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      Abtreibungen in Kenias Slums spucken Gott ins Gesicht

      May 30, 2013

      Von Martin Robbins


       
      Wir sind für mehr als eine Stunde durch Nairobis heiße und staubige Kibera-Slums gewandert, um die Klinik zu erreichen. Während unser Freund Jobe die nötigen Vorkehrungen traf, saßen wir unbeholfen rum und warteten. Durch den Kontakt eines lokalen Radiosenders waren mein amerikanischer Kollege Jeff Sharlet und ich endlich in der Lage, Zugang zu einer illegalen, von einem katholischen Arzt geführten, Abtreibungsklinik zu bekommen.

      Die Apotheke war nicht größer als mein Schlafzimmer. Am Ende des kleinen Raums befand sich eine unscheinbare, hölzerne Tür in der Wand unter dem Bild des ehemaligen Präsidenten Mwai Kibaki, dessen Konterfei noch in zahlreichen Geschäften Kenias zu finden ist.
       
      Peter, ein Arzt aus Kisii, hatte die Klinik vor mehreren Jahren eröffnet. Seine Arbeit in den Elendsvierteln kann hart und gelegentlich auch gefährlich sein. Während der Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen 2007, in denen Tausende Menschen starben und eine Viertelmillion Menschen ihre Häuser verlassen mussten, flickte er Kämpfer im Gegenzug für Schutz wieder zusammen. Trotz der Risiken konnte er dank der großen Bevölkerungsanzahl und dem Mangel an konkurrierenden medizinischen Einrichtungen ein lukratives Geschäft aufbauen und so sogar mehr verdienen als einige der Ärzte in den großen Krankenhäusern.

      Hinter der hölzernen Tür lag das Behandlungszimmer, in dem Peter kleinere Operationen durchführt. Dort fanden wir kaum mehr als ein paar Stühle, einen Holztisch und ein blaues Plastikbett, aus dessen Rissen bereits die dreckige gelbe Füllung herausquoll. Abtreibungen führte man hier vier- oder fünfmal im Monat durch. Entweder chemisch, durch den Einsatz von Misoprostol oder durch manuelle Vakuumabsaugung.
       
      Da Abtreibung in Kenia nach wie vor illegal ist, können Frauen dort weder öffentlich darüber reden noch offen danach fragen. „Die Leute sind zu beschämt, um über Abtreibung zu reden“, erzählt uns Peter. „Sie wissen zwar, dass das hier passiert, aber sie haben Angst, darüber zu reden und schämen sich.“ Stattdessen beginnt ein vorsichtiger und verschwiegener Aushandlungsprozess. „Zuerst kommen sie für einen Schwangerschaftstest, wobei der oft positiv ausfällt. Danach sagt dir die Frau: ‚Ich bin nicht verheiratet’, ‚Ich bin geschieden’ oder auch ‚Ich muss aber für einen Job woanders hin’, später dann: ‚Ich will diese Schwangerschaft nicht.’“
       
      Wenn die Frau verheiratet ist, muss der Eingriff zuerst mit dem Mann abgesprochen werden—auch in dringlichen Notfällen. „Ich führe keine Abtreibung durch, bis der Mann dabei ist und zustimmt.“ Wie sich herausstellte, gibt es einen sehr praktischen Grund für diese Regel. „Wenn man das macht, ohne den Mann vorher zu kontaktieren, kommt es hier zur gewaltsamen Übergriffen. Sie attackieren dich. Der Mann trommelt einige seiner Freunde zusammen und dann greifen sie dich an. Das sollte man also nicht machen.“
       
      Die für den Eingriff gezahlte Summe variiert zwischen 3.000 und 5.000 Kenia-Schilling (zwischen 23 und 29 Euro) und das Geld muss im Voraus bezahlt werden. Falls die Frau das nicht kann, muss sie wieder gehen. Der Preis ist absichtlich so hoch, um junge Frauen nicht zu ermutigen und Abtreibungen zu vermeiden, die in Peters Augen nicht notwendig sind. „Wer auch immer hier reinkommt, sollte erwachsen und verantwortungsvoll sein.“ Die meisten seiner Patientinnen sind unverheiratet und über 22 Jahre alt, aber finanziell nicht in der Lage, ein Kind großzuziehen. Sexuelle Gewalt gegen Frauen—und Mädchen— ist in den Slums weit verbreitet.

      Peter führt Abtreibungen noch bis zur 16. Woche durch. Die Frau betritt die Klinik, bekommt die Behandlung, ruht sich für zehn Minuten aus, geht wieder und kommt ein paar Tage später für die Nachfolgeuntersuchung zurück. Obwohl bisher keine seiner Patientinnen gestorben ist, ist die Prozedur nicht ohne Risiko—Blutungen sind dabei die ernsthaftesten Komplikationen. Wenn eine Behandlung drastisch schiefgeht, muss die Patientin ins nächste Krankenhaus und dort damit rechnen, verhaftet zu werden.
       
      Aber diese Risiken sind weitaus geringer als die Alternative. Ohne legalen Zugang zu Abtreibungen beenden viele Familien die Schwangerschaft ganz einfach zu Hause. Die Methoden sind barbarisch: „Die schwangeren Frauen nehmen eine Überdosis Chinin. Danach wird ihnen mit einem scharfen Gegenstand der Gebärmutterhals durchtrennt.“ Das führt oft zu unvollständigen Abtreibungen oder ernsthaften inneren Verletzungen, wonach die Opfer verblutend in die nächste Klink gebracht werden müssen.
       
      Wie die meisten Altersgenossen findet Peter, dass Abtreibungen legal sein sollten: „Viele Frauen sterben nach den Abtreibungen, die in den Dörfern durchgeführt werden. In Lindi vergeht kein Monat, ohne dass man von einer Frau hört, die wegen einer Abtreibung bei irgendeinem Kurpfuscher stirbt. Manchmal sind es zwei pro Monat.“ Genau wie in anderen Ländern hat es auch in Kenia nichts gebracht, Abtreibungen zu verbieten. Sie passieren trotzdem, nur, dass sie sehr viel öfter tödlich verlaufen.

      Die richtige Ausstattung zu bekommen, ist für Ärzte keine sonderlich schwierige Angelegenheit. Der Gebrauch von Misoprostol ist per Gesetz reglementiert, aber da es auch gegen Magengeschwüre eingesetzt wird, kann man sehr viel davon lagern, ohne groß Aufmerksamkeit zu erregen. Den Notfallkoffer zum Absaugen kann man von einigen NGOs bekommen, die sehr diskret sind. Peter hat seinen an einem geheimen Ort in der Nähe der Klink gelagert. Polizeibesuche sind relativ selten in den Slums, aber sollten sie das Grundstück durchsuchen, würden sie keine Hinweise auf illegale Handlungen finden.
       
      Da Abtreibungen illegal sind, lernen Ärzte nicht, wie man sie durchführt. Stattdessen müssen sie sich auf Hörensagen verlassen. Wir haben auch Hinweise auf Hilfe durch westliche NGOs gesehen. Peter sagte uns, dass sie von seinen Aktivitäten wüssten und ihn und ein paar andere Ärzte mit Schulungen und Ratschlägen unterstützt hätten.
       
      Während wir miteinander redeten, fiel mir die Bibel auf seinem Schreibtisch ins Auge. „Ich bin religiös, ich bin Katholik.“ Es stellte sich heraus, dass Peter ein Familienmensch ist, mit Frau und drei Kindern. Seine Frau hat die Klinik mit ihm gemeinsam geführt, als Pharmazeutin. Sie ist strenggläubig und hatte keine Sympathie für Peters außerplanmäßige Aktivitäten: „Sie ist dagegen, so sehr dagegen.“

      Seine Frau ermutigte ihn, seinen Glauben zu erneuern, aber das führte zu Gewissensbissen angesichts seiner Arbeit als Abtreibungsarzt: „In den letzten drei Jahren war ich nicht einmal in der Kirche. Jetzt bin ich wieder hingegangen und glaube, dass ich auf der falschen Seite stehe.“ Angesichts seines neuentdeckten Glaubens, sagte er, wolle er aufhören, auf dem Schwarzmarkt zu arbeiten. „Ich versuche, es diesen Monat zum letzten Mal zu machen. Es ist Sünde. Das Leben beginnt mit der Zeugung. Aber wenn du dahinkommst zu verstehen, dass es Sünde ist, glaube ich, dass Gott vergeben kann.“
       
      Aber was ist mit den Frauen, die ohne seine Hilfe sterben würden? Peter sieht sich einem furchtbaren Dilemma ausgesetzt. „Ich werde [meinen Priester] Folgendes fragen: ,Was mache ich als Arzt?' Jemand kommt zu dir, vielleicht wurde an ihrer Mutter eine Abtreibung in ihrem Haus durchgeführt, dann wird sie vielleicht mit einer nur halbfertigen Abtreibung zu mir gebracht. Was mache ich dann? Mache ich weiter und helfe der Mutter, nicht zu sterben? Oder lasse ich diese Leute allein, weil ich Christ bin? Was soll ich tun? Die Dorfbewohner, die Leute wissen, dass hier ein Arzt ist, der ihnen helfen kann. Dann bringen sie die Frau zu mir. Wenn er mir sagt, dass ich diese Leute sterben lasse, wird das Dorf gegen mich sein.“
       
      Peter kann nicht gewinnen. Das Fortsetzen seiner Arbeit würde ihn zum Kriminellen und Sünder machen. Aufhören könnte das Todesurteil für manche Frauen bedeuten. Für viele ist das die harte Realität von Abtreibungen. Weit entfernt von abstrakten Diskussionen auf Blogs, in Zeitungen, in Kirchen und Parlamenten. Konservative leben in einer Fantasiewelt, in der Abtreibungen mit Gesetzen und sozialem Druck abgeschafft werden können. Tatsächlich aber gibt es Abtreibungen und es wird sie weiter geben: Wir müssen uns nur entscheiden, wie viele Frauen wir in der Zwischenzeit sterben lassen wollen und ob Ärzte wie Peter dafür kriminalisiert werden sollen, sie retten zu wollen.

       


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      Themen: Abtreibung, Kenia, Slum, Afrika, armut, religion

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