Fringes

Die Abschiebehölle von Tijuana

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Avimael, „El Cocho“, und seine Freundin Marta Gomez sitzen in ihrem ñongo, den Cocho neben dem Tijuana-Fluss gegraben hat.

Jedes Jahr strömen mehr als 30 Millionen Menschen zwischen den USA und Mexiko durch San Ysidro in Entry, den meistfrequentierten Grenzübergang der Welt. Er liegt zwischen San Diego und Tijuana und war einst die erste Adresse für illegale Einwanderer in die USA. Aber 1994 wurde im Zuge der Operation Gatekeeper die Grenzwand erweitert und die Zahl der Kontrollpunkte erhöht. Die kürzlich noch hinzugekommenen unbemannten Patrouilledrohnen machten Tijuana zu einem der bestfestigten Grenzübergänge Nord- und Südamerikas. Grenzgänger waren gezwungen, sich alternative Übergänge zu suchen, wie z.B. die Sonora-Wüste, wo jedes Jahr Hunderte Menschen ums Leben kommen.

Etwa 40 Prozent der Mexikaner, die aus den USA abgeschoben werden, werden über Tijuana zurückgeschickt. Viele der abgeschobenen Grenzgänger haben sich notdürftige Unterkünfte im betonierten ehemaligen Flussbett des Tijuana-Flusses gebaut, das El Bordo genannt wird.

In früheren Jahren boten die gemeinnützigen Organisationen und Asylheime vor Ort den Immigranten, die versuchten, die Grenze in die USA zu überqueren, humanitäre Hilfe an, doch inzwischen kümmern sie sich in erster Linie um die Abgeschobenen, die zurück nach Mexiko verfrachtet wurden. Die US-amerikanische Immigrations- und Zollbehörde (ICE) hat berichtet, dass im Jahr 2012 eine Rekordzahl von 409.849 Immigranten aus den Vereinigten Staaten abgeschoben wurde, und ein kürzlich von Sozialwissenschaftlern veröffentlichter Bericht über die Migrationspolitik prognostizierte, dass die Obama-Regierung—legt man die aktuellen Abschiebezahlen zugrunde—bis 2014 mehr als zwei Millionen Menschen abgeschoben haben wird. Das sind mehr als unter jeder anderen Regierung in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

El Bordo heißt frei übersetzt „die Grenze“ oder auch „der Graben“. In den 1960er Jahren war die Gegend um den Tijuana-Fluss eine Grenzstadt, wo sich potentielle Immigranten versammelten und mit polleros („Menschenschmugglern“) trafen, die sie gegen ein Entgelt in die USA transportierten.

Micaela Saucedo betreibt die Casa Refugio Elvira, ein Heim in der Nähe des ausgetrockneten Flusses, und hilft Grenzgängern und Abgeschobenen seit mehr als 30 Jahren. „In den 60ern war es noch leicht, die Grenze zu überqueren. Das war eine andere Zeit.“ Micaela führte mich zu einem öffentlichen Platz, wo mehrere Hundert abgeschobene Obdachlose auf die freie Mahlzeit warteten, die die Hilfsorganisationen vor Ort täglich austeilen. „Die Abgeschobenen bleiben hier [in Tijuana], weil sie glauben, es sei leicht, wieder über die Grenze zu kommen“, sagte Micaela. „Aber ihnen ist nicht klar, dass die Grenze inzwischen komplett dichtgemacht wurde. Es ist sehr schwer, da rüberzukommen.“

Später an dem Tag führte mich Micaela durch El Bordo, eine unwirtliche betonierte Uferböschung, überfüllt mit einem Meer von Zelten. Kurz oberhalb des Grenzzauns konnte man das elegante Las-Americas-Einkaufszentrum in San Diego  erkennen. „Gallo!“, rief Micaela. Aus einem Loch gekrochen erschien ein Mann, der ein Krähen wie von einem Hahn ausstieß. Delfino Lopez, a.k.a. El Gallo, ein Mann Anfang 30, der einen Hut mit aufgesticktem Kampfhahn trägt, ist einer von geschätzten 3.000 Menschen, die das ganze Jahr über in El Bordo hausen. Wie viele seiner Nachbarn hat auch Gallo eine Zeit lang in den USA gelebt. Er ging 2005 illegal über die Grenze und arbeitete sechs Jahre auf dem Bau. Das meiste von dem, was er verdiente, schickte er seiner Frau und seinen Kindern nach Puebla.

Vor zwei Jahren hetzte ihm sein Vermieter die ICE auf den Hals und er wurde abgeschoben. Er hat seine Familie seitdem nicht wiedergesehen und sagte mir, dass er ihnen erst wieder unter die Augen treten würde, wenn er in der Lage wäre, für sie zu sorgen. Er hat mehrere Male versucht, in die USA zurückzukehren, ist aber jedes Mal gescheitert. Die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen, sei „al otro lado“, auf der anderen Seite. „Ich will nicht als Versager zu ihnen zurückkehren.“ Gallo lud mich in seine improvisierte Behausung ein, ein anderthalb mal drei Meter großer Minibunker, genannt ñongo, den er vor einer Weile ausgegraben hat. Es ist einer von insgesamt 300 in dem festen Flussbett. Andere hausen in Zelten oder in der Kanalisation. Ich kroch durch eine Art Schleuse aus einem alten Fernsehgehäuse. Ich könne mich sicher fühlen, sagte er mir, weil er die Erdwände mit recyceltem Material wie Holz, Plastikplanen und Sandsäcken befestigt hätte, aber in diesem Erdloch—oder besser ausgehobenen Grab—zu schlafen, hätte ich mir nicht vorstellen können. Gallo dagegen fand, dass es durchaus Vorteile habe, in einer unterirdischen Behausung zu leben, wenn sie denn ordentlich gebaut sei. „Das Dach kann nicht lecken und man kann darauf herumlaufen, ohne dass es einbricht.“ Was nicht heißt, dass er sich hier vollkommen geschützt fühlen kann. 

„Ich habe Angst vor der Polizei“, sagte Gallo. „Die kommen manchmal und brennen alles nieder, weil sie denken, dass wir alle Drogenabhängige und Diebe sind.“ „Das erste Mal kamen sie mit einem Bulldozer und rissen Häuser ein und steckten sie in Brand“, fügte Micaela hinzu. „Das zweite Mal haben sie Benzin verschüttet und nicht einmal überprüft, ob auch alle Leute draußen waren. Ein paar von ihnen erlitten Verbrennungen. Beim dritten Mal passierte das Gleiche noch mal.“

Wir liefen die Uferböschung entlang und blieben an einer umgedrehten Kühlbox stehen. Micaela klopfte und einen Augenblick später kam Avimael „El Cocho“ Martinez aus seinem Loch gekrochen und lud uns ein, hereinzukommen. Sein „Cochotunnel“, wie er ihn nennt, war viel größer als der von Gallo und konnte—wie er behauptete—16 Gäste aufnehmen. Cocho kam nach seiner Abschiebung vor zwei Jahren nach El Bordo, und wie viele seiner Nachbarn denkt er noch immer sehnsüchtig an sein Leben in den Vereinigten Staaten zurück. „Ich war lange in den USA“, sagte Cocho. „Ich wollte den amerikanischen Traum leben. Meiner Familie geht es gut, aber die meisten von meinen Sachen sind noch drüben. Ich habe meine Familie und meine Arbeit zurückgelassen. Ich hatte meinen eigenen Betrieb, eine Autolackiererei.“ Bei der Erinnerung an seine frühere Heimat stiegen ihm Tränen in die Augen. Er hatte sich den Luxus leisten können, einen Fernseher zu besitzen, einen Waschraum, eine Küche und sogar ein Gästezimmer. „Wir haben gegessen wie anständige Leute. Hier ist es grauenvoll. Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Mein Leben dort war glücklich, voller schöner Erinnerungen. Hier herrscht nur Traurigkeit. Dieser Ort ist voller Laster. Aber ich versuche, mich davon fernzuhalten.“ Gallo und Cocho sind keine Ausnahmen in El Bordo. Viele der Bewohner haben in den USA gearbeitet und haben sogar Kinder mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft. Viele wurden wegen Verstößen wie betrunkenem Autofahren oder Gewalttätigkeit abgeschoben.

Laut Victor Clark Alfaro, dem Leiter des Binationalen Zentrums für Menschenrechte in Tijuana, fallen Mexikaner, die aus den USA abgeschoben werden, meist in drei Hauptkategorien: Entweder werden sie dabei aufgegriffen, die Grenze illegal zu überqueren, oder sie haben in den USA ein normales Leben geführt und wurden dann abgeschoben, oder sie sind ehemalige Sträflinge, die zur Entlastung der überfüllten US-Haftanstalten nach Hause geschickt wurden.

Die Situation wird noch bedenklicher, wenn man sich klarmacht, dass die Mexikaner, die sich illegal in den USA aufhalten, für die amerikanische Wirtschaft unentbehrlich geworden sind. Sie arbeiten als billige Arbeiter auf Bauernhöfen, in Fabriken, Restaurants und anderen Industriezweigen. Ebenso wichtig sind sie für die mexikanische Wirtschaft. Das Geld, das aus den USA nach Mexiko geschickt wird, ist—nach dem Öl—die zweitgrößte Einnahmequelle des Landes.


Ein Obdachloser duscht in El Bordo, hinter ihm sieht man die Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko.

„Es liegt in der Verantwortung des mexikanischen Staates, die Immigranten mit Lebensmitteln, Obdach und Ausweispapieren zu versorgen und sie dabei zu unterstützen, Arbeit zu finden“, sagte Victor. „Sie sollten die Menschen aufklären, welche Dienstleistungen sie in Anspruch nehmen können. Letztes Jahr wurden 24 Milliarden Dollar von Migranten nach Mexiko geschickt, deshalb wäre es nur gerecht, wenn diese Immigranten—im Falle, dass sie abgeschoben werden—vom Staat unterstützt werden.“

Für die meisten, die in El Bordo leben, ist es so gut wie unmöglich, Arbeit zu finden, deshalb sind sie darauf angewiesen, dass die gemeinnützigen Organisationen und kirchlichen Vereinigungen sie mit dem Nötigsten versorgen. Die etablierteste dieser Organisationen ist die Padre Chava-Suppenküche, die direkt gegenüber von El Bordo auf der anderen Straßenseite angesiedelt ist. Hier wird jeden Tag mehr als 1.000 Menschen Frühstück serviert.

Pater Ernesto Hernández, der Priester, der die Suppenküche beaufsichtigt, erklärte mir, dass, während einige der Abgeschobenen in den Vereinigten Staaten ein respektables und angenehmes Leben geführt haben, andere bereits nach zehn Tagen mittel- und obdachlos waren. Von ihrem letzten Geld bezahlen sie billige Hotels oder Unterkünfte, während sie Arbeit suchen. Die meisten von ihnen haben damit keinen Erfolg und landen schließlich auf der Straße, wo sie von der Polizei schikaniert werden, bis es sie schließlich nach El Bordo verschlägt.

„Viele, die abgeschoben wurden, haben vorher lange Zeit in den USA gelebt“, sagte Pater Ernesto. „Sie haben dort eine Familie, Frau und Kinder. Und wenn sie abgeschoben werden, bleiben sie hier, um ihren Familien [in den USA] näher zu sein.“

Pater Ernesto stellte mir Joaquin vor, einen Mann Ende 30. Der erzählte, dass er 22 Jahre ohne Papiere in den USA gelebt hat, bis er 2012 abgeschoben wurde, weil er aufgeflogen ist, da die KFZ-Kennzeichen seines Lieferwagens abgelaufen waren. Seine Frau, seine acht Brüder, Eltern und vier Kinder (von denen zwei US-amerikanische Staatsbürger sind) blieben in Kalifornien, wo Joaquin eine Schweißerei betrieb. Joaquin hofft, dass er—wenn er seine Steuererklärung von 2012 in den USA eingereicht hat (was er unter der Sozialversicherungsnummer eines Freundes tun wird)—mit der Steuerrückzahlung von 3.000 Dollar wieder in die USA zurückgelangen kann.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Wirtschaft in Tijuana drastisch verändert. Anfang des Jahrtausends war die Revolución Avenue, die Haupttouristenattraktion, voller minderjähriger Gringos, die sich sinnlos betranken und in Apotheken mit Viagra und Xanax versorgten. Diese Ausschweifungen nahmen 2006 ein abruptes Ende, als das Sinaloa-Kartell dem Tijuana-Kartell und den dortigen Polizeikräften den Krieg erklärte. Allein 2008 wurden in der Stadt mindestens 844 Morde begangen. Während die offizielle Todesrate in den kommenden zwei Jahren leicht abnahm, dauerte die Gewalt unvermindert an. In den letzten Jahren hat das Töten abgenommen, zum Teil durch vermehrte Polizeipräsenz, und weil die mexikanische Armee eingeschaltet wurde. Zum Teil aber auch, weil das Sinaloa-Kartell seine Widersacher größtenteils aus der Stadt gejagt hat. Restaurants öffnen wieder, die Barszene boomt und die Einwohner haben die Revolución Avenue wieder in Besitz genommen. Ruidoson, eine in Tijuana entstandene Form elektronischer Musik, wird immer bekannter, und die hiesige Baja-Med-Küche zieht internationale Aufmerksamkeit auf sich. Heute ist Tijuana wieder ein Ort, an dem man sich amüsieren kann und der—zumindest größtenteils—sicher ist.

Um die Situation an der Grenze besser zu verstehen, beschloss ich, den stellvertretenden Polizeidirektor von Tijuana, Armando Rascón, auf seiner Streife durch die Zona Norte zu begleiten, die zwischen dem Touristenzentrum und El Bordo liegt. In der Zona Norte sind die meisten Asylantenheime für Migranten angesiedelt, aber auch viele Heroinhöhlen und der Rotlichtbezirk voller billiger Hotels, Puffs und Stripclubs.

„Das Problem in El Bordo ist ernst, und es wird immer schlimmer“, sagte Armando. „Die Menschen, die hier leben, machen sich keine Sorgen darum, dass sie genug zu essen haben. Morgens essen sie in der Padre Chava-Suppenküche, um 16 Uhr bekommen sie bei einer christlichen Organisation etwas zu essen und abends kriegen sie etwas von den Amerikanern. Was sie wollen, ist Geld, um sich Drogen beschaffen zu können, denn die meisten von ihnen sind abhängig. Und deshalb klauen sie Handtaschen und alles, was sie kriegen können.“

Danach erklärte Armando die Strategie der hiesigen Gesetzeshüter. „Wir zerstören ihre Behausungen. Aber sobald wir sie zerstört haben, bauen sie sie wieder auf. Es ist wie ein Spiel.“ Ich sprach ihn auf Micaelas Anschuldigung an, dass die Polizei manchmal die Lager der Leute anzünden würde, aber er versicherte mir, dass seine Beamten niemals so barbarische Methoden anwenden würden, und behauptete, dass die Bewohner die Feuer selbst aus Versehen ausgelöst hätten, während sie Essen kochten oder Autoreifen verbrannten. Die meisten Bewohner von El Bordo allerdings, mit denen ich gesprochen habe, sprachen von ihrer Heidenangst vor der Polizei, und viele erzählten mir, dass sie schon von Beamten misshandelt und geschlagen worden seien, während andere mit ansehen mussten, wie ihre Behausungen von Bulldozern zerstört oder angezündet wurden.

Während wir den Kanal entlangfuhren, zeigte Armando auf die riesigen Abwassertunnel und sagte, dass viele der Abgeschobenen darin in völliger Dunkelheit leben würden. „Alles, was wir wollen, ist doch, dass sie in El Bordo bleiben“, sagte Armando. „Sie sollen nur nicht die Touristen ausrauben. Wir müssen uns um die kümmern, die legal über die Grenze in die USA gehen, und die, die zurück nach Mexiko kommen ... Unsere Aufgabe ist es, die Sicherheit aller Bürger von Tijuana zu gewährleisten und die Touristen und Geschäfte und Betriebe unserer Stadt zu schützen. Und das tun wir am besten, indem wir unsere Beamten einsetzen, um die Leute von der Straße zu holen.“


Cocho späht aus seinem „Cochotunnel“ heraus.

Als ich ihn nach potentiellen Lösungen für das wachsende Migrantenproblem in El Bordo fragte, sagte er: „Als allererstes sollten die USA die Leute mit dem Flugzeug auch in andere Teile des Landes fliegen, anstatt sie alle wieder hierher an die Grenze zu bringen. In der Stadtmitte werden 86 Prozent aller Verbrechen von den Bewohnern von El Bordo begangen. Andererseits ist das auch ein soziales Problem, das nicht allein dadurch gelöst wird, dass man die Leute ins Gefängnis wirft.“

Die mexikanische Regierung unterhält ein Programm, das Rückkehrer in die Heimat unterstützen soll, aber es ist nicht annähernd ausreichend. Das Programm beinhaltet einen Telefonanruf, ein paar Lebensmittel, ärztliche Versorgung und provisorische Papiere (die aber in den meisten Fällen weder von der Polizei noch von potentiellen Arbeitgebern anerkannt werden). Darüber hinaus sind sie bei dem Versuch, sich ein Leben in Mexiko aufzubauen, auf sich allein gestellt.

Es ist nicht zu übersehen, dass viele Bewohner von El Bordo abhängig von harten Drogen wie Heroin und Meth sind, was die Aufmerksamkeit der hiesigen Polizeikräfte erst recht auf die Vertriebenen an der Uferböschung lenkt. Eine Dosis Heroin ist schon für 2 Dollar erhältlich und die meisten Drogensüchtigen, mit denen ich gesprochen habe, sagten, dass sie sich mindestens drei oder vier Mal am Tag einen Schuss setzen. Viele von ihnen besorgen sich das Geld für ihre Sucht, indem sie Schrott sammeln, und laut der Polizei durch Diebstahl und andere Delikte.

Dr. Remedios Lozada, Koordinatorin des Programms für HIV und Geschlechtskrankheiten des Baja-California-Gesundheitsministeriums hat in El Bordo ein Nadelaustauschprogramm organisiert, mit dem Ziel, die HIV- und Hepatitis-Risiken zu reduzieren. „Jeder von ihnen ist von irgendetwas abhängig“, sagte sie über die Teilnehmer des Programms. „90 Prozent von ihnen spritzen sich Drogen wie Heroin, und die, die nicht spritzen, rauchen zumindest Meth.“ Weil die nötigen Mittel fehlen, kann das Programm nur alle paar Wochen durchgeführt werden. Ich begleitete Dr. Remedios zu solch einem Nadelaustausch. Sie fuhr mit mir zu einem Lager nahe des Flusses, das von hohen Büschen umgeben war. Wir stellten den Wagen ab und ich sah zu, wie etwa 30 Männer die Rampe hochgetaumelt kamen und sich dem Tisch näherten, den Freiwillige aufgestellt hatten, um die Nadeln auszutauschen. Jeder der Männer hatte eine Hand voll gebrauchter Nadeln dabei und einige hatten sich die Spritzen sogar hinter die Ohren gesteckt. Gleich nachdem sie die neuen Nadeln erhalten hatten, begann jeder von ihnen damit, Heroin aufzukochen—oder chiva („Ziege“), wie sie es nennen. Dann spritzten sie es sich in den Hals, in die Beine und zwischen die Finger—vor den Augen der freiwilligen Helfer.

Ich ging auf einen Mann zu, der sich gerade die Nadel gesetzt hatte. Er erzählte mir, er wäre kürzlich aus einem US-Gefängnis abgeschoben worden. Ich fragte ihn, ob er im Gefängnis oder in El Bordo besser dran wäre, und er antwortete, dass er im Gefängnis wenigstens regelmäßig Essen bekommen und ein Dach über dem Kopf gehabt hätte.

Unser nächster Halt war eine Brücke, unter der sich etwa 100 Menschen—darunter auch ein paar Frauen—versammelt hatten. Die Freiwilligen stellten ihren Tisch auf und teilten saubere Nadeln und Kondome aus. Zehn Minuten später erschien ein Mann in neuen Schuhen und einem schwarzen Hoodie. Unser Fahrer erklärte uns leise, dass das der Heroingroßhändler wäre, der dem hiesigen Dealer Nachschub lieferte. Da beschlossen wir, dass es Zeit wäre zu fahren.

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