Wir haben Yoko Ono zu ihrem 80. Geburtstag interviewt

von Nadja Sayej

Yoko Ono ist für ihre Altersgruppe extrem aktiv. Gerade erst hat sie Julian Assange von WikiLeaks den Courage Award for the Arts 2013 verliehen, dann sie hat sich für Pussy Riot eingesetzt und nebenbei engagiert sie sich mit Jeff Koons und Lady Gaga in der Kampagne Artists Against Fracking gegen die umstrittene Methode, mit der Erdgas gefördert wird.

Sie ist bekannt als Künstlerin, Aktivistin und Ikone der Gegenkultur. Gerade feierte Yoko ihren 80. Geburtstag mit einer Kunstausstellung und zwei Konzerten in Deutschland. Im Mittelpunkt standen ihre Avantgarde-Sachen aus den 60er und 70er Jahren. Anders ausgedrückt: Es war wie ein LSD-Trip.

Zu Yoko fällt einem zuerst ihre Pionierarbeit in der Konzeptkunst und der Fluxus-Bewegung ein. Cut Piece ist ihr bekanntestes Werk (sie saß dabei auf einer Bühne und die Leute um sie herum schnitten sich Stück für Stück etwas von ihrem Kleid ab). Sie hat auch viel interaktive Kunst gemacht, wie z.B. das Painting to Be Stepped On (auf dem Gemälde kannst du tatsächlich herumlaufen) und die Danger Box mit einem Loch, in das du deine Hand stecken kannst. Auf der Box steht eine Warnung: „Das Management garantiert nicht, dass deine Hand in dem Zustand wieder raus kommt, in dem du sie reingesteckt hast.”

In den letzten paar Tagen bin ich mit den anderen Presseleuten Yoko Ono hinterher gereist. Mit dem Bus bin ich von Berlin nach Frankfurt gefahren. Zum Anhang von Yoko Ono gehören neben Hippies in Beatles-T-Shirts und Batikröcken, die ich auf der Pressekonferenz gesehen habe, auch noch andere. Es waren zudem die bizarrsten Typen aus der Kunstszene da—alle hatten schwarze Hornbrillen auf, tranken still ihren Kaffee und rauchten ihre Nuttenstängel. Für die einen ist Yoko einfach eine Underground-Künstlerin, die irgendwann John Lennon geheiratet hat, doch für diejenigen, die sich wirklich viel mit Kunst befassen, ist sie eine Kultfigur. Das hier ist das Elitärste, was die Kunstwelt zu bieten hat.

Letzten Mittwoch führten die Musiker von der Jungen Deutschen Philharmonie Yokos experimentelles Stück „Sky Piece to Jesus Christ” auf, das sie John Cage gewidmet hat. Yoko saß dabei in der ersten Reihe und am Ende führte sie die Musiker von der Bühne, weil die den Weg alleine nicht mehr fanden (den Musikern wurden Bandagen um den ganzen Körper und den Kopf gewickelt, bis sie sogar ihre Instrumente nicht mehr spielen konnten.)

Mittendrin sprach ich mit Yoko über Kunst, Politik und was sie sich am allermeisten zum Geburtstag wünscht.

VICE: Yoko! Was hast du zu deinem 80. Geburtstag vor?
Yoko Ono: Es ist ein ganz besonderer Geburtstag für mich. Aber irgendwie habe ich für meine 80 Jahre noch nicht genug vollbracht. Mit 80 kann ich hoffentlich die Sachen machen, die ich mir bisher immer vorgenommen habe.

Warum ist Kunst für dich so wichtig?
Die Kunst wird immer wichtiger, weil Politiker immer uninteressanter werden. Sie müssen sich anderen unterordnen und dürfen nicht das aussprechen, was sie denken. Sogar ihre Reden werden von anderen geschrieben, und sie lesen sie dann einfach vor. Das ist doch echt schwach. Und das ist gefährlich für uns alle. Ein Künstler erschafft Dinge—auch heute noch. Wir sind das genaue Gegenteil von Politikern, weil wir immer noch frei sind. Wir dürfen immer noch aussprechen, was wir denken. Dafür braucht es Mut, aber es geht. Du verlierst dafür nicht gleich deinen Job. Bei Politikern ist das anders, die können nicht einfach sagen, was sie wollen—dabei haben die Leute aber ein Recht zu erfahren, was diese Leute wirklich denken, schließlich haben sie sie gewählt! Wir Künstler können die Menschen berühren.

Das stimmt. Was findest du am Künstlersein am besten?
Es ist sehr wichtig, dass wir nach der Wahrheit suchen und sie dann in unserer Kunst ausdrücken. Da müssen wir uns entscheiden. Mein Mann John Lennon sagte einmal: „Gib mir die Wahrheit.” Er wusste, wie schlimm es um die Welt stand, sogar damals schon. Und jetzt ist alles noch viel schlimmer.

Yoko, hast du irgendwelche Tipps für junge Künstler, die gerade erst am Anfang stehen?
Du musst immer daran denken—du bist ein Künstler. In dir steckt ein kreativer Mensch und genau das macht einen Künstler aus. Die Wahrheit in sich selbst zu erkennen und die Welt daran teilhaben zu lassen—darum geht's. Manche Leute schreiben mir: „Yoko, ich habe kein Geld, wie kann ich trotzdem die Welt verändern?” Ganz einfach: Du musst einfach du selbst sein! Das ist uns ganz wichtig: Sei einfach du selbst.

Du machst einen echt entspannten Eindruck. Ist deine Kunst auch so entspannt?
Meine Arbeiten sind sehr, sehr ruhig und ich fordere den Betrachter heraus, sich da was rauszuziehen. Wir kennen immer nur die eine Hälfte der Wahrheit, die andere Hälfte ist unsichtbar. Schau dir mein Kunstwerk Half-A-Room (1967) an und denk dir mit deiner Fantasie die andere Hälfte dazu. Du musst dich einfühlen können und wenn du nichts fühlst, erfinde was. Du musst deine Empfindsamkeit herauskitzeln, nur so kannst du an meiner Arbeit teilhaben. Denn du bist selbst der Künstler.

Herzlichen Glückwunsch, Yoko! Was wünschst du dir?
Na ja, die Dinge passieren, wenn sie passieren, und jede Erfahrung, die du machst, ist gut. Also musst du dir auch gar nichts wünschen. Versuche einfach, dein Leben und das deiner Mitmenschen zum Besseren zu verändern. Und wenn doch: Sei vorsichtig, was du dir wünschst.
 

EMPFOHLENE ARTIKEL

 

Berühmte Plattencover bei Streetview
Dank der allwissenden Google-Krake ist es ein Leichtes, Orte zu finden, die dadurch berühmt geworden sind, dass sie auf Plattencovern abgebildet sind.
Die Mutter aller Groupies
Wir mögen Penisse, wir mögen Rockstars und wir lieben Rockstarpenisse.
George Lois
Lois war einer der wichtigsten Architekten der kreativen Revolution in der amerikanischen Werbebranche der 60er-Jahre—ja, ganz genau, wie bei Mad Men.

 

Kommentieren