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      Ich war bei dem Seminar eines Vergewaltigungsbefürworters Ich war bei dem Seminar eines Vergewaltigungsbefürworters

      Ich war bei dem Seminar eines Vergewaltigungsbefürworters

      Von Lisa Ludwig

      Editor-in-Chief Broadly Deutschland

      Juli 2, 2015

      „Ich werde gleich sehr viele Dinge sagen, die dich wirklich wütend machen werden. Wenn du jetzt gehen willst, ist das OK. Ich gebe dir das Geld für deine Karte zurück", sagt Roosh V, einer der bekanntesten Frauenfeinde und Männerrechtsaktivisten der USA. Dabei ruht seine Hand auf meinem Oberarm und er beugt sich vertraulich zu mir vor. Als jemand, dessen literarisches Schaffen sich auf Pick-Up- und „Game"-Ratgeber beschränkt, weiß er, dass man schnell Körperkontakt zu einer Frau aufbauen sollte. Wenn sie nicht zurückweicht, ist das ein gutes Zeichen. Ich bleibe gerade sitzen und lächle.

      Es ist Samstagnachmittag, draußen scheint die Sonne. Ich sitze in einem Meetingraum in einem Fünf-Sterne-Hotel am Berliner Ku'damm, als einzige Frau inmitten von 37 Männern unterschiedlichsten Alters und Aussehens. Sie alle eint nur eines: Sie haben Geld dafür bezahlt, um ihr großes Vorbild zu sehen. Den Mann, der vor Kurzem auf seinem YouTube-Kanal dazu aufrief, Vergewaltigung auf Privatgelände zu legalisieren. Den Mann, der propagiert, dass ein „Nein" nur eine weitere Herausforderung für einen echten Mann darstellt. Und der mit seinen Büchern, Blogeinträgen und Videos Tausende Menschen weltweit erreicht.

      Roosh steht auf und sieht dabei ein bisschen resigniert aus. Er hat es versucht. Er traut mir nicht. Ich bin ein Risikofaktor, vielleicht eine der „ugly feminists", von denen er schon im Vorfeld antizipiert hatte, dass sie versuchen würden, die Veranstaltung zu sprengen. Zwar könne jeder kommen, hieß es bei der Ankündigung seiner „Roosh Lecture" in Berlin, das Programm allerdings wäre einzig und allein auf heterosexuelle Männer zugeschnitten. Vielleicht liegt es an meiner allgemeinen Faszination für komplett krude Weltanschauungen und der Tatsache, dass ich rein interessehalber auch gerne mal einer Ku-Klux-Klan-Sitzung beiwohnen würde. Vielleicht konnte ich mir auch einfach nicht vorstellen, welche Art von Mann zu solchen Frauenverachtungsseminaren gehen würde. In jedem Fall hielt ich es für eine ganz ausgezeichnete Idee, mir einen schwulen Kollegen zu schnappen und mich höchstselbst davon zu überzeugen, was wirklich hinter Männerrechtsbewegungen wie „Neomasculinity" steckt. Zusammenschlüssen also, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Position des Mannes in der Gesellschaft zu stärken—weil es anscheinend wirklich Leute gibt, die glauben, dass das nötig ist.

      Ich bin gekommen, um zuzuhören, nicht, um zu diskutieren. Und ich bin darauf vorbereitet, „wirklich wütend" zu werden.

      Nur: Die ersten eineinhalb Stunden, in denen Roosh eine Art Vortrag hielt, machen mich nicht wütend. Die dramatisch vorgetragene Selbstmitleidsnummer amüsiert eher. Der Westen unterdrückt systematisch weiße, heterosexuelle Männer, weil die Feminismus- und Gender-Mafia die Macht an sich gerissen haben? (Nein!) Auch Frauen haben Ansprüche an Männer und posten Fotos ihrer Ärsche auf Instagram, um von Scheichs für Tausende von Euro nach Dubai eingeladen zu werden? (Ach was!) Halbgare Zahlenspiele, die durch keine Studie (oder überhaupt irgendeine Art von Quellenangabe) legitimiert werden. Immer wieder der wohlkalkulierte Blick ins gespannte Publikum („Ist es nicht so, Jungs?"), das die elementaren Punkte auf den mitgebrachten Blöcken notiert. Und über allem schwebt die elementare Verunsicherung, die so oft der Generation Y zugeschrieben wird, eigentlich aber nur menschlich ist: Wer bin ich? Was ist meine Aufgabe in der heutigen Gesellschaft? Warum liebt mich niemand und wenn es dann doch jemand tut, warum erfüllt mich das nicht?

      Die Lösung für dieses „Problem", das so eben nicht nur den armen, heterosexuellen Mann umtreibt (um das herauszufinden, sollte man sich vielleicht auch einfach mal außerhalb von Männerrechtsforen über gesellschaftliche und politische Themen unterhalten), ist laut Roosh V und anderen Anhängern der Neomasculinity denkbar einfach: Das Patriarchat muss gestärkt werden, Männer wieder männlicher werden und Frauen sollten sich ihrer natürlichen Rolle fügen. Also Kinder kriegen und schön aussehen. Je älter und weniger fruchtbar, umso „wertloser" ist sie. Um eine solche Partnerin zu finden, ist Roosh um die halbe Welt gereist—nur um dann festzustellen, dass Geschlechtsverkehr ohne Emotionen eben doch nicht alles ist. Eine von vielen Aussagen an diesem Tag, die (losgelöst betrachtet) nicht falsch sind.

      Statt Wut im Bauch habe ich unendliches Mitleid im Herzen für diese Männer, die ihr komplettes Leben danach ausrichten, sich selbst zu optimieren, mehrere Sprachen zu lernen, in andere Länder zu ziehen, um dann Frauen klarmachen zu können, denen sie angeblich doch sowieso keinen Wert beimessen. Das ist nämlich das große Ziel dieser Neomaskulinisten: Sich in einem Land niederzulassen, das sich dem „schädlichen Einfluss" des Westens bisher entziehen konnte, weil man nur noch dort „gute Mädchen" findet. Zwischenzeitlich kann man natürlich auch mit anderen Frauen Beziehungen führen—aber nur, wenn sie einen vergöttern und man selbst keinerlei Gefühle für sie hegt. Kein Wunder, dass sich diese Menschenroboter leer fühlt.

      Die Seminarteilnehmer wirken trotz misstrauischen Blicken und höhnischem Lachen über Feministenwitze harmlos. Wenige gegelte Banker-Typen, mehrere farblose Männer in den Vierzigern, einige Jungs, die aussehen, als würden sie ihre Freizeit vor allem mit World of Warcraft beschäftigen und sehr viele junge Männer, die ursprünglich aus den USA, Australien oder Kanada kommen. Sie alle wirken wie zahnlose Rentner, die weltvergessen vor sich hinnuscheln, dass früher alles besser war. Aber dann hört Roosh auf zu sprechen und es ist Zeit für die Fragerunde mit den Teilnehmern. Und die Stimmung kippt. Vom Moser-Rentner-Treff zum Soziopathen-Seminar.


      Ihr Ziel ist es, das Patriarchat zu zerstören, und ihre Waffe ist dabei der blanke Busen: Femen-Sextremistinnen in Kanada.


      Man müsse Wege finden, um Frauen besser kontrollieren zu können, äußerte da ein Bayer mit schnarrender Stimme. Sie zum Beispiel in ein Dorf bringen und das soziale Netz dort so eng zuknüpfen, sie so sehr involvieren und als gesammelte männliche Einwohnerschaft den Druck so sukzessive erhöhen, dass sie sich nicht mehr einfach aus der Gemeinschaft entfernen können. Roosh nickt und ruft den nächsten auf, einen jungen Mann Anfang 20, der seinen 15-jährigen Bruder dabeihat und sich um seine studierenden Schwestern sorgt, denen „irritierende feministische Ideen" an der Uni eingepflanzt werden würden. Roosh versteht seine Ängste und ermutigt ihn, mehr Kontrolle—auch über seinen Vater—auf die Mädchen auszuüben. Wenig später wird er einem anderen Besucher raten, seiner Freundin einfach weniger zu essen zu geben, wenn sie abnehmen soll. Schließlich weiß man, dass Frauen nur ins Fitness-Studio gehen, um sexy Selfies machen zu können und so für andere Männer attraktiver zu erscheinen. Klar.

      Eigentlich wäre das der richtige Zeitpunkt für mich gewesen, um wütend zu werden. Um zu fragen, was genau daran so männlich sein soll, wenn man Frauen nur durch kranke Psychospiele und fritzl-ähnliche Einsperrungsfantasien bei sich halten kann. Aber da ist keine Wut, nicht einmal mehr Mitleid oder Betroffenheit. Nur noch Angst. Dieses komplett irreale Gefühl, das einen als Frau befällt, wenn man alleine nach Hause fährt und der Typ in der U-Bahn immer aufdringlicher wird. Die Art von schleichender, bodenloser Panik, wenn man nachts im Park plötzlich näherkommende Schritte hört und sich nicht umdrehen will, weil man sich immer noch einredet, dass man sich das alles nur einbildet. Das Gefühl absoluter Hilflosigkeit, wenn jemand, der dir körperlich überlegen ist, der Meinung ist, dass er sehr viel besser weiß, ob du mit Nein wirklich Nein meinst.

      Die traurige Welt der Antifeministen.

      Ein Gefühl, dass keiner der Männer in diesem Raum kennt. Niemand von ihnen, die sie wölfisch lächeln, sich die Lippen benetzen und konspirative Blicke zuwerfen, während der Mann vor ihnen, ihr Gott, derjenige, der viele Dinge nicht aussprechen muss und einfach darauf wartet, dass es seine Jünger tun, hin und her tänzelt, sich in Rage redet. An den richtigen Stellen laut wird, dann wieder einen rhetorischen Schritt zurücktritt und Raum für das derangierte Weltbild seiner Anhänger lässt. „Das war natürlich nur ein Witz. Nein heißt Nein!", ruft Roosh breit grinsend in meine Richtung, während seine Anhänger sich darüber totlachen, dass er auf die Frage „Was mache ich, wenn eine Frau plötzlich doch nicht mehr Sex haben will?" mit einem trockenen „Vergewaltige sie" antwortet. Danach zwinkert er in Richtung der Kamera, die seinen Auftritt für die zahlende Nachwelt festhält. Nicht, dass Verwirrung über seine allgemeine Pro-Rape-Einstellung aufkommt.

      Screenshot: rooshv.com

      Es war nicht so sehr, was gesagt wurde. Es war, wie es gesagt wurde. Es ist die allgemeine Erkenntnis, dass es da draußen Männer gibt, die einen moralisch komplett verzerrten Kompass haben, sobald es um Themen geht, die nicht ihr eigenes heterosexuelles Selbst betreffen. Wenn Roosh in seinem vollkommen zu recht kritisierten Artikel zur Legalisierung von Vergewaltigungen sagt, dass ein Mann weiß, dass eine Vergewaltigung nicht richtig ist und dass man es ihm deswegen nicht sagen muss—wie passt das dann dazu, dass über das Thema sexuelle Gewalt Witze gerissen werden? Dass die Manipulation und Kontrolle von Frauen in einer Form diskutiert wird, die keinen anderen Schluss zulässt, als dass man sich gerade inmitten von High-Profile-Soziopathen und womöglich zukünftigen Serienmördern befindet?

      Bis dato habe ich immer die Meinung vertreten, dass man Männerrechtler—und das sind sie um Grunde alle, egal ob sie sich als solche bezeichnen, unter dem Titel „Pick-Up-Artist" frauenfeindliche Thesen in die Welt tragen oder sich einen ganz eigenen Namen für ihre Bewegung ausgedacht haben— einfach nicht ernst nehmen kann. Man muss keine Hardcore-Feministin sein, um das Gejammer der wohl privilegiertesten Gruppe der Menschheitsgeschichte überaus albern zu finden und ja, die erste Reaktion auf Videos, in denen heteronormative und frauenfeindliche Verschwörungstheorien verbreitet werden, ist es, die ganz große Wut runterzuschlucken und das Ganze auf argumentatorischer Ebene auseinanderzunehmen. Die Wahrheit ist aber: Reden, Diskussion, Meinungsaustausch macht keinen Sinn. Diese Leute hören dir nicht zu, egal wie laut du schreist. Weil du eine Frau bist.

      Noisey: Musik, Frauenfeindlichkeit und der Studentenclub, der Misshandlungen verkauft.

      Ich habe Angst. Angst davor, jeden Tag unwissend auf Menschen zu treffen, die genau diese Art von toxischer, menschenverachtender Denkweise in sich tragen. Mit jemandem nach Hause zu gehen, nachdem man sich vielleicht über Stunden hinweg absolut fantastisch unterhalten hat, um herauszufinden, dass mir in den eigenen vier Wänden, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, als Frau jegliche Art von Selbstbestimmungsrecht abgesprochen wird. Angst davor, ab jetzt bei jedem Kennenlernen in den Augen meines Gegenübers nach einem Hinweis darauf suchen zu müssen, dass sich irgendwo tief drinnen ein Monster verbirgt, das nur auf den richtigen Moment wartet, um mir seine körperliche Überlegenheit zu demonstrieren. Und das Schlimmste ist: Wenn einem nicht mal die einfachste Form der Ablehnung, ein „Nein" zugestanden wird, gibt es nichts, was man in einem solchen Moment tun kann—außer wegzulaufen. Und das habe ich vor dem „Meet & Greet" dann auch getan.

      Die Eindrücke unseres homosexuellen Redakteurs erscheinen in den kommenden Tagen.



      Titelfoto: Zeichnung (VICE Media), Feminists (bearbeitet; Rich Anderson | Flickr | CC BY-SA 2.0), Demonstrant (Elvert Barnes | Flickr | CC BY-SA 2.0)

      Themen: Deutschland, Roosh V, Berlin, Männerrechtler, LGBT, Feminismus, Sexismus, Meinung, Kultur, Verbrechen, Vergewaltigung, Pick-Up-Artist

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