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      Auf ein Schnitzel im Irak

      January 28, 2013

      Von Felix Nicklas

      Online-Redakteur

      Text und Fotos von Felix Nicklas


      Gunter importiert pro Monat 450 Fässer Bier aus Deutschland, das über den Seeweg von Antwerpen in die Türkei und dann über Land nach Erbil gelangt.

      Seit dem Abzug der letzten US-Kampftruppen ist der Irak aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt und wurde vom blutigen Konflikt im benachbarten Syrien aus den Schlagzeilen verdrängt.

      Auch exakt ein Jahr nachdem die Überreste der „Koalition der Willigen“ im Dezember 2011 dem Irak den Rücken gekehrt haben, wird das Land immer wieder von schweren Anschlagsserien erschüttert. Alleine im Dezember 2012 starben 48 Menschen bei Überfällen und Bombenanschlägen in Bagdad und Mosul. Über 100 wurden teils schwer verletzt.

      Doch neben Orten wie Bagdad, Mosul oder Kirkuk, in denen die Situation noch immer chaotisch ist, ist die Lage im Norden des Landes vergleichsweise stabil. Im Nordirak ist die autonome Region Kurdistan jedoch ein von Konflikten umringtes Eiland, das jederzeit wieder im Chaos versinken könnte. Sie grenzt an Syrien, den Iran und die Türkei und ist zudem in einen schwelenden Konflikt mit der Zentralregierung in Bagdad verwickelt, der sich aufgrund der reichen Ölvorkommen im Norden jederzeit zu einem Bürgerkrieg entwickeln könnte.

      Seit der grünstichigen CNN-Berichterstattung 1991 über den zweiten Golfkrieg, die sich in mein Gedächtnis gebrannt hatte, war es eine stille Obsession von mir, die „Wiege der Menschheit“ zu besuchen, wo ab dem 4. Jahrtausend vor Christus die frühsten Hochkulturen der Welt entstanden. Ich wollte das Zeitfenster und die Ruhe vor dem Sturm nicht verpassen, bevor die Region womöglich tatsächlich wieder explodiert. Mein Interesse war allerdings endgültig geweckt, als ich las, dass es in dieser (laut Auswärtigem Amt) „Krisenregion“ neben all den fantastischen, 4.000 Jahre alten Spuren einer der ersten Hochkulturen der Menschheit auch die einzige deutsche Kneipe des Irak gibt, in der Sauerbraten serviert und dazu nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrautes Bier ausgeschenkt wird.

      Nach dem Flug mit einer jordanischen Fluggesellschaft, deren zwielichtiges Image meine Flugangst wenig zu beruhigen vermochte, samt einmaligem Durchstarten aufgrund zu starken Bodennebels, anschließend 24 Stunden gezwungenem Aufenthalt in Amman, Jordanien, und endlosem Warten in einer weiteren Maschine, die sich schließlich als kaputt herausstellte, landete ich irgendwann eher schlecht als recht in Erbil. Ich war überrascht, mich plötzlich in einem nagelneuen und marmorgetäfelten Flughafengebäude wiederzufinden, das für die selten an- und abfliegenden Maschinen mit ihren wenigen Fluggästen vollkommen überdimensioniert erschien. Der Flughafen wurde innerhalb nur weniger Jahre aus dem Boden gestampft und lässt die Planlosigkeit rund um den Berliner Flughafenbau regelrecht anarchisch anmuten.

      Bedingt durch die sprudelnden Einnahmen aus dem Ölgeschäft vermarktet die kurdische Autonomieregierung die Region mit ihrer Hauptstadt Erbil gerne als ein neues Dubai. Der kurdische Minister Falah Mustafa Bakir, der auch der landeseigenen Behörde für „internationale Beziehungen“ vorsteht, prognostizierte mir in einem Interview, dessen beinahe übertrieben prunkvoller Rahmen eher den Anstrich einer Audienz trug, Kurdistan deshalb eine strahlende Zukunft: „Vor ein paar Jahren sah hier alles noch aus wie ein Dorf und wir haben die Vision, ein Model für die gesamte Region zu sein und aus Kurdistan eine Marke zu machen.“

      Doch laut der aktuellen „Global Trends 2030 Studie“ des National Intelligence Council, eines Thinktanks der US-Regierung, hat die Region unter anderem auch durch den seit 1984 herrschenden Konflikt zwischen Kurden und Türken das Potenzial, die Türkei zu spalten und neben Syrien und Palästina zum dritten großen Konflikt im Nahen Osten zu werden. Bereits Anfang Januar 2013 kam es erneut zu einem Zwischenfall, bei dem türkische Militärs an der türkisch-irakischen Grenze zwölf kurdische Kämpfer getötet haben, die zuvor von der irakischen Seite aus türkische Checkpoints attackierten. Darauf angesprochen beschwichtigt Bakir jedoch: „Die Beziehungen zur Türkei sind ausgezeichnet und wir wollen sie in der Zukunft sogar noch vertiefen.“

      Ein Scheinwiderspruch, der jedoch nicht besonders überrascht, wenn man diese „sehr guten Beziehungen“ nur auf die Wirtschaft beschränkt. Kurdistan hat damit begonnen, auf eigene Faust—und an der Kontrolle durch die Zentralregierung in Bagdad vorbei—Erdöl im Wert von geschätzt über 8 Milliarden Dollar zu exportieren. Die Zentralregierung sieht die Direktexporte jedoch als illegal an. Die kurdische Regionalregierung hatte vergangenen Monat den Export über die von Bagdad kontrollierte Leitung in die Türkei wegen angeblich ausstehender Zahlungen der Zentralregierung eingestellt. Bagdad hat im Gegenzug Panzer und Soldaten in den Norden geschickt, wo sie nun in einem Patt den kurdischen Peschmerga-Truppen gegenüberstehen.

      „Das Land hat nur Krieg gekannt: erst die Unterdrückung durch Saddam, dann der Bürgerkrieg unter den Kurden. Und nun kennen sie erst seit ein paar Jahren Frieden“, analysiert Gunter Völker, der Wirt des „Deutschen Hofes“—eben jener einzigen deutschen Kneipe im Irak—umgeben von Hirschgeweihen, allerlei deutschen Nippes und dem monotonen Geschwafel von Susanne Conrad des ZDF Mittagsmagazins im ansonsten menschenleeren, holzgetäfelten Gastraum die Lage.

      Sein Wirtshaus befindet sich in Ainkawa, einem christlichen Stadtteil Erbils, der im Vergleich zu anderen Orten im Irak, in dem Christen und andersgläubige Minderheiten verfolgt und ermordet werden, im wahrsten Sinne eine Oase der Freiheit ist. Inmitten dieses recht liberalen Viertels können Frauen, anders als im Rest des Landes, unverschleiert über die Straße gehen und die verschiedenen Konfessionen haben sich friedlich arrangiert. Sogar Alkohol wird offen verkauft und ausgeschenkt.


      Vor Jahrzehnten wurden die Peschmerga, was soviel bedeutet wie „Die dem Tod ins Auge Sehenden“, als Milizen- und Guerillatruppe gegründet. Nach Saddams Sturz wurden die irakisch-kurdischen Kämpfer in Regionalgarde umbenannt. Sie sichern seitdem die kurdischen Provinzen.

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