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Ausgebombt in Kreuzberg
Das Schicksal ist schon ein besonders mieses und heimtückisches Stück. Da schreibe ich diese Woche noch über die Altlasten des zweiten Weltkrieges und zwei Tage später macht mich ein Blindgänger aus der Vergangenheit für einen Tag obdachlos.
Gestern wurde ein großer Teil Kreuzbergs weiträumig abgesperrt, als man beim Graben im Schlick der Spree eine 250 Kilogramm schwere Hinterlassenschaft von Bomber-Harris ausgrub. Der Kiez wurde evakuiert und Menschen befanden sich vor dem nicht enden wollenden Bombenkrieg in Berlin auf der Flucht. Da ich ebenfalls evakuiert wurde, nichts besseres zu tun hatte und von existenzieller Furcht beseelt war, machte ich mich auf die Suche nach der von der Polizei und den Ordnungskräften angepriesenen Zuflucht von der niemand so richtig wusste wo sie denn genau zu finden sei. Ich fragte mich also durch die Ströme der flüchtenden Kreuzberger, die angesichts der nahenden Katastrophe das machten, was sie meistens tun. Eher nichts, oder dann doch mal eine Molle trinken.

Nichts ging mehr. Irgendwie aber auch der Normalzustand in Kreuzberg.

VICE: Wo wohnst du?
Konstantin: In der Köpenicker Straße.
Und wann wurdest du heute rausgeholt?
Ich wurde nicht rausgeholt. Ich war draußen, zufälligerweise.
Und jetzt bist du auch obdachlos?
Ja, jetzt komm ich nicht mehr nach Hause. Und ich muss dringend pinkeln, aber ich weiß schon, wo.
Und wie lange bist du jetzt schon unterwegs und musst pinkeln?
Na, fünf Stunden.
Und jetzt fährst du noch ein bisschen weiter?
Jetzt geh ich erstmal was essen und was trinken. Muss ja auch mal sein, wa? Fünf Stunden unterwegs, aber wenn ihr das druckt, dann werde ich ja hier im Kiez noch berühmt.
Machen wir.

Gerade aus ging es zur Bombe.

VICE: Seid ihr auch Flüchtlinge?
Maria: Ja.
Und wie lange sitzt ihr schon auf der Straße wegen des Bombenkrieges?
Seit jetzt erst.
Und seid ihr aus der Wohnung rausgeschmissen worden? Von der Polizei?
Von den Eltern.
Schöne Sache, von den Eltern geräumt zu werden...
Das ist ein Verbrechen, würde ich sagen. Wir sollen wohl lernen, auf eigenen Füßen zu stehen.
Und jetzt seid ihr schon den ganzen Tag Eis essen?
Werden wir gleich, ja. Und was machst du?
Ich bin auf der Suche nach Flüchtlingen die sich mit mir mein Schicksal teilen und der Notunterkunft.
Trixie hört endlich mit dem telefonieren auf...
Bist du auch von den Eltern rausgeworfen worden?
Trixie: Ja, vor zehn Jahren schon.
Da hat es also nicht erst eine Bombe gebraucht?
Bombe?
Na die Bombe, der Krieg, der Bombenkrieg in Kreuzberg, davon hast du was mitbekommen, oder?
Kernschmelze?
Ja, genau. Es ist gerade wirklich ziemlich viel los auf dieser Welt, furchtbar...
Absolut.

Diese Gelassenheit verstärkte nur meinen Wunsch vor der nahenden und bestimmt eintretenden Katastrophe, die meine Wohnung, meine Existenz und meinen grundfesten Glauben an irgendwas wie eine, nun ja Bombe, erschüttern würde, Schutz zu suchen. Und wohin gehen Leute in finsterer Nacht, wenn sie die sichere Zuflucht der Notunterkunft nicht finden können? Sie begeben sich in die Arme der Kirche, natürlich, dort würde ich bestimmt Rettung, Lügen und die Nähe meiner ebenfalls ausgebombten Nachbarn finden.

VICE: Halb Kreuzberg ist evakuiert und ihr habt einen schönen Tag?
Robert: Aber was ist das für eine Bombe? Ich dachte, das ist so ein Zweiter Weltkriegs-Ding.
Eine 250 kg Fliegerbombe. Wenn da was passiert, dann macht das einen großen Knall und danach ist dann nichts mehr wie es mal war.
Robert: Aber die finden sie ja nicht so selten. Es ist ja selten, dass sie hochfliegen.
Vor ein paar Jahren haben sie mal eine gefunden, auf der Autobahn. Da ist jemand rübergefahren und da hat es dann schön laut Bumms gemacht.
Robert: Ah, OK.
Orly: So lange es nur Krach macht.
Schon mal nah an einer Explosion dran gewesen?
Orly: Ich komme aus Jerusalem. Und damals im Golfkrieg habe ich die Scud-Raketen immer gehört.
Aber du warst bestimmt in einem Bunker?
Orly: Ja, jedes Gebäude in Israel hat einen Keller. Aber unsere Angst war, dass das eine chemische Bombe ist. Aber ist da jetzt alles unter Kontrolle? Ich meine, es ist ja eigentlich kein Problem...
Robert: Da ist kein Bus direkt vor dir explodiert. Das einzige Problem ist, dass wir kein Eis kaufen können.
Da vorne hat eine Eisdiele auf.
Robert: Aber nicht unsere Lieblingseisdiele.

Verstört torkelte ich weiter durch das Elend, entlang der Krakelenden, der Verzweifelten und hoffnungslos Betrunkenen der Skalitzerstraße, bis ich schließlich die Notunterkunft erreichte. Ein Bild des Grauens bot sich mir dar. Touristen. Im Kiez. Party-Touristen. Der Pöbel, der den ehrlich nichtsschaffenden Kreuzbergern das mittelmäßige Leben vermiesen will und nun auch noch die Plätze in der letzten Arche vor der Apokalypse okkupiert.

VICE: Ihr da, Touristen. Flüchtlinge?
Tourist 1: Ja.
Wie lange seid ihr schon hier?
Tourist 1: So seit drei Uhr. Um die drei Stunden.
Und es ist schon sehr deprimierend hier in Berlin, oder?
Tourist 2: Ja, Sehr deprimierend.
Tourist 3: Wir wollen schlafen. Wir waren die ganze Nacht feiern.
Tourist 2: Und wir haben überhaupt nicht geschlafen, weil wir vom Hotelleiter aufgeweckt worden sind. Er hat gesagt, wir sollen aufstehen, da ist eine Bombe, geht in eine Bar.
Tourist 1: Und wir haben gesagt: OK, wir gehen aber in den Park .
Warum seid ihr überhaupt hierher gekommen?
Weil uns das jemand gesagt hat und wir nicht wussten, wohin wir sonst gehen sollten.
Habt ihr schlafen können?
Tourist 3: Was? Hier? Nein, haben wir nicht.
Wo habt ihr die ganze Nacht gefeiert?
Tourist 3: Im Watergate. Wir haben auf der Bar getanzt.
Tourist 2: Wir waren bis neun dort.
Tourist 3: Ich habe gar nicht geschlafen.
Und? Wie geht es dir deswegen?
Tourist 3: Sehe ich schlecht aus? Ich bin wirklich müde.
Jetzt wollt ihr bestimmt zurück in euer Hotel und schlafen?
Tourist 3: Die ganze Nacht. Wir werden nicht mehr feiern. Erst morgen wieder.
Willkommen in Berlin und denkt daran, hier gibt es überall Bomben. Woher kommt ihr überhaupt?
Touristen im Chor: Dänemark.
Dann erzählt denn Leuten dort mal wie es hier so ist.

In diesem Moment wurde Entwarnung gegeben. Das Frösteln, das ich den ganzen Tag spürte, lies von mir ab und die fünf anderen in der Notunterkunft anwesenden Greise, die durch dieses Ereignis irgendwie sehr nostalgisch und seltsam bewegt waren trotteten mit mir langsam wieder dem Licht Kreuzbergs entgegen.



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