärte mir, dass es unter der dünnen obersten Schicht des Erdbodens von Montserrat immer noch brennend heiß sei, was meinen Traum vom Nachmittagsspaziergang durch die Aschefelder zerstörte.

Die Schwaden, die aus dem Vulkan kamen, wurden immer dichter, je näher wir kamen. Im letzten Moment, bevor wir ganz von Wolkenschleiern und Asche verschluckt wurden, lenkte der Pilot über der Vulkanlippe um, und wir folgen dem Berghang hinunter über einige verlassene und überwucherte Hütten, zwischen denen die Überreste eines abgebrannten Waldes wie Zahnstocher hervorragten.

Dies sind Bilder von Plymouth‘ pompejihafter Landschaft. Dort der versunkene Kirchturm einer Kathedrale, da der ehemalige Wohnsitz des Gouverneurs, und hier die Filiale einer Bank.

Als wir uns dem näherten, was einmal die High School von Plymouth gewesen war, konnte ich Reihen von blauen Schulstühlen erkennen. Der Pilot erzählte mir, dass die Schüler nur Tage nach dem ersten Ausbruch zurückgekehrt waren, um die Schäden zu beseitigen und Normalität wiederherzustellen. Doch am folgenden Tag brach der Vulkan erneut aus.

Nach der Katastrophe von 2010 konnten die meisten Menschen von Montserrat die britische Staatsbürgerschaft annehmen und nach England auswandern. Geblieben sind einige tausend Bewohner im Norden der Insel, deren Wirtschaft hauptsächlich auf dem Abbau von seltenen Mineralstoffen aus der Vulkanasche besteht. Gelegentlich dürfen sie—begleitet von Sicherheitsleuten—zurück in das Sperrgebiet, um die Überreste ihrer Häuser aufzusuchen und nach ihrem zurückgelassenen Hab und Gut zu suchen, oder denen zu gedenken, die dort ihr Leben verloren.

Selbst zu seinen Blütezeiten war Monserrat eher ein kleines Licht in der Karibik und seine Einwohner haben sich offenbar bemerkenswert gut an die starke Dezimierungen ihres Lebensumfelds anpassen können. Das Leben auf der grünen Insel geht weiter, die Lokalzeitungen bringen immer noch die neuesten Nachrichten und berichten von den Skandalen, die mit der Arbeitslosigkeit, den Fördergeldern und dem Immobilienhandel, wie sie auch in jeder anderen Gesellschaft vorkommen, einhergehenden, als hätte es nie irgendeine Katastrophe gegeben. Nach der kurzen Besichtigung der Sperrzone aus nächster Nähe flogen wir über das Karibisches Meer zurück Richtung Antigua, zurück in die bildschöne und sichere Postkarten-Einöde.

Kommentieren