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      Zeichen an der Wand

      December 11, 2012

      Von Angelina Fanous

      Fotos mit freundlicher Genehmigung von Tareq al-Ghorani


      Ein anonymer Aktivist aus Tareqs Graffitibewegung.

      Als Tareq al-Ghorani im Juni 2011 in Syrien aus dem Gefängnis kam, hatte er keine Ahnung, dass in seinem Land eine Revolution ausgebrochen war, bzw. dass ihre Ursache genau das Anliegen war, wofür er fast sechs Jahre im Gefängnis verbracht hatte: die öffentliche Forderung nach den unveräußerbaren Menschenrechten.

      Im November 2005 initiierten Tareq und acht weitere Blogger eine politische Website namens al-Domary, die mithilfe von Karikaturen und anderen Zeichnungen die syrische Regierung kritisierte und ein Ende des Assad-Regimes forderte. Sie wurde bald eine der beliebtesten oppositionellen Websites im Lande. Erfolgreich nutzten die Al-Domary-Blogger verborgene IP-Adressen und Pseudonyme, um der syrischen Geheimpolizei zu entgehen. Doch drei Monate nach dem Start der Website wurde einer der Blogger verhaftet, gefoltert und dazu gezwungen, den Aufenthaltsort und die Identität seiner Kameraden preiszugeben. Die Behörden stellten die Seite ein, konfiszierten die Computer und vernichteten alle Daten, die im Zusammenhang mit dieser Operation standen. Im Februar 2006 wurden die Blogger wegen Hochverrats zu jeweils fünf Jahren Haft verurteilt, abgesehen von Tareq, der zu neun Jahren verurteilt wurde, da die Behörden ihn für den führenden Kopf hielten.

      Tareq wurde in Sednaya inhaftiert, einem Gefängnis für politische Häftlinge etwa 22 Kilometer nördlich von Damaskus, in dem seine Wärter ihn endlosen Folterqualen unterwarfen. Sie steckten ihn in einen Reifen, drehten ihn darin stundenlang herum und schlugen ihn so schwer zusammen, dass er nicht mehr laufen konnte. „Es gab dort Gefangene, die von Abu Ghuraib nach Sednaya verlegt wurden. Nachts fingen sie an zu schreien: ‚Ich will zurück nach Abu Ghuraib‘“, berichtete er. Die dunklen Gefängniszellen waren verschmutzt und die Wunden einiger Häftlinge waren so stark infiziert, dass ihre Beine amputiert werden mussten. An Flucht war nicht zu denken, und selbst wenn jemandem der Ausbruch gelungen wäre: Die Wüste in der Umgebung ist komplett vermint.

      Nach fünfeinhalb Jahren Haft wurde Tareq aus für ihn immer noch nicht nachvollziehbaren Gründen begnadigt. Er kehrte nach Damaskus zurück und stellte fest, dass bereits zahlreiche Demonstrationen gegen das Regime stattgefunden hatten. Die Angst davor, wieder ins Gefängnis zu müssen, hielt ihn nicht davon ab, sich den Protesten anzuschließen. Er nahm den Kampf sofort wieder auf und lehrte Aktivisten, Videos zu drehen und sie auf Youtube hochzuladen. Er führte detaillierte Listen über Vermisste und Tote, die er an Menschenrechtsorganisationen schickte, und stellte Kontakte her, um Erste Hilfe für Verletzte sicherzustellen. Nach kaum sechs Monaten wurde Tareq bereits wieder polizeilich gesucht—sein Name hing in Checkpoints aus und er galt offiziell als Staatsfeind. Im Januar floh er nach Tunesien, wo er ein weiteres Internetprojekt zu Menschenrechten startete: Anti-Regime-Graffitis in den Straßen Syriens. Ich rief ihn an, um mich über den Verlauf des Kampfes zu informieren.


      Ein Stencil an einer Wand in Syrien mit dem Schriftzug: „Der Märtyrer Ahmed Asham“

      VICE: Was hat dich dazu veranlasst, mit Graffitis gegen das Regime zu kämpfen?
      Tareq al-Ghorani:
      Die Revolution in Syrien wurde erst durch Graffitis ausgelöst. Eine kleine Gruppe Jungen aus Dar’a hatte die ägyptische und die tunesische Revolution im Fernsehen verfolgt und sprühte daraufhin den Slogan „Das Volk will den Sturz des Regimes“ an eine Wand. Die Mukhabarat, die Geheimpolizei, verhaftete sie, folterte sie, riss ihnen die Fingernägel aus und entfachte damit landesweite Proteste. Zu Beginn der Revolution versammelten sich immer nur wenige Menschen. Die Polizei und die Sicherheitskräfte trieben sie einfach auseinander, und es war, als wäre nichts geschehen.

      Das brachte uns auf die Idee mit den Graffitis. Selbst wenn die Polizei erschien und die Leute verjagte, war allen, die danach vorbeikamen, klar: „Hier wurde protestiert, hier waren Revolutionäre.“ Das sind Zeichen, Zeugnisse. Und sie bereiten der Polizei Probleme, denn die hat sie allmählich satt. Jedes Mal wenn sie eine Wand säubern, taucht später etwas Neues darauf auf.

      Welche Rolle spielst du in der Graffitibewegung?
      Am Anfang sprühten die Aktivisten nur schnell Worte wie „Freiheit“ oder „Das Volk will den Sturz des Regimes“ an die Wände, wie die Jungs aus Dar’a, aber alles in großer Eile. Ich wollte dem ein künstlerisches Element hinzufügen, um der Märtyrer zu gedenken, die wir während der Revolution verloren haben. Wir wollen unserer Stimme durch Kunst Gehör verleihen. Im April begann ich damit, Videos auf Youtube hochzuladen, die zeigen, wie man Wände besprüht, und stellte für Graffitikünstler Stencils auf Facebook.

       


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      Themen: Syrien, Assad, Tags, Graffiti

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