Ein Ex-Banker packt aus über die blutrünstige Finanzszene

von Johannes Niederhauser

Fotos von Jake Lewis

Ortstermin: City of London Corporation. Der Stadtteil Londons, in dem sich alle wichtigen Banken der Welt versammelt haben. Ein Ort also, wo für viele das personifizierte Böse haust. Koksende, sexsüchtige Psychopathen, aka macht- und geldgierige Investmentbanker, haben den Ort berüchtigt gemacht. Doch die Party scheint langsam zu Ende zu gehen. Immer mehr Banken verkleinern ihre Investmentabteilungen. Erst vor wenigen Wochen entließ die britische Bank Barclay über 2000 Investmentbanker. Ein Ende scheint nicht in Sicht zu sein.

Vielleicht hast du dir schon mal überlegt, welche Typen dort überhaupt jemals gearbeitet haben. Was ist eigentlich aus dem Loser aus deiner Klasse geworden, der zum eiskalten Investmentmillionär mutiert ist, während du irgendwas mit Medien versucht hast? Kannst du dich noch an seine antisoziale Ader erinnern? Dann verstehst du jetzt wahrscheinlich auch, warum die Welt am Abgrund steht und diese Kerle endlich ihren Job verlieren.

Wir wollten mehr über die dunklen Seiten der Hochfinanz wissen und wie das war, als sich die Finanzwelt auf Koks von einer Investitionsblase in die nächste schniefte. Deshalb haben wir uns mit dem City Boy Geraint Anderson unterhalten, der von 1996 bis 2008­ Investmentbanker in London war. Irgendwann hat er dann hingeschmissen und beim London Paper (gibt's heute nicht mehr) von 2006 bis 2008 in einer anonymen Kolumne richtig ausgepackt: Über Drogen, Sex, das Machogehabe und die Schuld der Banken und vor allem der Ratingagenturen am derzeitigen Fiasko. Nicht umsonst verklagen die USA die Ratingagentur Standard&Poor’s und prüfen auch eine Klage gegen Moody’s. Denn erst haben sie den Aktiensondermüll als beste Anlage verkauft, um dann schön von der Pleite der Kleinanleger zu profitieren.

Wir trafen Geraint Freitagabend in der Bar The Fine Line in der City. Der Barkeeper kennt ihn noch. Ein paar der Gäste anscheinend auch. Sie drehen sich nach ihm um und fangen an zu lästern. Denn Geraint hat das Schweigen gebrochen. In der City machst du das besser nicht.

VICE: In der Mafia gibt es den Begriff Omertà, Schweigepflicht. Wer redet, stirbt. Gilt das auch für Investmentbanking?
Geraint Anderson:
Auf jeden Fall. Nachdem ich mein Buch City Boy veröffentlicht hatte, war ich quasi tot. Als ich gerade allein in die Bar gegangen war, haben mich ein paar Typen angepöbelt, wie ich ihnen das antun konnte. Es ist lächerlich einfach, hier schnell reich zu werden. Wir benutzen exotische Begriffe, um wichtig zu klingen. Aber in Wahrheit schieben wir nur Papiere hin und her. Das soll der normale Bürger aber nicht mitkriegen. Wahrscheinlich werde ich heute Nacht noch umgebracht (haha).

Das Argument ist aber doch oft, dass Investmentbanker so viel Geld verdienen, weil sie einen wichtigen Job erledigen.
Ich fand meinen Job absolut nutzlos. Das Bonussystem ist einfach nur gut, um schnell viel zu verdienen.

Warum sind Investmentbanker eigentlich nicht persönlich dafür verantwortlich, wenn was schiefläuft?
Das war mal anders. Mittlerweile aber funktioniert alles nach dem amerikanischen Bonussystem. Dort kannst du nur gewinnen.

Bet all, lose nothing?
So ungefähr. Als ich 1996 anfing, war das schon ein riesiges Casino. Aber was du verlierst, gehört jemand anderem. Ich kann immer noch nicht verstehen, wie sie damit davon gekommen sind.

Wie wichtig ist Kokain?
Sehr. Es ist die perfekte Droge für Investmentbanker. Kokain ist glamourös, teuer und es macht dich wach.

Nehmen das manche während der Arbeit?
Ja. Ich habe das auch gemacht.

Warum?
Wenn du von einem versoffenen Businesslunch, bei dem du gerade 1.700 Euro ausgegeben hast, zurückkommst und du kaum noch gerade sehen kannst, dann kann es helfen, eine Nase Koks zu ziehen. Ich war aber kein großer Fan davon. Das macht dich paranoid, weil du ständig Angst hast, erwischt zu werden.

Die USA verklagen gerade die Ratingagenturen, weil sie glauben, sie hätten wesentlich zur Finanzkrise beigetragen. Wie hast du deren Rolle erlebt?
Deren Gebühren werden zu einem großen Teil von den Banken gezahlt. Und wer zahlt, gibt eben den Ton an. Die Ratingagenturen haben diesen schrecklichen giftigen Sondermüll an der Wall Street mit Tripple A bewertet. Kurz darauf flog der Schwindel auf. Warum zur Hölle hört irgendjemand noch auf die? Ich kann das nicht verstehen. Die sollten erhängt und gevierteilt werden. Sie waren mitverantwortlich dafür, dass Pensionsfonds diesen Schrott gekauft haben. Das Verhalten der Ratingagenturen ist einer der Hauptauslöser dieser Krise. Zusammen mit den Banken.

Verdienen die Banken am Crash?
Goldman Sachs wurde letztes Jahr zu einer Strafzahlung verurteilt, weil sie absichtlich fehlerhafte Finanzprodukte designt hatten. Aber die Banken haben kein Interesse an der Finanzkrise. Da sind Typen, die angefangen haben, verrücktes Zeug zu machen, um riesige Boni einzustreichen. Ich glaube an keine Verschwörung, aber in den Structured-Finance-Abteilungen der großen Banken gab es einige, die an den Giftpapieren gut mitverdient haben. Und sie sind damit davongekommen.

Was für Typen arbeiten in den Banken?
Hauptsächlich solche, die früher nie eine abbekommen haben. Und Machos. Es sind auf jeden Fall die wettbewerbsgeilsten Typen, die du jemals treffen wirst. Das Bonussystem verstärkt das noch. Wenn ich eine Millionen Euro bekomme und du zwei, dann bist du zweimal mehr Mann als ich. Das krasse Konkurrenzdenken wird durch die Unsicherheit der Leute verstärkt. Viele, die dort arbeiten, wollen eine Vorzeigeehefrau und ein dickes Auto, um in ihrem alten Viertel rumzufahren und zu zeigen, wie geil sie jetzt sind.


Jetzt fangen die Kerle in unserer Nähe langsam an, sich zu beschweren, was wir hier machen. Jake, unser Fotograf, beschwichtigt, während ich weiter mit Geraint rede. Er war ein bisschen zu laut mit seinen Kommentaren.

Investmentbanker gelten als gierig. Du hast bei der Sache auch mitgespielt. Ist Gier gut?
Die neoliberale Theorie sagt, dass Gier uns alle in die perfekte Gesellschaft führen wird. Weil jeder gierig nach seinem eigenen Vorteil streben wird. Aber Gier trennt die Menschen, macht sie hasserfüllt und neidisch. Gier hat auch diese Finanzkrise bewirkt. Gier ist nicht gut, sie ist scheiße. Hier in der City ist sie das einzige Spiel. Einige der Typen, die hier und anderswo für Investmentbanken arbeiten, sind Psychopathen. Die würden ihre Großmutter verkaufen, um schnelles Geld zu verdienen.

Wieso Psychopathen?
Es gibt Studien, die das belegen. Außerdem, was sind die Hauptmerkmale eines Psychopathen? Er ist manipulativ, betrügerisch, charmant, ohne jede Empathie und Reue. Ich habe mit einer Menge solcher Leute gearbeitet. Und sie waren die besten Banker.

Welche Rolle spielt die Prostitution? Gibt es Sexpartys?
Orgien! Was ist das Schlimmste, das dir da passieren kann?

Keine Ahnung.
Du kriegst keinen hoch, weil du vorher zu viel Kokain genommen hast. Das ist einem „Freund“ von mir passiert.

OK, ein Freund also. Was passiert da?
Es gibt eine Firma namens Killing Kittens. Die mieten ganze Häuser in den teuersten Vierteln. Alles ist voll mit Frauen und Sex-Toys.

Machen das alle Banker?
Viele. Vor allem Franzosen und Deutsche waren da. Den Deutschen hat das richtig getaugt.

Tatsächlich?
Jeder weiß, dass die Deutschen Perverse sind (haha). 

Nach den Pöbeleien ziehen wir lieber weiter. Wir gehen zu einem Restaurant namens Coq d'Argent, von dem aus du einen wunderbaren Blick über die City hast. Das Coq d'Argent ist aber auch bekannt als einer der „Suicide-Spots“ in der City. Schon mehrfach haben sich dort Banker in den Tod gestürzt.

Du hast auch für die deutschen Banken Dresdner Kleinwort und Commerzbank in London gearbeitet. Wie war das?
Die hat keiner wirklich ernst genommen. Die wollten auch in das sexy Investmentbankgeschäft einsteigen, aber sie haben nur Scheiße gebaut. Ohne Staatshilfe hätte die Commerzbank das nicht überlebt. 

Deutsche Banken wollen also auch dazugehören. Vor ein paar Wochen erst hat sich die Deutsche Bank dazu entschieden, wieder in den Handel mit Agrarderivaten einzusteigen. Sie behauptet, dass das keinerlei negative Einflüsse auf die realen Nahrungsmittelpreise habe.
Das ist Schwachsinn. Spekulation treibt die Preise natürlich nach oben. Wenn Profit der einzige Beweggrund ist, werden immer gierige Menschen alles tun, was sie können, um noch mehr für sich rauszuschlagen. Solange sie die Macht haben, werden sie die auch ausnutzen, um für sich zu argumentieren.

Wie bist du eigentlich dazu gekommen, Banker zu werden? Ahnung hattest du ja davor nicht wirklich.
Das stimmt. Ich habe in Cambridge Geschichte studiert. Mein Bruder war Banker. Er hat mir den Job verschafft. Er hat mir eine Stunde die wichtigsten Begriffe erklärt. Dann bin ich zum Interview gegangen. Davor war ich Hippie und verkaufte den letzten Scheiß.

Wie lief das Vorstellungsgespräch?
Ich hatte mir einen Anzug für 7 Euro gekauft und bin zu dem Gespräch gegangen, das damit endete, dass ich mich mit den Leuten dort komplett besoffen habe.

Du hast dich mit denen betrunken?
Wir haben uns komplett abgeschossen. Und dann haben sie gesagt: „Du hast den Job!“

Klingt professionell.
Absolut. Aber es wurde noch heftiger. Noch am selben Tag hat mich einer meiner zukünftigen Vorgesetzten mitgenommen, damit ich seine Freundin kennenlerne. Er selbst war fett, 50 und rothaarig. Wir sind zu einem Stripclub gegangen und ich erinnere mich, dass ich ihn fragte, ob es nicht seltsam sei, seine Freundin dort zu treffen. Er sagte nur: „Sie ist ja schon da!“, und zeigte in Richtung Bühne, auf der uns gerade eine blutjunge Brasilianerin ihre Arschbacken zeigte. Ich sagte nur: „Sie sieht wie ein nettes Mädchen aus.“ (haha). Er hielt das für eine ernsthafte Beziehung.

Hahaha. Traurig. Solche Typen verwalten also die Hochfinanz. In deiner Kolumne hast du auch über Insider-Trading geschrieben. Findet so etwas eigentlich wieder statt?
Ja, das passiert die ganze Zeit. Ich finde es ekelhaft, weil es kein opferloses Verbrechen ist. Pensionsfonds leiden am meisten darunter. Dadurch wird also von normalen Leuten geklaut.  

Werden auch Gerüchte verbreitet für den eigenen Vorteil?
Das auch. Wenn du willst, dass eine Aktie nach oben geht, dann lässt du das deinen Kumpel bei den einschlägigen Medien wissen. Du verkaufst dann mit Gewinn. Das passiert oft und hat einen richtig beschissenen Effekt auf die Stabilität der Wirtschaft.

Es sieht so aus, als ob wir momentan nur die Probleme in die Zukunft verlagern. Irgendwann wird jemand zahlen müssen.
Auf jeden Fall. Wir werden in den nächsten Jahren ein paar grundlegende Veränderungen durchmachen. Es gibt Annahmen, dass die tatsächliche Verschuldung Englands bei etwa 900% des BIP liegt, wenn du alle Faktoren berücksichtigst. Das letzte Land, das in einer so beschissene Situation war, war die Weimarer Republik. Und was danach passiert ist, muss ich dir nicht erzählen.

Was wäre dann eine Lösung?
Ich hoffe, dass zunächst einmal der ganze neoliberale Deregulationsscheiß aufhört, der diesen Mist hier verbrochen hat. Wir brauchen eine gute Regulierung. Das ist der erste Schritt.

Hast du mit deiner Kolumne deinen Frust an der Finanzwelt abgelassen?
Ja. Wenn ich zurückblicke, dann war das eine Therapie für mich. Ich wollte mir meine Sorgen von der Seele schreiben, die ich hatte wegen all der schrecklichen Dinge, die ich getan und erlebt habe. Ich habe mich immer schrecklich schuldig gefühlt, als hätte ich dem Teufel meine Seele verkauft. Wenn ich erwischt worden wäre, hätte ich meine Job verloren. Wahrscheinlich wollte ich das sogar. Denn wir verdienen hier unser Geld nur auf Kosten anderer.

Folgt dem CityBoy auf Twitter: @cityboylondon  

Und dem Autor auf @JohnVouloir 

 


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