200 Frauen stehen hinter Silvio: „Wir sind stolz darauf, Berlusconi zu wählen!“

von Christian Herschmann


Illustration von Nikita Kakowsi

Italien ist unregierbar und die Aktienmärkte schießen ins Minus. Obwohl Pier Luigi Bersani mit seinem Mitte-Links-Bündnis die Mehrheit im Parlament hat, können inszenierte Euroskeptiker wie Silvio Berlusconi im Senat weiterhin jedes Vorhaben blockieren. Da fragt sich doch jeder: Wieso geben die Italiener ihre Stimmen wieder an den Cavaliere? Nur seinetwegen sind die EU und weltweite Aktienmärkte extrem verärgert. Oder sind es etwa die Italienerinnen, die ihn so vehement unterstützen? Offensichtlich besteht die Schwäche, die Berlusconi doch immer für das andere Geschlecht nachgesagt wird, in Wahrheit auf Gegenseitigkeit. Direkt vor der italienischen Wahl hat sich Berlusconis Partei Il Popolo della Libertà (PdL) in weiblichem Glanz positioniert.

Silvios härtester Konkurrent, Pier Luigi Bersani, hatte es vor der Wahl gewagt zu behaupten, Berlusconi „behandle Frauen wie aufblasbare Puppen“ und seine weiblichen Kandidatinnen für Posten in der Regierung seien genau das. Puppen?! Der ehemalige Ministerpräsident setzt sogar seinen Ruf aufs Spiel, nur weil er sich ehrlich um die ganz intimen Höhepunkte seiner Mitbürgerinnen sorgt! Aber dazu später mehr. Auf jeden Fall: Dieser Mann hat keine Puppen nötig! 

200 Unterstützerinnen wollen nicht länger unentwegt diffamiert werden, nur weil sie das Kreuz unter Silvios Namen machen. „Ich bin eine Frau, ich bin keine Puppe“: In ihrem Bekenntnis zum charmanten Grandseigneur mit den kleinen Lachfältchen, der frischer denn je aussieht, möchten sie die Unwahrheiten nicht mehr so stehen lassen. Präsentiert wird das Manifest von zwei ehemaligen weiblichen Kabinettsmitgliedern Berlusconis, die es immerhin am besten wissen müssen, ob man für ein Amt auch mal den Arsch hinhalten muss. Um die Richtung vorzugeben, wollte Mariastella Gelmini, ehemalige Ministerin für Bildung, Hochschule und Forschung, dann erstmal mutig gegen den Trend klarstellen, dass es ein „großes Übel“ war, das der Feminismus den Frauen angetan hat. 

Die Forderung: Auch mal Hausfrau sein dürfen, ohne Anfeindungen zu hören. Dann hat man beim Bügeln genügend Zeit, sich in den allgegenwärtigen Publikationen, Werbekampagnen und auf den vielen populären TV-Sendern Berlusconis die Wahrheit über Schmutzkampagnen gegen Silvio anzusehen. Dazwischen vielleicht noch zwei, drei Telenovelas. Nicht wenige leben in riesigen Retortenstädten wie Milano2 oder dem Nachfolger Milano3, die der Cavaliere an den Stadtgrenzen Mailands hat errichten lassen. Da wird man wohl etwas Hingabe erwarten dürfen, per favore. Auch mal eine starke Schulter brauchen. Und wer hat wohl bitte eine stärkere als dieser 76-Jährige, der genügend Elan aufbaute, um sich erneut in den harten Wahlkampf zu stürzen und daneben noch in die körperlich sicherlich fordernde Verlobung mit einem jungen Showgirl, das 20 Jahre jünger ist als Silvios erste Tochter. DAS ist Patchwork, DAS ist modern, möchte man den ewigen Kritikern ins Gesicht bellen. Der Mann erneuert sich in regelmäßigen Abständen selbst. Dann wird er das mit Menschen in seiner Umgebung wohl auch tun dürfen.

Auf dem offiziellen Plakat dieser lobenswerten weiblichen Antidiffamierungskampagne, die gerade auch ganzseitig in den großen italienischen Tageszeitungen prangte, sehen wir strahlend die drei Generationen von Wählerinnen, mit denen Silvio schon was hatte:

Rechts die ältere Dame, die jeden Tag bereut, vor 50 Jahren nicht in jene Nachtclubs gegangen zu sein, in denen Berlusconi als Sänger auftrat. In der Mitte die liebende Mutter, hin- und hergerissen zwischen Familie und Hausarbeit. Links schließlich das Mädchen, das für die Teilnahme an einer Bunga-Bunga-Party gerade so jung genug wäre.

Am Donnerstag bekam der couragierte Aufruf einen unrühmlichen Schlag auf Twitter durch das Blog-Kollektiv nomfup, das zeigen konnte, dass die einträchtigen drei Damen in Wirklichkeit aus einem Online-Stockfoto-Katalog stammen und gekonnt zusammengeschnitten wurden. Prompt räumt die PdL dies ein, besteht aber zumindest darauf, dass die 200 Frauen auf der Liste auf jeden Fall aus Fleisch und Blut seien. 

Ja und Silvio selbst? Der hat gerade die Managerin Angela Bruno auf der Bühne bei einem Podiumsgespräch über erneuerbare Energien gefragt, wie oft sie komme. Und in welchen Abständen. Ein Manöver zum falschen Zeitpunkt? Denn damit könnte er der Initiative vielleicht einen Bärendienst erwiesen haben. Echte Besorgnis über den weiblichen Orgasmus? Das klingt dann doch sehr feministisch. 

 


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