Die Kakerlake und die Koksnase

von Cat Marnell


Reza Nader (The Arab Parrot)

Cat Marnell ist eine echte Person und sie ist ständig in Schwierigkeiten. Egal ob sie in einem Monat ganze drei Mal auf die Pille danach zurückgreifen muss, während einer Geschäftsreise in der Hotelbadewanne Heroin snifft oder eine Stunde zu spät zu einem Interviewtermin mit dem New York Magazine erscheint—der bekennend drogensüchtigen Beautyredakteurin geht es am Arsch vorbei. Getreu ihrem Motto „Drogen machen mehr Spaß als Arbeit!“ verlor sie vor Kurzem ihren Job bei xoJane.com, weil sie es vorzog, auf einer fancy Dachterrasse Angel Dust zu rauchen, anstatt für einen Haufen Langweiler zu arbeiten, die sie gerne clean hätten.
Aber auch davon lässt sich die mit allen Flüssigkeiten jeglicher Art gewaschene New Yorkerin nicht beeindrucken. Sie schreibt für uns über schmutzigen Sex, das New Yorker Nachtleben und Drogenkonsum, kurz: Geschichten aus dem Leben einer Beautyredakteurin auf Speed.

Mai 2012: Ich kündige meinen Job, reiße alle Brücken ab, um frei zu sein.

Dass es sich dabei nur um Wunschdenken handelt, erkenne ich erst einige Monate später.

Der Sommer zieht vorüber wie ein Segelboot. Ich treibe wie eine Wasserleiche herum. Ich arbeite nicht und das Leben ist ein langsamer Fluss: Ich bin wie ein Pinienzapfen, der von einem Kind von einer Brücke in der Erwachsenenwelt geworfen wird und stromabwärts durch die Stadt treibt.

Ein Monat, vielleicht auch zwei, vergehen, und ich bekomme Auszeichnungen und neue Jobangebote, obwohl ich das Bett kaum verlasse. 

„Ähm, warte mal“, sage ich, als die von der New York Times anrufen, um ein Interview, das ich drei Monate zuvor gegeben hatte, durchzugehen. Mein Haar ist zu einer Banane hochgesteckt und ich trage ein bodenlanges, mit Perlen besticktes Kleid, Nutten-Make-up und einen albernen Fuchspelz. Die letzten acht Stunden habe ich folgendermaßen verbracht: Ich habe Gras geraucht, mir Keeping Up With The Kardashians reingezogen, Hustensaft mit Hilfe eines Strohhalms getrunken und mich selbst im Spiegel betrachtet. „Ich muss den Fernseher leiser stellen.“

Ein zweiseitiges Essay über mich soll am kommenden Wochenende erscheinen. 

„Im verdammten Magazin!“, schreibe ich meiner Schwester. 

„Geht‘s dir gut?“, schreibt sie zurück, obwohl sie die Geschichte noch gar nicht gelesen hat.

Reza Nader (The Arab Parrot)

Alles läuft prima. Meine Dust-Dealerin Doria kommt aus dem Knast und beliefert mich prompt, als wäre sie der verdammte Osterhase in ihrem SUV. Die blonde Tochter meines Lieblingsrockstars schaut vorbei. Sie ist voll auf Ecstasy, fickt auf meiner Dachterrasse mit einem meiner Freunde, keine vier Meter von uns entfernt. Wir sitzen in einem Kreis aus Liegestühlen, rauchen Dust rauchen und tun höflicherweise so, als würden wir nichts mitkriegen. 

Ich höre, wie eine einsame Feuerwerksrakete über dem Haus, in dem ich wohne, explodiert. Leuchtend orange Funken regnen über die Avenue C und die Rockstartocher und ich kreischen gleichzeitig los.  

Ich trage keinen BH, dafür ein weißes Netztanktop von Dior Homme, Moschusöl von Kiehl’s und meine Arme sind über und über mit Filzstift vollgeschrieben. Meine Freunde diskutieren über eine Katze, die möglicherweise aussieht wie eine Eule. Ein Typ hört nicht auf, mir SMS zu schicken und mir zu sagen, dass er mich liebt, was schön ist zu hören, obwohl ich seine Liebe weder erwidere, noch mich einen Dreck dafür interessiere. 

Und die Medienanfragen trudeln weiter ein. Ich bin nicht so dumm zu glauben, die Journalisten würden nette Dinge über mich schreiben wollen, aber ich frage mich ernsthaft, was die Leute—ihre Herausgeber, ihr Publikum—wollen. 

Ich versuche also, auf der sicheren Seite zu bleiben und beschließe, für das anstehende Interview mit dem Wall Street Journal auf keinen Fall irgendwelche Aufputscher oder sonst was einzuschmeißen. Aber wie sich herausstellt, wäre es auch egal gewesen. Ich gehe zum falschen Café Gitane und erscheine schließlich 45 Minuten zu spät zum Interview. Ich schlürfe geeisten Kaffee und verkünde, dass ich sehr wenig Selbstbewusstsein habe.  

„Ich hasse mich selbst!“, sage ich zu dem Reporter. 

„Du brauchst eine Agentin“, sagt meine Freundin, eine Agentin, als ich ihr davon erzähle. 

„Ich muss verdammt noch mal raus aus diesem Mist“, erwidere ich. 

Der Schreiber vom Wall Street Journal beschreibt meine Stimme als „trostlos und sprudelnd“ und ich stelle mir dabei ein Glas traurigen Champagner vor. Zweit Tage später breche ich vor einem britischen Mädchen, das für das Wochenendmagazin des Guardian arbeitet, in Tränen aus, als sie mich fragt, ob ich mich die ganze Zeit einsam fühlen würde. Sie nimmt meine Hand. Ich schiebe es meinem niedrigen Blutzucker in die Schuhe. Dann bestelle ich mir einen Salat und erinnere sie daran, dass ich absolut pleite bin. „Aber ist es nicht toll, dass ich etwas essen will?“, sage ich, und spule mein Drehbuch ab. 

„OK, also zusammengefasst? Ich will den Leuten in Großbritannien eigentlich nur sagen, dass Pete Doherty kein von den Bösen ist“, sage ich dem Guardian. „Und ich wurde von einem IDIOTEN als sexsüchtig diagnostiziert. Ich bin nicht die Nymphomanin, als die mich das Wall Street Journal hinstellt. Schreib das rein!“

Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich tue. 

Aber ich weiß, was ich NICHT tue: Das Exposé für das Buch schreiben, von dem ich weiß, dass es von mir erwartet wird. Das Buch schreiben. Meine Kolumne für VICE rechtzeitig fertig schreiben. E-Mails beantworten. Meine Mailbox öffnen. Schlafen. Essen. SMS lesen. Leute anrufen. Wasser trinken. Etwas empfinden. Irgendwohin gehen. 

Ich kann dir nicht genau sagen, was sich geändert hat, aber für mich ändern sich die Dinge ständig und rasend schnell. 

Am schönsten Strandtag des Jahres sitze ich in meiner Wohnung und schmiere mich mit Sonnencreme ein. Ich pinne Nacktfotos von Thomas Ruff, die ich aus einem post-zeitgenössischem Sotheby’s-Katalog ausgeschnitten habe, mit Reißzwecken an die Wand. Ich schreibe Notizen auf das Innencover von How To Instantly Connect With Anyone und ich höre auf zu essen. Als die Sonne anfängt unterzugehen, gehe ich raus. Irgendwann stehe ich alleine in Soho rum und betäube das schlechte Gefühl, das mich manchmal während der Dinnerzeit beschleicht—warum lädt MICH nie jemand zum Essen ein?—und ich kaue einen Kaugummi, zupfe an meinem Trainingsanzug rum und schreibe meiner ehemaligen Assistentin Julie Sachen wie: „Wo bekomme ich um 20:30 Uhr noch falsche Wimpern, Honeeeeeeey?“ 

Julie hat ein Date. In das Notizbuch, das ich in meiner Tasche aufbewahre, schreibe ich, dass ich mich fühle, als würden tausend Messerklingen in meinem Innern herumstochern.  Schuldige, beunruhigende Schmerzen: Ich verkacke.


Reza Nader (The Arab Parrot)

Am nächsten Tag (nicht, dass ich geschlafen hätte) sitze ich im Wartezimmer meines Psychotherapeuten, kaue auf einem Rosenkranz rum und höre dabei „Call Me Maybe“. Ich bin traurig und like leichtsinnigerweise jedes Foto auf Instagram—meine besten Freunde befinden sich in Aspen, L.A. und den Hamptons. 

Als Dr. F mich begutachtet, glänze ich wie eine Clearasil-Werbung. 

„Wie ist es Ihnen seit ihrem letzten Termin ergangen?“, fragt mich mein Arzt. „Der wann war? Vor fast drei Wochen? Wie ist ihr August?“ Er hält schon seinen Rezeptblock und meine Akte bereit. Er ist 79. 

„Friedvoll!“, verkünde ich. „Und FAUL!“ Ich verlasse den Raum schwebend, ganze fünf Rezepte in der Hand. Ein seltsamer Strom trägt mich. 

In diesem Sommer habe ich mich zu einem Rehkitz runtergehungert. Ich zittere ständig. Ich stürze Treppen hinab. Mein Agent leitet eine Mail an mich weiter. Sie ist von Narconon, der Pro-Sauna-Scientology-Entziehungskur, die ich so gerne ausprobieren möchte: Sie wollen helfen. Ich beschließe hinzugehen, sobald ich mich stärker fühle.


Reza Nader (The Arab Parrot)

Noch mehr Presse. Page Six-Reporterinnen sitzen in meiner Wohnung und schauen mir zu, wie ich mich schminke und eine große, halbvolle Flasche Gatorade mit Wodka auffülle. Ich bin die ganze Nacht besoffen und sie folgen mir und meinen Freunden rund um den Ballsaal des Jane Hotels und zu The Box. Ich bin fertig und ausgebrannt, aber tue so als stünde ich unter Strom. Ich schlendere herum, im Versuch für die Fotografin sexy rüberzukommen. 

„Haben meine Schlüsselbeine den Selbstbräuner genau so gut angenommen wie der Rest meines Körpers?“, frage ich die Fotografin. „Schimmern sie?“

Nach etwa einer Stunde erschauere ich, halte inne, wirble auf meinem Absatz herum und stelle mich den Page Six-Mädchen. Ich jammere ihnen was vor: Darüber, wie sehr mir die Geschichte Angst macht und dass ich drogensüchtig und kein Partygirl sei und dass ich ein Wrack bin und mich frage, warum ich das überhaupt mache und was mache ich hier überhaupt? Der Blick der Fotografin ist voller Mitleid. Die Autorin verspricht mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. 

Ich sage immer wieder dämliche Sachen wie „Noch vor zehn Jahren habe ich auf Boxen zum Sound von Justin Timberlake getanzt!“ „Ich war mal ganz normal!“

Weitere Tage vergehen. Erholung, Liebenswürdigkeit und Licht gebe ich auf. Wodka-Grapefruit zu trinken, wann immer mir danach ist, gebe ich auch auf. Ich gebe im wahrsten Sinne des Wortes alles auf, was Nachts passiert und glaube deshalb, nicht schreiben zu können. Ich rauche Opium-Hasch während der Afterhour im hinteren Bereich des Clubs. 

Ich eiere durch meine Wohnung, trage dabei gold- und cremefarbene Gogo-Stiefel von Givenchy und schmiere mir die Lippen mit Lippenstift voll. Wie eine Grande Dame rauche ich Ultralight-Zigaretten im Stehen. Ich beobachte durch mein Fenster, wie Sommerregen einsetzt. Der Schlafentzug bringt meine Gefühlswelt durcheinander. Ich komme in meiner eigenen Welt nicht mehr zurecht. Ich weine und höre Mötley Crue: „Girls, girls, girls!“

Jetzt befinde ich mich auf der Avenue B auf dem Nachhauseweg. Ich trage silberne Lanvin-Slipper an den Füßen und meine High-Heels in der Hand. Der Morgen dämmert. Neben mir, auf dem Asphalt, läuft eine Kakerlake. Die Schlampe kann sich bewegen. Sie ist so schnell wie ein Auto. Ich habe ein neongrünes Newport-Snapback auf dem Kopf. Ich bin es so satt, mich beweisen zu müssen. 

Ich bin in der Bar abgestürzt und der Himmel ist grau wie ein Esel. Das Wall Street Journal bezeichnete mich als Junkie. Ich wende mich meiner kleinen erlesenen Presseauschnitt-Biographie zu. Rodney King ist in diesem Jahr während der Morgendämmerung in seinem Swimmingpool gestorben. Der Körper kann kentern wie ein Boot. Der Verstand kann durch Koks und Speed abstürzen wie ein Flugzeug. Könnte man sagen, ich habe ein Drogenhirn? Es ist ein verwirrender Ort, ich weiß. 

Regen setzt ein und wächst schnell zu einem Platzregen heran, vor dem es kein Entrinnen gibt, was OK ist. Eine von Kopf bis Fuß durchnässte, runterkommende Blondine sieht chic und trés Carolyn Bessette aus. Das sind mit die wichtigsten Dinge, die man lernen muss, wenn man jede Nacht die Stadt auf eigene Faust durchstreift. Ich weiß, wie ich weiterkomme. Ich bin so dünn, ich schlüpfe durch den Sturm wie ein Modellboot durch den Flaschenhals. Wie ein Geist folgt mir die Kakerlake nach Hause.
 


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