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      Urlaub in der Ukraine Teil 8

      November 12, 2012

      Stefanie und ihr Freund sind per Autostopp durch die Ukraine gereist. Am Anfang ist ihnen das Leben auf der Straße ja noch ein klein wenig schwer gefallen. Fragen, wie wo scheißen, wo waschen und wo schlafen waren da noch ranghöher. Nachdem sie in der Ukraine aber so viele nette Menschen getroffen haben, finden Stefanie und ihr Freund immer mehr Gefallen an ihrem Roadtrip. Sogar zum Autostoppen sind die beiden mittlerweile zu faul und nehmen meistens den Bus. Das ist vielleicht nicht schneller, aber immerhin nicht lebensgefährlich. Nach ihrem Stop in Czernovic geht es weiter nach Odessa. Nach ein paar Tagen trennen sich die beiden aber, weil A. schon mal nach Uman fahren will, um dort die Lage auszuchecken bevor Rosch ha-Schana, der jüdische Neujahrstag beginnt. 

      A. hat sich mittlerweile gemeldet und so mache ich mich am nächsten Morgen um 5 Uhr früh durch die noch schlafende, dunkle Stadt auf den Weg zum weit entfernten Busbahnhof und weiter nach Uman. Als allein reisende Frau ohne Russischkenntnisse errege ich noch mehr Aufmerksamkeit als mit A., und die Busfahrer kümmern sich rührend engagiert um mich, weil ich verwirrt und debil wirke. Gegen Mittag komme ich an und gehe zum mit A. ausgemachten Treffpunkt.

      Noch habe ich vor allem Ukrainer gesehen, aber hier auf der Hauptstraße spazieren schon die ersten orthodoxen Juden in ihren traditionellen Gewändern vorbei und beten laut vor sich hin, ich bin ganz aufgeregt - fremde mystische Welt. Von weitem sehe ich A. auf mich zukommen, er trägt Kipa und ich fühle mich wie bei einem Klassentreffen. Was hast du all die Jahre gemacht, altes Haus? Was hast du alles erlebt? 

       

      Er erzählt mir, er würde für 40 Dollar die Nacht bei einem Typen namens Sascha in einer Garage schlafen. Der Typ sei ein bisschen suspekt, er ist auftrainiert, hat eine Glatze und immer wenn er bis jetzt aus dem Haus auf die Straße gegangen ist, haben die Nachbarn nervös zu murmeln begonnen „Oh, Sascha, schau, Sascha. Sascha kommt.“ Er erzählt, er hätte einen jungen New Yorker kennen gelernt, durch den er gestern bei einem Rabbiner in einem Haus zum Essen eingeladen war, ein uralter Typ mit langem, weißen Bart, der versunken in einem Sessel saß, schwieg und dabei so aussah, als hätte er eine Million Bücher gelesen. Das Essen wurde in Kanada zubereitet und extra per Flugzeug importiert und obwohl er selbst Jude ist, hatte er Angst, bei dem extrem ritualisierten Verzehr der Speisen irgendeinen fatalen Fehler zu machen. Er hätte auch schon ein paar wenige Frauen gesehen, die Straße, die zu Rabbi Nachmanns Grab führt, zu dem alle pilgern und in der sich die Zelte und Gebetsräume befinden, sei abgesperrt, aber hin und wieder würden schon auch ukrainische Frauen zu ihren Wohnhäusern durchgehen und ein, zwei Jüdinnen hätte er schon gesehen, diese würden sich aber betont abseits halten. Am ersten Abend hätte es ziemlich geschüttet und daher hätte er ein paar israelischen Hippies ohne Unterkunft in seiner Garage Unterschlupf gewährt. Sie trugen Batikkleider, Hippietücher, meinten, die Westbank gehöre den Israelis und spielten ultranationalistische Lieder auf ihrer Hippiegitarre. Sascha hätte diese ungefragte Einquartierung nicht so gefallen und am nächsten Tag hat er bei ihnen ordentlich abkassiert.

      A. sagt, er hätte sich mehr interessante Diskussionen über Glaubensgeschichte, Spiritualität und so erwartet, sei aber mittlerweile etwas enttäuscht und gelangweilt davon, ständig mit allen darüber zu reden, wie org es ist, Jude zu sein.

       

      Rosh ha-Schana in Uman: Hier liegt das Grab von Rabbi Nachmann, eine wichtige Figur des Chassidismus. Hier pilgern zu Rosh ha-Schana ca. 30.000 Juden hin, weil er vor seinem Tod dafür Seelenheil versprochen hat. Rosh ha-Schana in Uman wird auch das jüdische Woodstock genannt, denn chassidische Gottesdienste sind im Gegensatz zum streng reglemtierten Leben nicht besonders andächtig, sondern extrovertiert, mit wilden Tänzen, Wein, lauten Gesängen, wird exzessiv bis in die Nacht gefeiert (zu der Meldodie von „Numa Numa“, „Rabbi Nachmann“ gesungen, großartig, ich stelle mir vor wie Muslime zu Scooters „Fire“, „Allah“ schreien) und jeder betet in unterschiedlichem Tempo laut für sich vor sich hin. Aber nicht nur unter den religösen, sondern auch unter säkularen Juden ist es zu einem populären Reiseziel geworden, die Motive sind allerdings nicht so klar. Vielleicht deshalb:

       

      Wir betreten das Gelände, ich bin total nervös und nicht sicher, ob ich nicht jeden Moment gelyncht werde. Wir landen auf einem weit entfernten Planeten. Es sind tatsächlich ausschließlich Männer unterwegs, eine gigantische Schar orthodoxer Juden mit ihren crazy Outfits, verschiedensten Styles von Schläfenlocken und Hüten und Pelzhauben, wilden Bartkreationen, altmodischen Anzügen oder weiten Gewändern. A. meint, ich soll darauf achten, wie jeder seinen ganz individuell Interpretation hat, es wäre einen eigenen Fashionblog wert, gucci hashanah. Alle gehen auf und ab, durch das langsame Flanieren, die Hitze und die weiten weißen Gewänder, die die meisten heute tragen, wirkt alles zeitlupenhaft, orientalisch und extrem trippig .

      Man sieht aber außer den traditionell gestylten auch viele testosteronträchtige israelische Prolojuden mit Kipa, Pornobrillen und Jogginganzug (Jammi), Hippiejuden mit indischen Tüchern und erleuchtet- bekifftem Blick, New Yorker Hipster Juden, Businessjuden, kleinen, großen, dünnen, dicken, schwarzen, weißen Juden, wo man hinschaut jüdische Männer. A. meint, es hätte in den Vorjahren auch Queerjuden gegeben, die rosa Kipa trugen. Die Leute sind aus Israel, den U.S.A, Kanada, viele Südafrikaner, Australier und Franzosen, die meisten kommen von weit her. Je weiter wir gehen, desto größer wir das Gewusel, alle spazieren, beten oder tratschen, immer wieder sieht man herzliche Begrüßungsszenen, ein Mann mit riesiger Wampe geht mit leicht zurückgebeugten Oberkörper und offenen Armen auf jemanden zu und schreit „SCHLOMOOO!“

       

      Da Feiertag ist tragen heute die meisten weiß statt schwarz, es erinnert an Bilder, die man aus Mekka kennt. A. erzählt, gestern wäre hier überall Musik aus den Boxen gekracht und alle hätten wüst abgeshaket. Ich ärgere mich, dass er mir nicht früher Freifahrt gegeben hat, da ich ohnehin schon als Frau da bin, möchte ich nicht auch meine Kamera auspacken, da heute ja auch Elektrizität verboten ist und A. meint, ich solle es auf gar keinen Fall tun. Ich weiß nicht ob es übertriebene Ängstlichkeit ist oder ob er Recht hat, also lasse ich es, was bei diesen Wahnsinnseindrücken sehr weh tut. Anscheinend zählen auch Feuerzeuge zu den verbotenen Dingen. Als wir eine Tschick rauchen, kommen sofort 15 Leute auf uns zu und möchten ihre daran anzünden.

       

      Dass ich als Frau hier herumspaziere, scheint nicht offensichtlich anzuecken, die Blicke, die mich streifen, wirken nicht unfreundlich, in die Synagoge darf ich allerdings nicht. Dass ich das nicht tun werde, musste ich den bewaffneten ukrainischen Polizisten, die das Gelände bewachen, versichern, um überhaupt rein zu dürfen.

      Wir laufen einer Bekanntschaft von A. übern Weg, Daniel, ein  Israeli, der A. am Vortag gefragt hat, ob er schon geile Ukrainerinnen kennen gelernt hätte und dass er sich in der Stadt so bald wie möglich eine Massage holen wird, angeblich pilgern auch Prostituierte zu der Zeit geschäftlich nach Uman.

      Später treffen wir auch Sam, mit dem A. am Vortag beim alten Rabbi zu Besuch war. Sam ist ein hipper jüdischer New Yorker, der Anthropologie in Columbia studiert und eine Arbeit über dieses Event schreibt, ein ur cooler queerer Typ. A. und er holen sich was zu essen aus einem Zelt, während ich alleine dastehe und angespannt warte, dass mich jemand anzündet. Es gibt Unmengen an gutem Essen, das extra angeflogen wurde, umsonst und wir setzen uns in einen Park außerhalb der ZONE. Da beide nicht so hungrig sind, weil sie sich schon den ganzen Tag den Bauch voll schlagen, verspeise ich statt ihnen: cremiges Baba Ghanoush, saftigen gegrillten Fisch, Tahin zum Tunken, sagenhaft marinierte Truthahnkeule an aromatischem Kürbisgemüse und Okraschoten, knusprig gebackenen Lachshäppchen, trinke fruchtiges Traubensäftchen, knabbre süße Kekslein und bekomme lecker Kaffee, die Verpflegung ist fabelhaft. Währenddessen diskutieren Sam und A. angeregt, hundertausend Buchtitel fallen, ich kapiere nichts. Vor allem Sam redet extrem viel, er scheint selbst ganz aus dem Häuschen, ist superenthusiastisch und erzählt witzig und intelligent über Uman, schwule orthodoxe Rabbis, Queersein im Judentum, die liberalen New York Jews und deren linke Bewegungen, es fallen tausende Namen, es ist viel zu viel Information, als dass ich es mir in der kurzen Zeit merken kann, aber es ist super interessant und die ganze Atmosphäre ist spannend und irgendwie unheimlich. Im Hintergrund laufen im Park viele kleine jüdische Buben in schwarzen Anzügen mit Maschinengewehren aus Plastik herum, es scheint hier das beliebteste Spielzeug zu sein, ein irritierendes Bild.

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      Themen: ukraine, road trip, Stefanie Sargnagel, travel, Reise

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