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      Quentin ist der N-Nerd mit dem N-Word

      January 27, 2013

      Von Josef Zorn

      Editor

      Aus der Kolumne 'Filmbunker'

      Ich hatte bei der Englischmatura "Quentin Tarantino und Gewalt im Film" als mein selbstgeschnitztes Spezialgebiet gewählt. Ihr denkt jetzt sicher, oh, ein Möchtegern-Proto-Hipster zeichnet sich ab, aber das Ganze ließ sich ganz einfach durch Faulheit begründen. Egal in welcher Sprache - man faselt einfach über Dinge, für die man eine perverse Fasziniation entwickelt hat, lieber als über J.D. Salinger. In bildnerischer Erziehung war Batman mein Abschluss-Thema. Das versteht sich dann wohl von selbst.

      The N-Nerd

      Franco Nero, der Urspaghetti Django, weiß genau wie man seinen Namen schreibt und auch ihr habt sicher mittlerweile alle Django Unchained gesehen. Jetzt kann es losgehen, das große Dekonstruieren in die Musik-, Genre- und Handlungs-Bauteile, das nicht enden wollende Vergleichen zu Pulp Fiction, den beiden Kill Bills oder ist doch Inglourious Basterds Quentin Tarantinos bestes Stück. Ich halte das für müßig, da wie bei jedem seiner Filmchen, ein grundsolides Skript den Anfang macht und die verdammt genialen schauspielerischen Leistungen sowie die szenische Gewaltmalerei als zufällige Elemente mit einer mystischen Leichtigkeit erscheinen. So erkennt man vielleicht den Tarantino-Geschmack an der fertigen Soße, aber die einzelnen Zutaten sind immer anders.

      Quentin ist einer von uns, der Filmnerd mit dem Fußfetisch, der es geschafft hat und wir lieben ihn dafür, oder besser: Wir wollen so sein wie er und mit Robert Rodriguez, Uma Thurman und Harvey Keitel lustige Dreharbeiten erleben. Oft beweist er vielleicht eine etwas aneckende Faszination mit Blacksploitation, afro-amerikanischer Kultur und dem N-Wort. Ob er wohl jemals von Jesse Jackson zum N*gga ehrenhalber erwählt werden wird? Ich sehe ja das einzige Problem mit diesem Ausdruck, der in Django von allen Figuren ziemlich inflationär verwendet wird, dass irgendwelche Idioten das Zitieren dieses Films als Ausrede sehen um das böse Wort zu missbrauchen, als grünes Licht beleidigend zu sein und einer vorbelasteten, ethnischen Gruppe abermals einen riesen Batzen Würde zu nehmen. Ich glaube NICHT, dass DAS Tarantinos Absicht ist oder jemals war. 

      Der Film ist Fiktion und will nicht mehr sein. Coolness ist wichtiger als reale Moral, das wird spätestens bei der spanischen Hofreitschuleneinlage am Ende deutlich. Irgendwo zwischen Genre-Hopping, Soundtrack-Verkulten und dem feinen Cocktail aus Blutpäckchenregen samt visuellem Sadismus ist Tarantino doch letztendlich einfach immer noch ein Hammer-Autor und ein sauspannender Geschichtenerzähler.

      So peinlich berührt Christoph Waltz auch bei den Golden Globes war, in Django macht er seine Sache wieder äußerst gut. Nur sein Character-Design finde ich etwas eigenartig, in Hinsicht auf das überdeutsche Gehabe und die Brunhilde/Siegfried Motivation seinerseits. Ein paar Sequenzen des Films hielt ich für entbehrlich, aber vielleicht freue ich mich beim nächsten Mal Anschauen darüber. 

      Interessant ist wieder einmal, dass jeder Satz, jeder kleine Statistenbewegung und vor allem jeder Tote, wichtig ist, ein essentielles Set-Up, das die dramaturgische Handlung weiterbringt und zusammenhält. Die Body-Count-Rekorde von Lebenszunder verheizenden Action-Filme sind im Vergleich letztlich kälter, menschenverachtender und herzloser als Tarantinos erste-Reihe-Gewaltfolter, die wenigstens noch etwas in uns bewegt. Während sich die eine Hälfte des Publikums grausig-unterhalten die Augen zuhält, erfreuen sich Spezialeffektefans am morbiden Feuerwerk wie Kinder zu Silvester.

      Sicher gibt es auch zum Ende hin fleischzerfetzendes, (scheinbar) hirnloses Gemetzel, aber sogar das erfüllt den Zweck rot spritzender Ästhetik, die so auch noch nie in einem Western vorkam. DiCaprio ist sensationell und so auch Sam Jackson als Uncle Ben ein wundervolles Arschloch. Die lustigsten Momente sind das Friendly Fire und Hip Hop Montagen. Außerdem hat der N-Nerd SEHR gelungen beim Bud Spencer und Terrence Hill Film Die Linke und die rechte Hand des Teufels geklaut, what are the odds! Django Unchained, einfach anschauen - mitreden können! Und hier noch ein ganz anderer Django, Django Sepp nämlich.

      Als Arnold seine müden Knochen hob

      Abgesehen davon, dass es den Filmtitel The Last Stand bereits hundertzweiundvierzehnig Mal gibt, hat Arnold "ich schwängere grottenhässliche Dienstmädchen" Schwarzenegger ein ganz stabiles Comeback abgeliefert. Mit einem gewissen Chuck Norris Lone Wolf McQuade Stil bewacht die steirische Eichel als Sherfiff und Mithlfe von höchst uncharismatischen Support-Schauspielern (bis auf Luis Guzman, i heart him) ein verschlafenes Dorf an der mexikanischen Grenze, das sich natürlich der böseste aller bösen Kartellchefs als Sprungbrett nach Hause in Koksland ausgesucht hat. 

      Forrest Whitaker ist der gestresste, völliger überemotionalisierte Polizeichef, dessen Rolle dermaßen überspielt wirkt, dass man glauben möchte es gab seit der Lethal Weapon Reihe in Hollywood keine filmische Weiterentwicklung mehr. Es riecht im Ganzen relativ streng nach 90ern und sieht auch irgendwie so aus, oder?

      Johnny Knoxville als geistig zurückgebliebener Magnum-Fetischist, die glorreiche Minigun am Poster und eine leicht demente Granny, die einen Typen der Kartell-Band völlig unvermittelt und kaltblütigst mit einer Schrotflinte durch ihr Schaufenster hinausexekutiert (was mit einem "He was trespassing!" sehr wackelig verteidigt wird) machen etwas Sorge, da diese Art von Gun-Verherrlichung vielleicht nicht zum besten Zeitpunkt in den von der Waffen-Debatte gespaltenen USA anläuft. Die Message ist klassisch: Um die miesen Jungs mit den Pistolen zu besiegen, muss man den guten noch mehr Feuerkraft geben. Arnie sieht teilweise echt zum Kotzen aus, alt, verlebt und ausgebrannt, und manchmal ist das dann genau das Tolle. Er altert nicht wie Clint Eastwood, aber einige seiner Textpassagen sind echt ganz einprägsam. 

      Wenn Arnoldo im klassisch-bäuerlichem Dialekt dem evil Mex-Baron "You give us immigrants a bad name" an den Kopf wirft oder ein meta-selbstironisches "I thought I was done with LA." murmelt, verzeiht man dem Film einiges. Eigentlich schon ziemlicher Mist, aber mit den richtigen (betrunkenen) Spaßvogel-Leuten und einer Prise Nostalgie im Ärmel kommt man schön durch die Kinovorstellung und muss sich nicht schämen.

      Wohlsein


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      Themen: schwarzenegger, last stand, quentin tarantino, Django unchained, waltz christoph, uncle ben's, N-word, n-nerd

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